Mönchengladbach: Interview mit Sozialplaner Gerhard Kalter

Mönchengladbach: „Die soziale Mischung in den Stadtteilen stimmt“

Sozialplaner Gerhard Kalter und sein Team haben die 44 Stadtviertel analysiert. Ein Gespräch über sinnvolle Quartiersarbeit.

Herr Kalter, in welchem Stadtteil Mönchengladbachs wohnen Sie?

Kalter Ich habe, als ich nach Mönchengladbach kam, im Zentrum der Stadt an der Kleiststraße gegenüber dem alten Finanzamt gewohnt. Ich habe damals im Allgemeinen Sozialen Dienst gearbeitet und konnte zu Fuß zur Arbeit gehen. Aber ich bin doch ein Landkind. Deshalb wohne ich heute in Hochneukirch in Jüchen , ganz nah an Mongshof und Sasserath.

Sie und Ihr Team haben die 44 Mönchengladbacher Stadtteile analysiert. Was haben Sie dabei gelernt?

Kalter Das ist eine gute Frage. Wir haben uns die 44 statistischen Stadtteile angesehen, aber in Wirklichkeit gibt es noch deutlich mehr Quartiere. Allerdings kann man in der Analyse nicht zu kleinteilig werden, dann reichen die statistischen Daten nicht mehr. Ich war erstaunt, wie viel Quartiersarbeit es in den verschiedenen Stadtteilen schon gibt. Allein in Rheydt gibt es drei unterschiedliche Quartiersprojekte: Nämlich erstens, die Stadtteilkonferenz, die vom Quartiersmanagement des SKM und der Familienbildungsstätte organisiert wird. Dann das Nachbarschaftsprojekt des Paritätischen, das das Gebiet östlich der Limitenstraße bis Bonnenbroich-Geneicken umfasst und viele Projekte und Exkursionen auf den Weg bringt. Und schließlich die von den evangelischen und katholischen Kirchengemeinden initiierte Quartierskonferenz für die Bereiche Rheydt-West. Das ist schon eine ganze Menge.

Was hat Sie am meisten überrascht?

Kalter Ich kann nicht sagen, dass ich überrascht wurde. Dazu bin ich schon zu lange in der Sozialarbeit und der Sozialplanung in Mönchengladbach tätig. Vieles hat sich bestätigt. Zum Beispiel, wie ländlich Mönchengladbach in vielen Bereichen ist. Von der Fläche her ist die Stadt so groß wie Düsseldorf, aber es leben nur halb so viele Menschen hier. Weil diese Mischung aus urbanem Kern und ländlichen Außenbezirken so wichtig ist, habe ich mit den drei Mitarbeitern, die die Bestandsaufnahme der Stadtteil- und Quartiersarbeit übernehmen sollten, aber alle nicht aus Gladbach stammten, erst einmal eine Tour durch die Stadt gemacht.

Was haben Sie den neuen Mitarbeitern gezeigt? Was ist prägend für Mönchengladbach?

Kalter Wir sind am Nordpark vorbei nach Rheindahlen gefahren, dann über Wickrath, Odenkirchen, Giesenkirchen und Neuwerk, also einmal rund um Mönchengladbach herum. Es gibt Gegenden, da merkt man, wie man als Fremder aus den Fenstern beäugt wird. Das ist wie in einem Eifeldorf. Als Sozialplaner kenne ich natürlich auch die Wohngegenden, in denen eher sozial Benachteiligte leben. Aber die Armut, die immer noch vorhanden ist, ist heute in den Straßenzügen nicht mehr so wahrzunehmen wie vor dreißig Jahren. Mönchengladbach zeichnet sich nicht nur dadurch aus, dass ländliche und urbane Teile dazugehören, sondern auch durch eine soziale Mischung in den Stadtteilen. Es gibt keine solche Segregation wie in vielen anderen Städten in NRW. An einem Ende einer Straße können Villen stehen, am anderen Ende Sozialwohnungen.

Wie sind Sie bei der Analyse weiter vorgegangen?

Kalter Wir haben mit den Bezirksvorstehern und den Bezirksverwaltungsstellen gesprochen und viele Informationen über die Vereinsstrukturen bekommen. In den verschiedenen Stadtteilen sind Heimatvereine, Schützenbruderschaften, Kleingärtner und viele andere Vereinigungen aktiv. Die Bezirksvorsteher und die Verwaltungsstellen kennen diese Strukturen und wissen, wer besonderen Einfluss auf die Gestaltung des Stadtteils oder der Honschaft nimmt. Wir haben viele Tipps bekommen und es wurden auch Kontakte vermittelt. Die Gespräche haben meist meine Mitarbeiterinnen geführt. Sie haben auch soweit wie möglich an existierenden Quartiersversammlungen teilgenommen. Ich habe für den Rahmen und die wissenschaftlichen Instrumente der Befragungen gesorgt.

Aus der Datenanalyse gehen große Unterschiede im Stadtgebiet hervor. Der Ausländeranteil variiert von null bis vierzig Prozent, die Arbeitslosen- oder SGBII-Quote weist riesige Spannweiten auf. Kann es da ein Konzept für alle Quartiere geben?

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Kalter Das ist in der Tat ein Problem. Wir sind ursprünglich angetreten, um ein Konzept für die Stadtteil- und Quartiersarbeit in Mönchengladbach zu entwickeln. Herausgekommen ist aber kein Konzept, sondern eine Bestandsaufnahme. Wir haben die Charakteristika der Stadtteile komprimiert dargestellt. Auch die soziale Situation wurde natürlich in den Blick genommen und neutral präsentiert. Das Ganze war eine Fleißarbeit, die notwendig war und jetzt die Grundlage für die weitere Entwicklung darstellt.

Was passiert jetzt damit? Hätte man es nicht als Beratungsvorlage einbringen und mit Finanzmitteln hinterlegen müssen?

Kalter Das wäre aufgrund der finanziellen Lage der Stadt nicht sinnvoll gewesen. Aber wir wissen jetzt, wo wir ansetzen können. Die Erfolgsfaktoren für eine gelingende Quartiersarbeit sind identifiziert. Einrichtungen wie Kitas, Schulen und Altenheime müssen als Akteure eingebunden werden. Und ganz wichtig: Ehrenamt geht nicht ohne Hauptamt. Es muss Hauptamtler geben, die moderieren, Gesprächsrunden leiten und bei Krisen eingreifen können.

Wie geht es jetzt weiter mit der Quartiersarbeit in den Stadtteilen? Worin besteht Ihre weitere Aufgabe?

Kalter Wir unterstützen, begleiten und führen zusammen. Das tun wir dort, wo von Seiten der Bürger der Wunsch signalisiert wird. Drei Stadtteile werden wir außerdem in Kooperation mit der Hochschule Niederrhein intensiver betrachten, nämlich Uedding, Odenkirchen und Hehn. In Odenkirchen war beispielsweise die funktionierende Stadtteilkonferenz eingeschlafen, weil ein führender Akteur in den Ruhestand ging. Dort haben wir zu einer Bürgerversammlung eingeladen. Die Politik hat die Initiative unterstützt und schließlich waren über sechzig Leute an diesem Abend dabei. Wenn aus diesem Kreis heraus Projekte vorgeschlagen und entwickelt werden, unterstützen und begleiten wir sie. Auch in Hehn haben wir zu einer Bürgerversammlung eingeladen und auch hier war der Wunsch groß, so etwas dauerhaft einzurichten.

In dezentralen Stadtteilen fallen immer wieder ähnliche Bedürfnisse auf: Stadtteiltreffs, am besten in einer Gastwirtschaft, und Versorgung durch Einzelhandel. Wie lässt sich das beeinflussen?

Kalter Das ist nicht nur in den dezentralen Stadtteilen so. Mir fällt beispielsweise Dahl ein, wo darüber diskutiert wird, ob eine Kneipe als Stadtteiltreff von engagierten Bürgern betrieben werden kann. Die Idee der Kneipenrettung ist uns immer wieder begegnet. Allerdings wird vieles oft beklagt, aber nicht gelebt. Die Kneipen würden ja nicht eingehen, wenn die Leute hingingen. Wir können als Sozialplaner auch nichts verordnen, wir nehmen Bewegungen auf, die vor Ort entstehen.

Welche Rolle spielt das Wohnen ?

Kalter In unserer Analyse spielt der bauliche Aspekt erst einmal keine Rolle. Damit beschäftigen sich die Stadtplaner im Masterplan Stadtbezirke. Das wird dann später in die Gesamtsicht einfließen. Als Sozialplaner werden wir uns aber gemeinsam mit den Stadtplanern verstärkt dem Wohnungsmarkt widmen. Wir wissen, dass in den ländlichen Bereichen älteren Menschen sehr große Wohnflächen zur Verfügung stehen. Irgendwann einmal haben wir dort unter Umständen viel Leerstand. Dazu müssen wir uns heute Konzepte für die Zukunft überlegen.

Wenn Sie nicht in Hochneukirch leben würden, wohin würden Sie nach der Analyse ziehen?

Kalter Nach Sasserath oder Odenkirchen. Odenkirchen zum Beispiel hat einen schönen Innenstadtbereich und ein wunderbares Umland. Wie gesagt, ich mag das Landleben.

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