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Mönchengladbach: Interview mit Künstler-Ehepaar Thomas Virnich und Ulrike Schröter

Mönchengladbach : „Wir hatten immer eine eigene Schule“

Das Künstlerpaar spricht im Interview über Weihnachten mit Hirschbraten auf Mallorca, über auseinandergesägte Krippenfiguren und das Barbiepferd ihrer Tochter Lotte, das Thomas Virnich zu Kunstzwecken auseinandernahm.

Die Teilnehmer an der Gesprächsrunde versammeln sich in Thomas Virnichs Atelier in Bettrath. Auf dem Weg ins Atelier überquert man einen faszinierenden Hof voller Kunstwerke, Maschinenteile, Spielzeuge oder Kuriositäten. Als noch eine Sitzgelegenheit fehlt, holt Ulrike Schröter einen alten Hocker aus dem Nebenraum, an dem man die Sitzfläche hochklappen kann. Darunter ist Stauraum. „Da baut sich Thomas noch eine Welt hinein“, kommentiert sie, bevor sie sich darauf setzt.

Seit wann leben Sie beide in der Bettrather Volksschule? Wie fühlt es sich an, in einer Schule zu leben?

Virnich Wir sind 1987 hier eingezogen, zwei Jahre, bevor unser erstes Kind geboren wurde.

Schröter Ich wollte eigentlich partout nicht nach Mönchengladbach. Wir lebten in Aachen, mussten aber aus dem Atelier, in dem wir auch wohnten, ausziehen. Während Thomas ein Stipendium in Florenz hatte, habe ich nach einer Wohnung gesucht. Eigentlich wollte ich nach Köln. Oder nach Berlin. Jedenfalls in eine Metropole. Als ich mir die Schule angesehen hatte, war ich erst irritiert. Ich hatte Lehramt studiert und jetzt sollte ich plötzlich in einer Schule wohnen. Aber es war dann doch eine sehr gute Entscheidung. Die Kinder hatten hier ein gutes Umfeld und ich fühle mich sehr wohl in der Stadt.

Virnich Für mich war es nichts Ungewohntes. Mein Vater war Werklehrer und Direktor einer Schule für Lernbehinderte. Nachmittags war er in der Werkstatt und wir haben auf dem Schulhof gespielt. Eigentlich hatten wir immer eine eigene Schule. Und diese Gebäude hier sind ganz herrlich. Unsere Tochter Lotte und der kleine Theo leben auch hier.

Sie wollten erst nicht nach Gladbach und leben jetzt doch gern hier. Was ist besonders an der Stadt?

Auf dem Schulhof haben sich Kunstwerke, Maschinenteile, Spielzeuge und allerlei Kuriositäten angesammelt. Foto: Jana Bauch

Schröter Ich finde es toll, dass ich hier Oper, Fußball und das Museum Abteiberg gleichzeitig habe und trotzdem immer einen Parkplatz kriege. Ich fahre gern nach Düsseldorf, aber ich komme auch sehr gern wieder zurück.

Sie sind leidenschaftliche Sammler. Der Schulhof ist voll. Ab wann können Sie nichts mehr unterbringen?

Schröter Das ist jetzt schon so.

Virnich Wir haben in Soller noch ein Haus, dort ist noch Platz.

Auf Mallorca?

Virnich Ja, es ist ein Stadthaus, etwas barocker, mitten in der mittelalterlichen Stadt. Wir sind oft da. Jetzt zu Weihnachten feiern wir mit der ganzen Familie dort. Nur eine unserer drei Töchter bleibt hier, sie hat einen Auftritt.

Wie feiern Sie Weihnachten auf Mallorca? Ganz klassisch?

Schröter Ja, ich nehme immer einen Hirschbraten mit. Wir haben einen kleinen Christbaum, es gibt Kuchen. Und wir gehen zur Messe. Entweder zur deutschsprachigen in Palma oder wenn wir das nicht schaffen, in Soller, wo es eine kleine Kathedrale im Gaudi-Stil gibt. (lacht) Wir sind streng katholisch und halten uns an die Traditionen.

Gibt es Geschenke?

Virnich Für unseren Enkel schon.

Schröter Wir schenken uns, dass wir da sein dürfen und dem Konsum entfliehen können. Wir haben sowieso so viele Dinge.

Sie haben auch schon mit Krippenfiguren künstlerisch gearbeitet.

Virnich Ja, ich habe alte Krippenfiguren bekommen, die von Holzschimmel befallen waren. Ich habe sie auseinander gesägt, leicht versetzt und wieder zusammengeleimt. Auch Maria und Jesus habe ich liebevoll zersägt. Durch das Versetzen ist eine Bewegung entstanden.

Ihre Kinder sind in einem Künstlerhaushalt groß geworden. Wie haben sie das empfunden?

Thomas Virnich kreiert mancherlei Figuren und architektonische Gebilde. Foto: Jana Bauch

Schröter Sie haben sich anregen lassen. Klara war vier oder fünf, da hat sie mit Schubladen, Brettern und Puppen Installationen geschaffen, kleine Städte. Oder Lotte hat zum Beispiel mal eine Mückenquetschmaschine gezeichnet – ein bisschen wie bei Max und Moritz. Einmal allerdings war sie total entsetzt. Da hat sich Thomas ein Barbiepferd aus dem Kinderzimmer geholt, weil er ein Pferd für seinen Entwurf des Kunstwerks zum Magdeburger Halbkugelversuch brauchte. Lotte ist in Tränen ausgebrochen, als sie das zersägte Pferd entdeckte.

Virnich Aber heute steht das Modell im Technischen Museum in Magdeburg, das Original in Bronze gegossen auf dem Markt.

Sie sind ein gefragter Künstler, haben in ganz Deutschland ausgestellt. Sie waren bei der Documenta 8 in Kassel und haben diverse Auszeichnungen und Stipendien erhalten. In Mönchengladbach ist aber nur eine Arbeit von Ihnen zu sehen – der „Turm von Babel“ vor dem Rathaus. Sehen Sie sich unterrepräsentiert?

Virnich Es gibt noch ein zweites Werk – den Wasserspeier am Münster. Aber der ist so hoch angebracht, dass man ihn schwer sieht. Ich weiß nicht, ob ich unterrepräsentiert bin, aber der Sonnenhausplatz, wo heute die Esel stehen, hätte mich schon interessiert.

Sie sind Professor an der Kunstakademie in Braunschweig und unterrichten dort seit 25 Jahren. Hat sich in dieser Zeit viel verändert?

Virnich Die Studierenden sind viel jünger geworden. Es wäre besser, wenn sie schon mehr vom Leben kennen würden. Es ist häufig so, dass sie von nichts Ahnung haben, aber über alles Bescheid wissen. Man muss erst einmal die handwerklichen Grundlagen schaffen.

Ist das Handwerk für die Kunst wichtig?

Virnich Auf jeden Fall. Man muss über das Material Bescheid wissen. Oder sich bewusst sein, dass man nicht darüber Bescheid weiß.

Thomas Virnich und Ulrike Schröter sind ein fröhliches Paar. Für RP-Fotografin Jana Bauch machen sie gern einen Jux mit. Foto: Jana Bauch

Frau Schröter, Sie sind auch Künstlerin, machen Installationen und Skulpturen. Fühlen Sie sich im Schatten Ihres berühmten Mannes?

Schröter Jeder von uns macht seine Arbeit. Allerdings hätten bei drei Kindern zwei Karrieren nicht funktioniert. Aber schließlich arbeiten und leben wir zusammen, das hat auch viele Möglichkeiten eröffnet. Wir inspirieren uns gegenseitig. Und wir arbeiten auch gemeinsam an Kunstwerken wie jetzt an dem großen Pferd.

Was wird das nächste Jahr für Sie bringen?

Virnich Erst einmal gibt es ein großes Familienfest der Virnichs im Sauerland. Drei aus unserer Familie haben zu Silvester Geburtstag. Beruflich steht als nächstes eine Ausstellung in der Villa Goecke in Krefeld an. Und eine Ausstellung in Zürich.

Das Gespräch führten Denisa Richters, Angela Rietdorf und Inge Schnettler.