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Mönchengladbach: Interview mit Jongleur Luca Pferdmenges

Interview mit Luca Pferdmenges : „Vor Klausuren habe ich immer jongliert“

Der 18-jährige Mönchengladbacher Künstler hat sich mit seinem Talent selbstständig gemacht. Im Interview spricht er über sein Leben in der Corona-Krise und darüber, dass ein Jongleur gute Nerven und einen langen Atem besitzen muss.

Herr Pferdmenges, sind Sie gerade in Mönchengladbach bei Ihrer Familie?

Pferdmenges Nein. Ich bin gefangen in Totnes, England bei meiner Freundin Sophia Robinson. Uns geht es aber bestens, ich verbessere meine Hula-Hoop-Skills und sie arbeitet an ihrer Vier-Ball-Jonglage.

Wo würden sie jetzt normalerweise wohnen?

Pferdmenges Ich wohne mittlerweile in Österreich. Es gibt dort eine Gruppe, die nennt sich Jonglissimo, denen bin ich so vor anderthalb Jahren beigetreten. Damals waren sie sozusagen meine Vorbilder, die Idole in der Jonglier-Welt, zu denen ich aufgeschaut habe. Mittlerweile sind es Kollegen und Freunde. Mit dreien von ihnen wohne ich jetzt in einer WG.

Wie gut kann man davon leben?

Pferdmenges Ziemlich gut, wenn man genug Auftritte hat. Das ist aber auch die negative Seite, ich bin komplett selbstständig. Ich muss also immer schauen, dass ich ein bisschen Werbung für mich mache. Damit ich auch gebucht werde. Im Januar hatte ich ziemlich viele Auftritte, unter anderem in Bayern für die Traumfabrik-Tournee oder auch fürs Feuerwerk der Turnkunst. Wenn man bei so Tourneen dabei ist, kann man ziemlich gut davon leben.

Wie gehen die Jonglierszene und Sie selbst mit der Corona-Krise um?

Pferdmenges Leider ist es im Moment für alle Künstler eine ziemlich schwierige Situation. Alle meine Auftritte wurden abgesagt, sodass es finanziell ein ganz schöner Schock ist. Ich persönlich nutze die Zeit, um längst überfällige Aufgaben zu erledigen, Videos zu editieren und meine Websites aufzufrischen. Ich werde ab jetzt auch Online-Workshops im Corona-Stil anbieten. Das heißt, man kann für 90 Minuten einen privaten Jonglierworkshop online belegen – Not macht erfinderisch! Außerdem sind Toilettenpapier-Jonglier-Videos in der Jonglierszene im Moment omnipräsent.

Versuchen die Jonglierer weltweit sich gegenseitig zu helfen?

Pferdmenges Es ist recht schwer, sich untereinander in dieser Situation zu unterstützen. Es gibt allerdings einige Petitionen für Corona-Hilfefonds für Künstler, eine Challenge namens „#isolatricks“ (Isolation + Tricks), so wie jede menge Memes über Corona und Jonglieren. Auch ich habe zusammen mit Jan Daumin ein Jonglier-Shirt auf den Markt gebracht mit dem Titel „catching everything but corona“, (Alles auffangen, außer Corona).

Zu was für Anlässen werden Sie denn sonst gebucht?

Pferdmenges Hauptsächlich Firmenevents, also Jubiläumsfeiern. Aber auch zu Hochzeiten, Geburtstagen – da kommt alles mal vor.

Wäre der Zirkus nicht auch eine Möglichkeit?

Pferdmenges Ja, aber dann ist man relativ stark gebunden. Deswegen ist es für uns eher nicht so interessant. Das Schöne an dem Leben, was wir haben, ist, dass wir selbst entscheiden können, ob wir jetzt eine Anfrage annehmen oder nicht. Dadurch treten wir rund um die Welt auf.

Wo ging es denn schon hin?

Pferdmenges Wir waren zu Beginn des Jahres drei Wochen in China für Auftritte bei einem Zirkus-Festival, aber das ist dann eher die Ausnahme, weil mit Zirkus selbst haben wir gar nicht so viel zu tun. Ich bin tatsächlich noch nie in einem Zirkus aufgetreten.

Wann stand für Sie fest, dass sie Jonglieren zu Ihrem Beruf machen wollen?

Pferdmenges Also es gab mal einen Zirkus, der hat bei uns an der Grundschule einen Workshop gegeben für eine Woche. Und am Ende hatten alle Kinder eine Aufführung und haben gezeigt was sie gelernt hatten. Da habe ich das erste Mal drei Bälle auf der Bühne jongliert. So gesehen hatte ich doch einen Auftritt im Zirkus. Das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich es einfach weitergeführt habe.

Wo gucken Sie sich Nummern ab, mit denen Sie Ihr Repertoire erweitern?

Pferdmenges Das ist das Schöne am Jonglieren, es ist alles verbunden, weltweit, weil es eine so kleine Szene ist. Es gibt eine Facebook-Gruppe, „JugglingRock“, da sind 13.000 Mitglieder drin. Jeder der irgendwie jongliert, ist in dieser Gruppe. Und es hat den Vorteil, wenn man reist, kann man immer in die Gruppe schreiben: Okay ich bin jetzt in Brasilien, wo kann ich übernachten? Das ist aber auch hilfreich, weil jeder seine Videos dort hochladen kann. Dann inspiriert man sich.

Wie oft kommt es vor, dass da noch jemand etwas komplett Neues macht?

Pferdmenges Ziemlich oft tatsächlich. Das ist noch immer eine relativ junge Kunstform. Man kann die Tricks in kreative und auf Leistung getrimmte unterscheiden. Wie viele Objekte möchte ich jonglieren, wie schwer soll der Trick sein. Oder wie kreativ will ich dabei werden? Ich bin eher ein technischer Jongleur, gehe also auf Leistung. Die Kreativität baue ich auf andere Weise ein mit Licht-Programmierungen und ähnlichem. Ich bin niemand, der neue Trends setzt.

Würden Sie sagen, dass das Jonglieren und die dafür nötige Konzentration auch in anderen Lebensbereichen hilfreich ist?

Pferdmenges Definitiv, es ist wissenschaftlich erwiesen, dass das Jonglieren beide Hirnhälften miteinander verbindet und die Konzentration fördern kann. Vor Klausuren in der Schule habe ich immer jongliert, damit ich mich besser fokussieren kann.

Gibt es Unterschiede beim Publikum in den unterschiedlichen Ländern? Gibt es Menschen, die leichter zu begeistern sind?

Pferdmenges Definitiv gibt es Unterschiede. In China, das muss ich leider sagen, war es das schlechteste Publikum, das wir erlebt haben. Es gibt dort super freundliche Menschen, aber es gibt eben auch so viele, die nur mit ihrem Handy beschäftigt sind während einer Show. Das ist tatsächlich etwas, das man in Europa zum Glück nicht so oft findet. In Deutschland gibt es oft ein Handyverbot. Davon bin ich aber auch kein Fan. Wenn man mitfilmen möchte, finde ich, sollte man das immer tun dürfen.

Als sich abzeichnete, dass Sie das professionell machen wollen, wie hat da Ihre Familie reagiert?

Pferdmenges Es ist natürlich schon eine Umstellung, wenn man sowas zu seiner Familie sagt. Okay, ich werde jetzt mein Abitur nicht zu Ende machen. Grundsätzlich aber hat mich meine Familie immer unterstützt und stand mir nie im Weg. Das Gleiche kann ich auch über meine Schule sagen. Wenn ich Auftritte hatte oder bei der Tour war, war ich drei Wochen nicht in der Schule. Ich wurde aber immer freigestellt. Dafür bin ich sehr dankbar. Sonst wäre es deutlich schwieriger gewesen.

Haben Sie noch Lampenfieber? Oder war das überhaupt je ein Problem?

Pferdmenges Ja, aber ich würde es nicht als Problem bezeichnen. Ich freue mich grundsätzlich immer, wenn ich nervös bin. Wenn man wirklich nervös vor dem Auftritt ist, macht man es auch ordentlich. Auf Touren bei vier Shows am Tag hat man oft aber gar nicht die Zeit, sich vor jedem Auftritt in die Hose zu machen. So richtig nervös war ich 2016 zuletzt bei der Show „Superkids“. Da war mir klar, dass sich das mindestens eine Million Leute anschauen werden am Fernseher.

Was machen Sie, wenn beim Üben etwas nicht funktioniert? Gibt es für Sie überhaupt Frust?

Pferdmenges Es kann schon extrem frustrierend sein. Das sieht man auch bei Leuten, die das Jonglieren erst erlernen. Wenn sie sich ein Video anschauen auf YouTube und dann erwarten, dass sie innerhalb von fünf Minuten jonglieren können. Das wird in der Regel nicht funktionieren. Die Grundlage des Jonglierens ist, dass man es versucht. Sachen fallen lässt, aufhebt und wieder probiert. Bis es dann irgendwie mal funktioniert. Es kann schon mal sein, dass ich in der Halle versuche, einen Trick zu filmen, der mich dann sechs Stunden kostet, bis ich ihn geschafft habe. Aber es ist auch der Reiz, zu sagen: Okay, vielleicht schaffe ich es beim nächsten Versuch. Ich will jetzt nicht aufhören.