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Mönchengladbach: Im JHQ hat der Brexit schon lange stattgefunden

Verlassenes JHQ in Mönchengladbach : Der Brexit hat schon stattgefunden

Mönchengladbach und seine britischen Mitbürger: Diese Verbindung hat viele Spuren in der Stadt hinterlassen, und das nicht nur im JHQ. Erinnerungen eines Zeitzeugen.

Zurückgeblieben sind Gräber, Ruinen und teils wehmütige Erinnerungen – irgendwie hat der Abzug des britischen Militärs aus Rheindahlen vor sechs Jahren den unmittelbar bevorstehenden Brexit für unsere Stadt bereits vorweggenommen. Mönchengladbach war viele Jahrzehnte ein Klein-Britannien auf dem europäischen Kontinent. Es dürfte die einzige Stadt in Deutschland mit britischen Straßennamen gewesen sein. Ob die Schilder mit Aufschriften wie Cornwall Drive, Queens Avenue oder Marlborough Road im JHQ, dem ehemaligen Hauptquartier, noch existieren? Die Nato-Wohnsiedlung am Bunten Garten ist längst abgerissen, hier stehen inzwischen moderne Ein- und Mehrfamilienhäuser: Nichts erinnert an der Peter-Nonnenmühlen-Allee mehr an Gladbachs britische Vergangenheit.

Und nur Ältere verstehen, warum im Hardter Wald auf dem Schild der Gaststätte „Fuchsbau“ klein darunter „Chicken in the wood“ steht. Das 1954 gegründete Lokal ist nämlich genauso alt wie das ehemalige Rheindahlener Hauptquartier, über Jahrzehnte kamen die meisten Gäste von dort. Das „Hühnchen im Wald“ hat dessen Schließung zum Glück überstanden; der Kaufkraft-Verlust für die Region war indes enorm: In Spitzenzeiten lebten und arbeiteten 12.000 Menschen im JHQ, um Mönchengladbach herum gab es darüber hinaus mit Wildenrath und Elmpt große britische Militärflugplätze.

Grundsteinlegung für das JHQ am 1. Juli 1953 mit General Sir Richard Gale. Foto: Stadtarchiv

Wer Spuren sucht, der findet, selbst wenn es – weit entfernt – in der wiederaufgebauten Dresdner Frauenkirche ist: Hier steht ein Kreuz aus Coventry, der ersten englischen Stadt, die im Zweiten Weltkrieg im November 1940 von der deutschen Luftwaffe bombardiert worden ist. Mönchengladbach wiederum war die erste deutsche Stadt, die im Mai 1940 von den Briten angegriffen worden war. Mein Onkel Franz ist in den 1960er Jahren Mitglied eines Coventry-Versöhnungskomitees gewesen, das – soweit ich mich erinnere – von deutschen Zivilbeschäftigten bei der britischen Rheinarmee gegründet worden war. Aus Feinden und Besatzern wurden Mitbürger und Freunde, das ist die erfreuliche Botschaft, die immer mit dem JHQ verbunden sein wird.

In den Anfangsjahren galt es, Kriegswunden zu heilen. Manche Engländer weigerten sich Deutsch zu sprechen, obwohl sie es in der Schule gelernt hatten. Ein offenbar zwangsrekrutierter Gladbacher Übersetzer brüstete sich mir gegenüber damit, er habe britischen Offizieren Deutsch mit starkem sächsischen Akzent beigebracht, so dass sie überall ausgelacht worden seien. Das sei seine persönliche Rache an der ungeliebten Besatzungsmacht gewesen. Es gab zudem Berichte über Handwerker, die 1954 bei einigen der 880 Wohnhäuser heimlich die Kamine von innen zugemauert haben sollen. Ob auch das massenweise Platzen von Wasserrohren in diesen Häusern auf Sabotage zurückzuführen war, blieb ungeklärt.

Im HQ waren bis zu 17 andere Nationen vertreten, doch für uns Gladbacher war es britisch geprägt – vom Jagdhund unterm Schreibtisch des Generals bis zum Tee mit Milch in der Offiziermesse. Die Briten hatten den Ortsteil 1952 gegründet und 1954, meinem Geburtsjahr, bezogen. In nur zwei Jahren waren im Wald zwischen Hardt und Rheindahlen für 166 Millionen Mark mehr als 2000 Gebäude entstanden, dazu Sportanlagen und ein Straßennetz von stattlichen 36 Kilometern Länge. Insgesamt wurden mehrere Hunderttausend Soldaten von Rheindahlen aus befehligt – Gladbach war einst die bedeutendste Garnisonsstadt Deutschlands.

Für uns Jugendliche gehörten die Briten immer dazu: Als Schüler des Stiftischen Humanistischen Gymnasiums war ich unter anderem Austauschschüler zur Kent-School in Waldniel, die – heute eine Ruine – auch innen damals aussah wie aus einem „Harry Potter“-Film. Ich habe über diese uns unbekannte Ganztagsschule mit starkem sportlichen Akzent und sehr experimentierfreudigem Unterricht gestaunt. Irritierend fand ich allerdings, dass meine britischen Mitschüler unter der Bank heimlich Comic-Heftchen lasen, in denen tapfere Tommys reihenweise dümmliche deutsche Soldaten niedermähten.

Wer weiß noch, dass die Venloer Heide bei Kaldenkirchen, heute total zugewachsen, im Kalten Krieg Übungs- und Sammelraum der britischen Verstärkungstruppen zur Verteidigung Westeuropas gewesen ist? Auf den Startbahnen und in den Ruinen der Hallen des ehemaligen Wehrmachts-Fliegerhorstes Venlo, in seiner Ausdehnung größer als der heutige Flughafen Frankfurt, habe ich als Kind gespielt. Denn an Sommer-Wochenenden war das unser Ausflugsziel. Der hellgrüne VW-„Käfer“ von Onkel Franz stammte übrigens – preiswert erworben – aus britischen Militärbeständen; der Nordpark war damals ein riesiges Fahrzeugdepot der Rheinarmee.

Ich bin zwar „originally made in Mönchengladbach“, aber – wie wahrscheinlich etliche Bürger unserer Stadt – irgendwie auch ein Produkt der britischen Streitkräfte. Denn meine Eltern haben sich unmittelbar nach dem Krieg in der Telefonvermittlung der Ayrshire Barracks an der Aachener Straße kennen- und liebengelernt. Sie verdienten sich dort in jenen harten Zeiten mit Nachtdiensten Geld, um ihr Studium zu finanzieren. Ohne die Briten, God save the Queen, hätte es mich also mutmaßlich gar nicht gegeben.

850 britische Kinder sind zurückgeblieben in Mönchengladbach, auf einer anrührenden Gräberstätte im äußersten Westen Mönchengladbachs. Es handelt sich um Totgeburten und in den ersten Tagen verstorbene Babys, ihre Mütter waren zur Entbindung ins nahe Royal Air Force Hospital Wegberg gekommen. Es liegt trotz des Namens nicht im Kreis Heinsberg, sondern auf Mönchengladbacher Stadtgebiet, die Briten benannten ihre Militäreinrichtungen immer nach dem nächstgelegenen Bahnhof. Die Klinik, die von den damaligen britischen Besatzern 1953 in nur 111 Tagen errichtet wurde, ist heute eine von Stacheldraht umzäunte und von Vandalen heimgesuchte, teils niedergebrannte Ruine.

In Großbritannien war wegen der engen Kontakte „Rheindahlen“ ein fester Begriff und ein Urlauber aus Mönchengladbach deshalb gleich in freundliche Gespräche verwickelt. Denn jeder ranghohe Offizier und viele Tausend Soldaten der British Forces waren im Laufe ihrer Dienstzeit irgendwann einmal in unserer Region stationiert gewesen. Wie eng die Beziehungen waren, machte Ende 2010 General Sir Richard Shirreff bei seinem Abschied deutlich: Die Hälfte seiner Militärdienstzeit habe er in Deutschland verbracht, sein Sohn sei hier zur Welt gekommen, sagte Shirreff. „Wir fühlen uns hier wie zu Hause und haben viele enge und dauerhafte Freundschaften geschlossen. Wir werden das sehr vermissen.“