Mönchengladbach: Holocaust und Pogrom sind kein Vogelschiss

Kolumne Denkanstoß: Das Blutbad wird nie austrocknen

Unser Autor beschäftigt sich mit dem Umgang der Reichspogromnacht vor 80 Jahren.

Ein in den letzten Wochen häufig zitiertes Wort ist Vogelschiss. Ich bin bisher erst einmal in meinem Leben von einem Vogel beschissen worden. Es war am Trevi-Brunnen in Rom, als es plötzlich Plopp auf meinem Hemd machte. Die Mitreisenden machten mich auf den Vogelschiss aufmerksam. Ich nahm es mit Humor, und wir lachten über die Freundlichkeit römischer Vögel. Wahrscheinlich war der Schuldige die Taube des Heiligen Geistes, der angeblich noch nie in Rom gewesen ist. Im Hotel angekommen waren die getrockneten Rückstände leicht zu entfernen. Erst einmal kräftig ausbürsten, dann mit ein wenig Salzwasser abwischen und anschließend das Hemd in die Wäsche tun.

Blutflecken halten sich dagegen hartnäckig. Wer sich beim Kartoffelschälen geschnitten hat weiß, dass Blut kaum zu entfernen ist. Nur mit viel Mühe und einigen Kniffen ist es aus den Kleidern zu bekommen. Blut zwingt, sich an die Verletzung zu erinnern. Es mahnt, vorsichtig mit scharfen Messern umzugehen. Heute denken wir an die Reichspogromnacht vor 80 Jahren. Damals zeigte sich die brutale Gewalt, mit der die Nationalsozialisten gegen die jüdischen Mitbürger vorgingen. 1945, sieben Jahre später, zählte man sechs Millionen Opfer. Daneben mussten tausende Homosexuelle, Sinti und Roma ihr Leben lassen. Wenn ich an die Zahl der Opfer denke, stehe ich heute vor einem Blutflecken. Dabei verharmlost das Wort „Blutfleck“, es verkleinert sprachlich den Mord an Millionen. Denn es ist ein riesiges Blutbad, das zwölf Jahre deutscher Geschichte angerichtet haben. Letztlich versagt die Sprache, um sich den Ermordeten zu nähern. Was ich jetzt in guter Absicht schreibe, wird niemals ihrem vergossenen Blut gerecht. Zerstörte Leben sind nicht wiedergutzumachen. Das Blutbad der zwölf Jahre wird nie austrocknen.

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„Nie wieder schweigen“, damit heute kein Mensch verbluten muss. Das Motto der Gedenkveranstaltungen schaut in die Zukunft, aber es verlangt genauso, immer wieder von den Opfern der zwölf Jahre zu sprechen, so behutsam und verantwortungsvoll, dass das schreckliche Blutbad nicht zu einem Vogelschiss herunter geredet wird, wie es ein deutscher Politiker jüngst getan hat.

Der Autor ist ist katholischer Seelsorger in St. Benedikt.

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