Mönchengladbach: Hilfe für Trauernde auf dem Hauptfriedhof

Neues Projekt auf dem Hauptfriedhof: Damit Trauer nicht einsam macht

Die Pfarre St. Vitus und die Stadttochter Mags starten auf dem Hauptfriedhof ein Projekt: Trauerbegleiter bieten auf Wunsch Hilfe an. Die Erfahrung der geschulten Frauen und Männer lehrt: Ihre Unterstützung wird gesucht.

Als ihr Vater starb, war Ulrike Gresse 18 Jahre alt. Für die heute 57-Jährige war dies eine Zäsur im Leben. Die Gemeindereferentin der Pfarre St. Vitus bekam in der damaligen Zeit des Leidens Hilfe – von den Geschwistern, von Angehörigen, von Freunden und Nachbarn. Mittlerweile ist Gresse ausgebildete Trauerbegleiterin und hat die Erfahrung gemacht, dass dieses funktionierende Umfeld für viele Trauernde weggebrochen ist: Familien haben ihre festen Strukturen verloren, Kinder leben oft weit weg, die Beziehung zu Nachbarn ist anonym. Nach der Beerdigung fallen deshalb viele Trauernde in ein tiefes Loch, fühlen sich allein gelassen, kapseln sich ab. „Vielen fehlt die Orientierung. Sie wissen nicht, wie sie den Verlust verarbeiten können“, sagt Ulrike Gresse.

Trauerbegleiter sind da wichtige Ansprechpartner. Sie sind vor allem dort vor Ort, wo Trauer sichtbar wird: in Grabeskirchen, in Trauer-Cafés, auf Friedhöfen. Ulrike Gresse bietet mit den ehrenamtlich tätigen Trauerbegleitern Monika Rautenberg, Andrea Voss, Anita Bongartz, Brigitte Deuschle und Michael Thurnier diese Unterstützung künftig als konfessionsoffenes Angebot auf dem Hauptfriedhof an. „Wir sind für Sie: an-sprech-bar!“ heißt ihr Projekt, das von der Mags unterstützt wird. Die Stadttochter stellt für die Gruppe einen Raum neben der Totenhalle zur Verfügung. Am Allerheiligen-Tag, 1. November, um 14.30 Uhr werden die Trauerbegleiter das erste Mal ihr Domizil beziehen – und nach der Totenandacht die beiden Fenster des Raums weit öffnen. Das ist ein symbolischer Akt. „Wir wollen den Trauernden zeigen, dass wir für sie da sind und die Seelsorge auf dem Friedhof fortführen“, sagt Gresse. Und damit sie erkannt werden, tragen sie gelbe Westen. Ulrike Gresse: „Niemand muss Sorge haben, dass wir einen Trauernden bedrängen. Wir wollen nicht missionieren.“ Der 8. und 22. Dezember sowie der 5. Januar, jeweils 10 bis 12 Uhr, sind weitere Projekttage

Ulrike Gresse wird ab heute mit Helfern als Trauerbegleiterin auf dem Hauptfriedhof aktiv. Sebastian Kieselbach-Peters (Mags) unterstützt die Aktion. Foto: Ilgner Detlef (ilg)

Dass dieses Angebot jetzt auch auf dem Hauptfriedhof zum Tragen kommt, freut Sebastian Kieselbach-Peters, der bei der Mags für die städtischen Friedhöfen zuständig ist. Denn die Stadttochter ist daran interessiert, dass der Hauptfriedhof nicht als Rückzugsort wahrgenommen wird, sondern sich dem Leben öffnet. Das ist bereits der Fall: Jogger, Spaziergänger, Hundehalter und Radfahrer durchqueren die fast 50 Hektar große Park- und Grünanlage östlich der Viersener Straße täglich. Dass die Bürger den Hauptfriedhof in ihr aktives Leben einbeziehen, kommt Ulrike Gresse entgegen. Denn das fördert ihren Ansatz, dass Trauernde sich nicht abschotten sollen – wer die entstandene Lücke im Leben schließen will, darf sich nicht in ihr verstecken, sich nicht der Einsamkeit hingeben.

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Ulrike Gresse weiß: „Viele, die ihre Lieben durch Tod verloren haben, sind unsicher, befürchten, sich falsch und nicht angemessen zu verhalten.“ Muss man als Trauernde nur schwarze Kleidung tragen? Darf man nur noch eine traurige Miene aufsetzen? Gilt der Besuch einer Theateraufführung als verpönt, weil die Gesellschaft den Rückzug, die Isolation verlangt? Was hätte sich der oder die Tote zum Abschied, zum Gedenken gewünscht? „Das sind Fragen, die Trauernde beschäftigen. Es macht sie oft wütend oder verzweifelt, weil sie darauf für sich keine Antwort finden. Während des Lebens wird der Tod ausgeklammert. Darüber wollen viele nicht reden, was die Unsicherheit später eher noch vergrößert,“, sagt Gresse. Sie und ihre fünf Mitstreiter werden ihre Hilfe anbieten, das Gespräch mit den Trauernden an den Gräbern ihrer Lieben suchen. „Wir sind da, wenn man uns braucht. Und wir sind nicht böse, wenn unsere Unterstützung nicht benötigt wird“, sagt die Trauerbegleiterin.

Ihre Erfahrung aber lehrt: Das Gegenteil ist meist der Fall. Der Kontakt wird zwar nicht forciert gesucht. Doch wenn er da ist, wird er als wohltuend und hilfreich empfunden. Auch deshalb, weil das Leben nicht mit dem Tod endet.

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