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Mönchengladbach: Herta Müller liest in der Kaiser-Friedrich-Halle

Literaturnobelpreisträgerin in Mönchengladbach : Herta Müller und die wichtigen Sätze ihrer Mutter

In der Veranstaltungsreihe „Nobelpreisträger in Mönchengladbach“ holte der Initiativkreis zum ersten Mal eine Schriftstellerin in die Stadt: Herta Müller las aus ihren Werken, erzählte aus ihrem Leben und nahm Bezug auf den Ukraine-Krieg.

„Durst ist schlimmer als Hunger“ oder „Wind ist kälter als Schnee“ – das sind Halbsätze, die Herta Müllers Mutter immer wieder gesagt hat. Als kleines Kind konnte sie nicht viel damit anfangen, erst als sie älter wurde, verstand sie, was hinter den kryptischen Worten steckte: wie Zehntausende Rumäniendeutsche ist ihre Mutter als junge Frau in ein sowjetisches Arbeitslager verschleppt worden und verbrachte fünf Jahre mit Hunger, Kälte und Angst. Sie sprach nie über diese Zeit, konnte und wollte sich nicht erinnern. „Sie hat das Recht, sich zu schützen. Reden hilft nicht immer“, sagte Müller.

Auf Einladung des Initiativkreises Mönchengladbach ist die Schriftstellerin in die Kaiser-Friedrich-Halle gekommen, um aus ihren Werken zu lesen und aus ihrem Leben zu erzählen. In den vergangenen 20 Jahren haben die Mitglieder des Initiativkreises über 30 Nobelpreisträger nach Gladbach geholt – nach Kofi Annan, dem Dalai Lama und Beatrice Fihn ist mit Herta Müller zum ersten mal eine Literaturnobelpreisträgerin dabei. Bevor die Lesung begann, stellte Schirmherr Franz Dierk Meurers die Schriftstellerin vor: Müller, geboren 1953 in Rumänien, arbeitete nach ihrem Studium als Übersetzerin in einer Fabrik. Als sie sich weigerte, ihre Kollegen für den rumänischen Geheimdienst zu bespitzeln, verlor sie ihre Arbeit und wurde selbst zur Verdächtigen. Sie musste unzählige Verhöre, Hausdurchsuchungen und andere Schikanen über sich ergehen lassen. 1987 reiste sie nach Berlin aus, dort lebt sie heute noch. In ihren Büchern beschäftigt sie sich unter anderem mit der kommunistischen Diktatur ihres Heimatlandes. „Wer ihre Bücher liest, sieht jeden Überwachungsstaat mit anderen Augen“, sagte Meurers.

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Den Literaturnobelpreis erhielt Müller im Jahr 2009 für ihren Roman „Atemschaukel“, aus dem sie aus aktuellem Anlass vorlas. Er basiert auf den Erinnerungen des Lyrikers Oskar Pastior, der ebenfalls in einem russischen Arbeitslager ums Überleben kämpfen musste. Er erzählte ihr von dem, was auch ihre Mutter erlebt haben musste: unbeschreiblichen Hunger, den er immer noch verspürte, Heimweh, Albträume. Auch nach dem Arbeitslager träumte er immer wieder, dass er deportiert wurde und für immer dort bleiben musste. „Warum darf ich im Traum nicht nach Hause?“, habe er sich gefragt. Auch Müllers Mutter wurde vor ihrem Tod von ihrer Vergangenheit eingeholt: Sie wurde dement und verbrachte ihre letzten Jahre mental im Arbeitslager. „Es schmerzte, das mit anzusehen“, sagte die Autorin.

In ihren Erzählungen kam Müller immer wieder auf den Ukraine-Krieg zurück. „Hoffen wir, dass Putin sich mit seinem Größenwahn selbst zerstört – aber wie viele Menschen müssen bis dahin noch sterben?“, fragte sie. Sie habe viel Mitleid mit den Flüchtlingen in Deutschland, „zu denen ich auch ein bisschen dazugehöre“. In ein fremdes Land zu kommen, Angehörige zurückzulassen und ständig Angst haben zu müssen, sei eine traumatische Erfahrung. Nicht nur für die ukrainischen, sondern auch für die syrischen Flüchtlinge, die schon etwas länger hier sind. „Wir sollten viel Mitgefühl mit ihnen haben“, sagte sie.

 Das Gespräch begleitete Schriftsteller Ernest Wichner, der ebenfalls aus Rumänien kommt.
Das Gespräch begleitete Schriftsteller Ernest Wichner, der ebenfalls aus Rumänien kommt. Foto: Ilgner,Detlef (ilg)/Ilgner Detlef (ilg)

Trotz der bedrückenden Themen war der Abend leicht und locker, Müller brachte viel Charme und Wortwitz in das Programm. Vor allem mit ihren Collagen: Weil sie kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland viel unterwegs war, suchte sie sich eine Beschäftigung und schnitt aus Zeitungen und Magazinen bunte Bilder und Wörter aus. Die legte sie dann auf einer Postkarte so zusammen, dass sich eine kleine Geschichte ergab. Fasziniert hätten sie die vielen Farben in deutschen Zeitungen: „Meine Augen taten weh. Diktaturen sind sehr grau“, sagte sie. Aus dieser Notwendigkeit ist mittlerweile eine Werkstatt geworden. Zuhause hat sie einen großen einen Schrank, in dem jeder Buchstabe eine eigene Schublade hat.

Die Collagen sind nicht nur poetische, kreative Wortspielereien, sie erzählen auch aus Müllers Leben. Als sie nach Deutschland kam, verbrachte sie viel Zeit im Übergangsheim Langwasser in Nürnberg. Sie wurde tagelang verhört, weil sie aus politischen Gründen nach Deutschland gekommen war. Das hätten die Beamten nicht nachvollziehen können, sie für eine Spionin gehalten. Auch in diese Geschichten, die so viel Schwere in sich tragen, legte sie Humor. „Das ist mir wichtig“.