Mönchengladbach: Helmut Göbels über 50 Jahre Aktion Friedensdorf

Redaktionsgespräch mit Helmut Göbels : „Erstaunlich, wie viel Spenden wir bekommen“

Der Vorsitzende der Hilfsorganisation Aktion Friedensdorf  über die Gründung vor 50 Jahren, Projektreisen und seine Nachfolge.

Herr Göbels, die Mönchengladbacher Aktion Friedensdorf – Kinder in Not feiert in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen. Genauso lange sind Sie der Vorsitzende der Hilfsorganisation. Wie kam es eigentlich zur Gründung?

Göbels Der Auslöser war Betroffenheit über die Schreckensbilder aus Vietnam, die täglich über die Bildschirme flimmerten. Da waren verletzte, verstümmelte, verwaiste Kinder zu sehen. Das war ein extremer Kontrast zu unserer familiären Situation. Meine Frau und ich hatten drei Kinder, die gesund und in Sicherheit aufwachsen konnten. Das war eine Gnade und ein Geschenk. Es hat in uns den Wunsch hervorgerufen, Solidarität mit Familien zu zeigen, die vom furchtbaren Krieg in Vietnam betroffen waren. Wie mir und meiner Frau ging es etlichen Mönchengladbachern. Bei der Gründung haben sich 15 Mitglieder zusammengefunden, Christen beider Konfessionen. Obwohl kirchlich ungebunden, hat sich die Aktion Friedensdorf immer als ökumenisch verstanden.

Was hat die Arbeit der Aktion Friedensdorf zu Beginn ausgemacht ?

Göbels In den ersten Jahren haben wir mit Terre des Hommes Deutschland zusammengearbeitet. Sie hatten vor Ort in Vietnam ein Büro, das die Kinder ausgewählt hat, deren Verletzungen in Deutschland behandelt werden sollten. Sie haben auch die Flüge organisiert und finanziert. Wir gehörten zu den Projektpartnern. Das heißt, wir waren hier für die Behandlung der Kinder und ihre Unterbringung zuständig. Die Behandlung erfolgte während der ganzen Zeit im Krankenhaus Neuwerk. Zu den Salvatorianerinnen dort hatte ich aus beruflichen Gründen gute Kontakte, und Schwester Gisela hat auf Anfrage sofort fünf Freiplätze zugesagt. Das hat wunderbar funktioniert. Schon drei Wochen nach der Gründung unseres Vereins waren die ersten Kinder da.

Wie haben Sie die Kinder untergebracht?

Göbels In anderen Städten war es üblich, die Kinder in Gastfamilien unterzubringen, aber das entfremdet sie ihrer eigenen Kultur und Sprache. Wir hatten das Glück, das gerade aufgegebene evangelische Waisenhaus an der Engelblecker Straße, das noch vollständig eingerichtet war, von der Stadt für einen symbolischen Betrag anmieten zu können. Wir mussten natürlich auch Personal einstellen, das die Kinder dann rund um die Uhr betreute. Das hat uns 25.000 D-Mark im Monat gekostet.

Wie konnten Sie so viele Spenden sammeln?

Göbels Die Unterstützung war gewaltig. Unter anderem hat die Rheinische Post regelmäßig alle zwei bis drei Wochen berichtet. Die Spenden kamen herein, ohne dass wir viel Werbung machen mussten. Der Krieg und das Schicksal der Kinder haben die Menschen sehr bewegt.

Ist Ihnen ein Kind besonders im Gedächtnis geblieben?

Göbels Ja, Em Cam. Für ihn allein hätte sich der ganze Aufwand gelohnt. Er war taubstumm, konnte weder lesen noch schreiben und war schwer am Bein verletzt, als er nach Mönchengladbach kam. Seine Eltern waren gestorben. Deswegen wollten wir ihn, als seine Verletzung geheilt war, nicht einfach nach Vietnam zurückschicken. Er war schon 16 oder 17 Jahre alt. Wir haben für ihn einen Ausbildungsplatz zum Orthopädieschuhmacher gesucht und gefunden. Er hatte ein phänomenales handwerkliches Geschick und konnte bereits nach einem Jahr tadelloses Orthopädieschuhwerk herstellen. Als er nach Vietnam zurückkehrte, bekam er sofort eine Stelle in einer großen Reha-Einrichtung in Saigon. Er hat geheiratet und eine Familie gegründet. Das war ein herausragend beglückender Fall, jemandem einen solchen Start ins Leben zu ermöglichen.

Das Ende des Vietnamkriegs 1974 hätte auch das Ende der Aktion Friedensdorf sein können, war es aber nicht. Sie haben sich umorientiert.

Göbels Ja, wir standen vor der Frage, ob wir uns auflösen oder die noch vorhandenen Spenden an anderen Orten einsetzen. Wir haben uns fürs Weitermachen entschieden und durch das katholische Hilfswerk Misereor ein geprüftes Projekt in Brasilien vermittelt bekommen. Es war der Bau einer Wasserversorgung in einem Elendsviertel in Governador Valadares. Später kamen die Schulspeisung für 8000 Schüler dazu und zwei medizinische Stationen. Es war sehr berührend, dass die Verantwortlichen dort eine Station nach meiner ersten Frau benannt haben, die in dieser Zeit an Leukämie starb und bei deren Beerdigung wir um Spenden für die Aktion Friedensdorf baten.

Sie haben die Projekte in Brasilien, aber auch in anderen Ländern Lateinamerikas und Afrikas besucht. Warum ist dieser Kontakt so wichtig?

Göbels Es ist für unsere Spender wichtig, dass wir persönlich für die Verwendung der Gelder einstehen können. Wir kennen unsere lokalen Partner und wissen, was sie brauchen und wofür sie das Geld einsetzen. In Brasilien zum Beispiel erzählte die Schulleiterin, dass viele Eltern ihre Kinder deshalb regelmäßig zur Schule schickten, weil sie dort die einzige richtige Mahlzeit des Tages bekamen. Da merkt man, wie wichtig unser Beitrag zur Schulspeisung ist. In Kolumbien haben wir landlosen Bauern beim Ankauf von 200 Hektar Land geholfen. Das kostete damals 200.000 D-Mark und war damit ein so großes Projekt, dass jemand hinfahren und es sich ansehen musste. Das hat mein Bruder übernommen, der gut Spanisch spricht. Er war sehr beeindruckt von dem Projekt, und so haben wir es finanziert. Er selbst ist anschließend beruflich in die staatliche Entwicklungszusammenarbeit gegangen.

In wie vielen Ländern ist die Aktion Friedensdorf bisher aktiv geworden?

Göbels Es waren insgesamt 17 Länder. Gegenwärtig sind es sieben Länder. Wir unterstützen zum Beispiel Schulen in Guatemala für die Maya-Bevölkerung, die in extremer Armut lebt, und bezahlen auch Stipendien für weiterführende Schulen. In Peru helfen wir bei der Finanzierung eines Sozialprojekts in Lima für ehemalige Heimkinder, beim Bau von Kindergärten in den Elendsvierteln und fördern den Bau von Gewächshäusern an Schulen in den Anden.

Sie engagieren sich auch in Afrika, vor allem in Ghana.

Göbels Ja, wir haben unter anderem den Bau von Werkstätten für Menschen mit körperlicher Behinderung unterstützt und konnten einen beeindruckenden Bewusstseinswandel innerhalb der letzten 20 Jahre erleben. Die Behinderten, die früher als verhext galten, können sich heute ihren Lebensunterhalt dank der handwerklichen Ausbildung selbst verdienen und sind angesehene Mitglieder der dörflichen Gemeinschaft. Gerade mit Ghana gibt es einen regen und regelmäßigen Austausch.

Wie viel Geld haben Sie im Laufe der 50 Jahre in Projekte investieren können? Und gibt es auch heute noch genug Spender?

Göbels Insgesamt sind rund 9 Millionen Euro zusammengekommen. Weil alles rein ehrenamtlich läuft und der Verwaltungsanteil sehr niedrig ist, können wir garantieren, dass 98 Prozent der Spenden auch in den Projekte ankommen. Ein Euro bewegt in den Ländern Lateinamerikas und Afrikas so viel mehr als in Europa, dass wir mit einem Spendenaufkommen von 163.000 Euro wie im letzten Jahr sehr viel leisten können. Mit 17.000 Euro können wir sieben Lehrerstellen in Guatemala finanzieren. Aber es ist schwierig, neue Mitglieder und Spender zu gewinnen. Die Menschen binden sich nicht mehr gern langfristig. Dennoch: Ich bin jedes Jahr wieder erstaunt, wie viele Spenden wir bekommen. Dabei sind natürlich auch Aktionen wie das Benefizkonzert von Francis Norman im Januar wichtig, das er für Projekte in Ghana durchgeführt hat.

50 Jahre Aktion Friedensdorf sind ein Grund zum Feiern. Wie wird das Jubiläum begangen?

Göbels Das Benefizkonzert war der Auftakt. Am 7. Mai gibt es ein Treffen mit Stipendiaten aus Guatemala, am 23. Juni, dem exakten Gründungsdatum von Aktion Friedensdorf, ist ein ökumenischer Gottesdienst in der Friedenskirche geplant. Am 30. Juni findet die offizielle Geburtstagsfeier statt. Und am 26. September findet eine Benefizlesung von Generalintendant Michael Grosse im BIS statt.

Wie geht es für Sie weiter? Bleiben Sie Vorsitzender?

Göbels Nein, ich werde mein Amt aus Altersgründen nach 50 Jahren im September niederlegen und dem Vorstand meine Frau Franziska als Nachfolgerin vorschlagen. Sie kennt alle Projekte und spricht fließend Spanisch – es gibt keinen Bruch.

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