Mönchengladbach: Hektik in der Rheydter Innenstadt, Stille in der Marienkirche

Mönchengladbach : Lautes Rheydt – stilles Rheydt

Auf dem Marienplatz herrscht hektisches Treiben. Die Menschen hetzen schwer bepackt durch die Straßen. Pausenlos halten Busse und fahren wieder weg. In der Marienkirche ist es absolut ruhig. Es ist wie ein Wunder.

Was ist das für ein nervtötendes Geräusch? Es wird immer lauter, immer penetranter, hat etwas Bedrohliches. Eine Sirene? Alarm? Vielleicht doch nur die Lüftung? Keine Ahnung. Schön ist dieses Gekreische auf keinen Fall. Fluchtartig verlasse ich die Tiefgarage unter dem Rheydter Marktplatz, in der ich mein Auto abgestellt habe. Und lande – im Chaos. Eine Horde junger Menschen kommt übermütig lachend und grölend direkt auf mich zu. Weicht im letzten Moment aus. Die jungen, wahrscheinlich einfach nur gut gelaunten Menschen und ihr Gebrüll verschwinden irgendwo zwischen den Buden des Weihnachtsmarkts. Von dort schallt total verschrappelte Musik in verzerrten Schwaden mitsamt allerlei Gerüchen – Glühwein, Popcorn, Bratwurst – zu mir herüber. Nein, das ist kein Weihnachtslied. Da läuft ein Schlager. Bah, was soll das, so kurz vor dem Fest. Besinnlich ist anders.

Ich laufe weiter und lande auf der Stresemannstraße. Es riecht nach Pommes. Busse stehen mit dröhnenden Motoren an den Haltestellen, entladen ihre Abgase aus vollen Rohren. Menschen schreien Unverständliches in ihre Handys oder sich gegenseitig an. Ein Teenager saugt an einer E-Zigarette, prustet den Qualm laut hustend und keuchend in die Abendluft. Ein Fahrzeug der Mags hält an. Der Beifahrer springt heraus, schnappt sich den Müllbehälter, entleert ihn im Fahrzeug. Das scheppert. Ein Auto fährt vorbei, aus dem geöffneten Fenster knallen ohrenbetäubende Techno-Rhythmen. Mischen sich mit fremd klingender Musik, die aus einer Boutique herausgeschleudert wird.

In der Marienkirche beten ein paar Frauen ganz leise den Rosenkranz. Der Lärm der Stadt ist vollkommen ausgesperrt, hier herrscht eine wunderbar friedliche Stille. Foto: Jana Bauch

Ich bin auf der Odenkirchener Straße angelangt. Auf dem Mäuerchen vor der Marienkirche stehen etliche Flaschen Glühwein, davor ein paar Menschen, die offenbar überhaupt nicht merken, wie dröhnend laut sie sich unterhalten. Alle reden gleichzeitig aufeinander ein. Zwischendurch nehmen sie reihum einen Schluck aus der Pulle. Eine junge Familie kommt vorbei. Die kleine Tochter schreit zum Herzerweichen. Die Eltern sehen genervt aus. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite keifen sich zwei Hunde unbarmherzig an.

Meine Güte, das hält doch kein Mensch aus. Dieser Lärm, diese Unruhe, dieser Gestank von Abgasen und diversem Gegrillten. Es wird mir zu viel, ich sehne mich nach Ruhe. Ich gehe zum Eingang der Kirche St. Marien. Ich öffne die schwere Türe, betrete den Windfang. Die Tür schließt sich hinter mir. Stille, absolute Stille. Ich bleibe einfach stehen, genieße ungläubig den Kontrast: Draußen tobt das Leben, dass es nur so kracht, in der Kirche kann ich die Stille körperlich spüren. Das tut so gut.

Ich verlasse den gläsernen Windfang, betrete das Gotteshaus. Und dann ist da doch etwas. Ein ganz leises Murmeln ist zu hören. Ich entdecke fünf Frauen, die den Rosenkranz beten. Eine betet vor, die anderen wiederholen „Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir“. Ich bleibe ganz ruhig stehen, möchte die Andacht der Betenden nicht stören. Genieße den meditativen Klang der Stimmen.

Immer mehr Menschen kommen in die Kirche, meist Frauen, meist zu zweit oder in kleinen Gruppen. Man kennt sich, man grüßt, man umarmt sich. Die Orgel erklingt, die Abendmesse beginnt. Pfarrer Klaus Hurtz zelebriert sie. Etwas verspätet kommt Pfarrer Johannes van der Vorst hereingehuscht. Er lächelt freundlich grüßend, als er an den Kirchenbesuchern vorbei läuft. Später wird er bei der Verteilung der Kommunion helfen.

Ich sitze in der letzten Reihe, ganz allein. Und ich merke, wie sich die Ruhe wie eine warme Decke über mich legt. Wie aus weiter Ferne höre ich die Worte des Pfarrers, lausche den Orgelklängen und dem Gesang der Gläubigen. Die Hektik, der Stress, das Unwohlsein – alles Ungute ist verschwunden. Kaum vorstellbar, dass das laute Leben rund um die Marienkirche weiter Krawall macht. Nichts davon ist in der Kirche zu hören. Sie ist wie ein Kokon mitten im Chaos.

Die Tür geht auf, herein kommt ein abgerissen wirkender Mann. Seine Strickmütze hat er tief in die Stirn gezogen, seine Jacke ist für die Jahreszeit viel zu dünn. Er setzt sich in eine der hinteren Bankreihen, schaut sich um, lehnt sich zurück. Es scheint, als habe er sich vor der Kälte in das Gotteshaus geflüchtet. Von Minute zu Minute wird er ruhiger, es geht ihm offensichtlich  wie mir.

Viel zu schnell ist die Messe zu Ende. Pfarrer Hurtz und Pfarrer van der Vorst verabschieden die Gemeindemitglieder. Der letzte Orgelton verklingt. Und dann bin ich wieder auf dem Marienplatz. In der anderen Welt. In der hektischen, unangenehm lauten. Dieser Lärm, diese Unruhe, dieser Gestank von Abgasen und diversem Gegrillten. Meine Güte, das hält doch kein Mensch aus.

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