Mönchengladbach: Grenzerfahrungen mit Extremkletterer Stefan Glowacz

Pioniere der Welt in Mönchengladbach : Extremkletterer berichtet von abenteuerlichen Expeditionen

Stefan Glowacz erklomm mit Schülern steile Wände in der Kletterkirche. Im Monforts Quartier hielt er einen spannenden Vortrag über seine Touren in ferne Länder.

An diesem Nachmittag trifft Fabio de Lana sein Vorbild. Der 15-Jährige klettert seit Jahren und hofft, dass Stefan Glowacz ihm ein paar Tricks zeigt. Doch der Abenteurer und Extrem-Kletterer schüttelt den Kopf. „Man kann Klettern nicht lernen, man muss es erspüren.“ Die Bewegungsmuster seien sehr individuell. Aber dann zeigt er den in Kletterkirche an der Nicodemstraße versammelten Kindern und Jugendlichen doch, was er wichtig findet. Wie man Kraft spart zum Beispiel, indem man die Hüfte möglichst dicht an die Wand bringt. „So verlagert man das Gewicht auf die Füße und entlastet die Hände“, sagt Glowacz. Bei ihm sieht das ganz leicht und geradezu tänzerisch aus.

Stefan Glowacz ist auf Einladung des Initiativkreises Mönchengladbach in der Reihe „Pioniere der Welt“ zu Gast in der Stadt. Er ist einer, der das Abenteuer und die Grenzerfahrung sucht, dabei die Bodenhaftung aber nicht verloren hat. Und so zeigt er nicht nur dem Kletter-Nachwuchs die richtige Haltung an der Wand, sondern er erzählt auch in der Maschinenhalle des Monforts Quartiers vor vollem Haus mitreißend von seinen Expeditionen – in die Arktis, nach Borneo und Oman zum Beispiel. „Er ist eine Legende in seinem Metier und ein Idol für die jüngere Generation“, sagt Ute Dallmeier, die Schirmherrin der Veranstaltung, bei der Begrüßung. Glowacz ist ein Abenteurer, aber einer mit dem geringstmöglichen Fußabdruck. „Er hat 13 Kilo Plastikmüll aus Grönland wieder nach Deutschland zurückgebracht“, erzählt Dallmeier, „und beginnt und beendet seine Expeditionen mit der S-Bahn.“

Doch er fährt natürlich nicht nur S-Bahn, sondern verwendet auch deutlich ungewöhnlichere Fortbewegungsmittel, um an sein Ziel zu gelangen: selbstentwickelte Schlitten beispielsweise, die sich nach Bedarf in Rikschas oder Flöße verwandeln lassen. Solche hatte er bei seiner dritten und bisher letzten Expedition nach Baffin Island dabei, einer Insel in der kanadischen Arktis, von der er äußerst spannend erzählen und wunderbare Aufnahmen zeigen kann. Baffin Island gehört zu den Traumzielen der Extremkletterer, die Möglichkeiten für Erstbesteigungen suchen. Wichtig ist Glowacz dabei nicht nur die Klettertour, sondern auch der Weg hin und zurück. Er will aus eigener Kraft zur Wand und wieder zurück. „By fair means“ nennt er das. Und deswegen sind er und seine Begleiter zu Fuß unterwegs, den Schlitten hinter sich herziehend. Oder mit dem Seekajak, mit dem er kentert und von seinen Teamkollegen aus eisigem Wasser gerettet werden muss. Beim ersten Aufenthalt auf Baffin Island hatte das Team die Gefahr durch Eisbären unterschätzt und war von einem einheimischen Inuit erst einmal mit einer Pumpgun ausgerüstet worden. Die Eisbären stellen dann auch ein ständiges Risiko dar, fressen die Vorräte und zerstören ein Zelt. Beim nächsten Aufenthalt haben sie einen Eisbären-Warnzaun dabei, wie ihn die norwegische Armee verwendet. Das führt am Anfang dazu, dass jeder, der nachts mal raus muss, den Zaun auslöst und Gefahr läuft, von den Teamkollegen für einen Eisbären gehalten und erschossen zu werden. Aber die Erlebnisse jenseits der Zivilisation sind die Risiken wert. „Das Loslösen von der Zivilisation ist ein bedrohlicher Prozess, aber nach einer Woche genießt man es. Jeder Schritt muss wohl überlegt sein, aber die magischen Momente, die man erlebt, vergisst man sein Leben lang nicht“, sagt der Extrem-Sportler.

Im Monforts Quartier berichtete Stefan Glowacz mitreißend von seinen Touren in Gebiete, fernab der Zivilisation. Foto: Ilgner Detlef (ilg)

Bei der dritten Expedition wollen sie zum Sam Ford Fjord, wo sich gewaltige Felswände erheben. Epizentrum der Big Walls nennt es Glowacz. Nach zehn Tagen erreichen sie ihr Ziel, 36 Stunden klettern sie trotz Wetterumschwung, Schneefall und blutenden Händen durch, dann ist die Wand bezwungen. „Man muss sich aber immer fragen, ob man noch alles im Griff hat oder besser abbricht“, warnt der Kletterer. Nach etwa 30 Tagen erreichen sie aus eigener Kraft wieder ihren Ausgangsort Clyde River.

„Zum Schluss ist es die absolute Qual, aber nach sechs Monaten hat man alles Negative vergessen und will wieder aufbrechen“, sagt Glowacz. Er will wieder diese Kette intensiver Momente erleben.

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