Monika Hintsches: "Mönchengladbach glänzt von unten"

Monika Hintsches: "Mönchengladbach glänzt von unten"

Die Musikerin und Kabarettistin spricht über die Lust am Vernetzen, die Vorzüge von Stromanschlüssen auf Plätzen und über Trude Backes.

Der Karneval liegt gerade hinter uns. Haben Sie kräftig gefeiert?

Monika Hintsches Nö. Ich bin kein Jeck. Die Musik macht mich wuschig. Ich verkleide mich gern, aber nicht im Karneval.

Aber Sie sind gebürtige Mönchengladbacherin?

Hintsches Ja, natürlich, ich bin an der Hindenburgstraße aufgewachsen. Aber schon als Kind hatte ich mit Karneval nichts am Hut. Beim Veilchendienstagszug sagte meine Oma immer: "Kind, raff die Klümpchen auf." Ich mochte die aber nicht. "Raff sie auf, dann schmeißen wir sie nächstes Jahr vom Balkon", hat Oma gesagt. Und das haben wir dann auch gemacht.

Sie sind sehr vielseitig unterwegs: Sozialpädagogin, Gesangspädagogin, Musikerin, Kabarettistin und vieles mehr. Wie schafft man das alles?

Hintsches Indem man alles hintereinander macht. Ich mache mir montags eine Checkliste für die Woche und lege fest, wann ich was vorbereite. Das funktioniert gut. Bei E-Mails bin ich sehr konsequent: Was wichtig ist, beantworte ich gleich, sonst vergesse ich es.

Sie haben gemeinsam mit Claudia Lamsfuß die Aufgabe übernommen, das Viertel rund um das Arbeitslosenzentrum zum Quartier zu untersuchen. Wie läuft das?

Hintsches Das ist eine hochspannende Aufgabe. Das Arbeitslosenzentrum will sich in das Quartier öffnen, und ich bin unterwegs, um mit den Menschen zu reden, ihre Wünsche, Bedürfnisse und Aktivitäten aufzunehmen. Das Ganze ist ergebnisoffen. Claudia Lamsfuß entwickelt dann auf Basis der Interviews und des statistischen Materials das Konzept.

Sie haben schon viele Gespräche geführt. Mit wem?

Hintsches In einem ersten Schritt habe ich mit vielen Akteuren in Alt-Gladbach gesprochen, wobei das Quartier grob von der Humboldtstraße, der Hohenzollernallee, der Fliethstraße und dem Bahnhof eingegrenzt wird und sehr unterschiedliche soziale Milieus umfasst. Es gibt einen hohen Anteil von Menschen in prekärer Situation, aber auch den "alten Gründerzeitadel", der immer da war. Darüber hinaus gibt es vielfältige soziale und kulturelle Angebote, es gibt die Caritas und die Diakonie, die Kirchengemeinden und die Initiativen. Es ist wirklich unglaublich viel los im Herzen der Stadt.

Welche Themen stehen im Mittelpunkt?

Hintsches Die Interviews, die ich führe, drehen sich um die Fragen: Was macht das Quartier lebenswert? Welche Entwicklungen sind positiv, welche negativ? Welche Ideen haben die Menschen, die im Quartier leben? Die Gespräche waren bisher hochgradig spannend. Ich habe mit fünfundzwanzig Akteuren gesprochen und ein gutes Bild bekommen. Mein bisheriges Fazit: Mönchengladbach glänzt von unten. Es ist wie in Herbert Grönemeyers "Bochum": Die Stadt ist keine Schönheit. Aber es gibt unglaublich viele Aktive und zwar durch alle Altersklassen und Schichten. Es ist sehr viel Lust auf Vernetzung und Zusammenarbeit zu spüren. Das war mal anders, aber jetzt hat sich eine besondere Dynamik entwickelt. Man wartet nicht darauf, dass andere etwas tun, man macht es selbst. Die Initiative Gründerzeitviertel ist ein gutes Beispiel dafür.

Das Gründerzeitviertel hat sich gut entwickelt. Dabei spielt auch der Schillerplatz eine große Rolle.

Hintsches Ja, der Platz wurde durch einen Beteiligungsprozess entwickelt. Die Initiative wurde dabei einbezogen. Das war vorbildlich.

Sie sind Sprecherin der Initiative Gründerzeitviertel. Funktioniert der Schillerplatz jetzt so, wie Sie ihn sich gewünscht haben?

Hintsches Der Platz war vorher ein Angstraum, weil er durch die Betonbeete voller Gebüsch nicht einsehbar war. Frauen haben den Platz nachts nicht gern überquert, es gab auch eine Zeit, da haben sich dort Banden getroffen. Jetzt wurde mehr Platz geschaffen, das Ganze geöffnet. Die Stadt ist auf die Vorschläge der Bürger in Zusammenarbeit mit der Initiative Gründerzeitviertel eingegangen. Es gab eine sehr offene Diskussion. Mit gutem Willen geht vieles. Es ist wichtig, aus der Kampfhaltung herauszukommen und aufeinander zuzugehen.

Wird der Platz so angenommen wie geplant?

  • Mönchengladbach : Arbeitslosenzentrum wird Denkschmiede

Hintsches Es passiert viel: Ich habe Leute mit Gitarre und Feuerkorb im November draußen sitzen sehen. Wir haben im Sommer Gruppen auf den Platz geholt, zum Beispiel die Lindy Hop-Gruppe, die dort in den Sommerferien geprobt hat. Man konnte eine Stunde lang lernen und dann mittanzen. Es gab Chorproben, natürlich den wunderbaren Greta-Markt, aber auch die sehr beliebten Trödelmärkte. Wir laden Gruppierungen aller Art ein, ihre Proben oder Aktionen im Sommer auf den Platz zu verlegen. Strom kann über die Initiative Gründerzeitviertel bezogen werden. Diese Beispiele zeigen übrigens, wie wichtig Stromanschlüsse auf öffentlichen Plätzen sind. Ohne Strom geht vieles nicht.

Zurück zum Arbeitslosenzentrum und der Quartiersentwicklung. Wie ist dort die Stimmung? Was bewegt die Menschen?

Hintsches Es gibt viel Bereitschaft zur Öffnung und zur Zusammenarbeit, aber es gibt auch etliche, die den Gentrifizierungsprozess, der sich abzeichnet, mit Sorge betrachten. Wenn die Innenstadt für die gehobene Mittelschicht attraktiv werden soll, werden dann andere, finanziell schwächere Gruppen hinausgedrängt? Ich habe auch die Besucher des Arbeitslosenzentrums interviewt. Das war sehr spannend, denn sie sehen die Dinge anders, nehmen anderes wahr. Für sie ist ganz wichtig, dass es Orte gibt, an denen man sich treffen kann, ohne dafür zu bezahlen. So wie im Arbeitslosenzentrum, wo man günstig zu Mittag essen kann, die Zeitung liest und sich trifft. Unentgeltliche Kulturangebote sind in der Stadt übrigens durch alle Schichten hindurch ein Thema.

Es gab und gibt Konflikte zwischen der Stadt und dem Arbeitslosenzentrum wegen der Immobilie. Wie nehmen Sie das wahr?

Hintsches Wir arbeiten mit der Stadt gut zusammen, aber die Tatsache, dass Zusagen zurückgenommen wurden, die unter einer anderen Koalition gegeben wurden, geht aus meiner Sicht gar nicht.

Die meisten Mönchengladbacher kennen Sie in anderen Rollen. Sie sind Musikerin, Chorleiterin und Kabarettistin. Wie sind Sie eigentlich zur Musik gekommen?

Hintsches Ich wollte immer Musik machen. Mit dreizehn, vierzehn habe ich zu Hause verkündet, dass ich Sängerin und Schauspielerin werden wolle. Daraufhin war meine Oma eine Woche krank. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, da war schon der Besuch des Gymnasiums eine Revolution. Ich habe dann aber Gitarre gelernt und gesungen. Mit vierzehn stand ich das erste Mal auf der Bühne.

Haben Sie Vorbilder?

Hintsches Ich habe die Pop-Abteilung übersprungen. Meine große Lehrmeisterin war Joni Mitchell. Weil es ja noch kein Internet gab, habe ich stundenlang am Plattenspieler gesessen, die Nadel immer wieder an der gleichen Stelle aufgelegt und dann versucht, das nachzuspielen. Ich habe mich auch früh für Jazz interessiert, für Keith Jarrett zum Beispiel. Später habe ich angefangen, Texte und Songs zu schreiben und in den unterschiedlichsten Formationen musiziert. Irgendwann kam auch die Rockmusik dazu. Heute wage ich mich an mein großes Vorbild Nina Hagen heran. "Ich glotz TV" macht richtig Spaß.

Sie hatten "Trude Backes" eigentlich in den Kleiderschrank verbannt. Bei "Musik mittendrin" in der Musikschule sind Sie aber doch wieder im Kostümchen und mit Hut aufgetreten. Dürfen sich Ihre Fans ab und zu wieder auf die schräge Trude freuen?

Hintsches Ich ziehe in dieser Rolle nicht mehr durch die Republik wie früher, aber ich hole sie immer wieder raus. Ich bin in den 1980er Jahren zum Kabarett gekommen, eigentlich durch die Offene Jugendarbeit, in der ich damals gearbeitet habe. Mit einer Kollegin zusammen habe ich abends kurz vor Feierabend den Tag durchgehechelt, sehr zum Vergnügen der jugendlichen Besucher. So entstand die Idee, gemeinsam ein Programm zu entwickeln. 1998 habe ich mich mit Musik und Kabarett selbstständig gemacht. Ich biete auch heute noch zu jeder Veranstaltung passend Musik und Kabarett an, dabei stelle ich mich auf die Themen der Veranstalter ein.

Auch als Chorleiterin des Groove-Chores sind Sie erfolgreich.

Hintsches Ja, der Chor wird nächstes Jahr zwanzig und macht immer noch kolossalen Spaß. Er ist rhythmisch gut drauf, ich schreibe den Sängern die Chorsätze auch auf den Leib. Der Chorsatz muss schließlich zur Gruppe passen.

Eine letzte Frage an die Gesangspädagogin: Kann jeder Singen lernen?

Hintsches Jeder kann singen, man muss es nur wollen. Es kommt darauf an, was man erreichen will.

DAS GESPRÄCH FÜHRTEN DENISA RICHTERS, ANGELA RIETDORF UND INGE SCHNETTLER

(arie)