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Mönchengladbach: Gladbacher sind im SPD-Landesvorstand

Interview Dörte Schall : „Wer keine Angst hat, fällt auch nicht auf Parolen rein“

Die städtische Sozialdezernentin Dörte Schall wurde zur Vize-Chefin der NRW-SPD gewählt. Im RP-Interview spricht sie über Trümmerfrauen, die Rückgewinnung von Vertrauen und Holländerkaninchen.

Gratulation, Frau Schall, Sie sind Vize-Landeschefin und holten mit 89 Prozent das beste Ergebnis bei den Vorstandswahlen. Womit haben Sie die Genossen überzeugt?

Dörte Schall Ich hatte einen großen Vorteil: Durch meine Arbeit im Landesvorstand und im Präsidium hatte ich einen hohen Bekanntheitsgrad. Sebastian Hartmann, der neue Vorsitzende, war bisher vor allem im Mittelrhein und auf Bundesebene unterwegs. Und an der wichtigsten Position im Land gibt es naturgemäß mehr Reibung.

Aber es gibt doch sicher auch inhaltliche Gründe für Ihren Wahlerfolg?

Schall Ja, ich leite zusammen mit dem Bochumer Oberbürgermeister die parteiinterne Arbeitsgruppe, die sich mit der inneren Organisation beschäftigt. Das ist sicherlich ein wichtiger Faktor. Daran werde ich auch weiter arbeiten. Außerdem sind natürlich Bildung und Soziales meine Schwerpunkte.

Die SPD will neu durchstarten. Wie wichtig wird die Digitalisierung? Wird es einen ständigen Mitgliederentscheid geben?

Schall Wir sind gerade in einer Erprobungsphase: Es gibt beispielsweise ein Portal für die Unterlagen des Landesvorstands. Daran wird gearbeitet, und das ist auch sehr wichtig. Wir sollten uns aber nicht ausschließlich darauf verlassen. Früher ging der Ortvereinskassierer mindestens einmal im Jahr zu jedem Mitglied, um die Beiträge zu kassieren, aber auch um zu reden und gemeinsam eine Tasse Kaffee zu trinken. So etwas fehlt heute oft. Wir müssen immer miteinander im Gespräch bleiben. Die GroKo-Debatte hat gezeigt, dass das funktioniert und die Mitglieder motiviert.

Was muss also geschehen?

Schall Wir müssen in Mitgliederversammlungen Themen kontrovers diskutieren. Jeder muss die Möglichkeit haben, seine Meinung einzubringen. So etwas funktioniert nicht immer über die Ortsvereinssitzung, dazu sind die Interessen zu verschieden. Wer sich für Hochschulpolitik interessiert, geht nicht zur OV-Sitzung, um über Ampelschaltungen zu diskutieren. Wir müssen Themen für Mitgliederversammlungen setzen und öffentliche kontroverse Debatten zulassen. Das haben wir nicht immer getan.

Wie mächtig ist die Position nach den letzten Wahlergebnissen der SPD: 2017 gab’s ein Rekordtief von knapp 32 Prozent? Wurden Sie als Trümmerfrau gewählt?

Schall Na ja, es sind auch noch Männer dabei, die die Scherben aufkehren. Das schlechte Wahlergebnis hat sicher viel Unmut ausgelöst und deshalb zu einem völligen Wechsel geführt. Jetzt ist die Generation der 40-Jährigen dran.  Wir können die Fehler aufklären, weil wir selbst nicht betroffen sind.

Wurden die Themen falsch gesetzt?

Schall Ja, wir haben die Ängste und Verunsicherungen nicht ernst genug genommen. Das Versprechen, dass es den Kindern einmal besser geht als den Eltern, kann heute so nicht mehr gegeben werden. So wird es jedenfalls empfunden. Bildung ist da ein Schlüssel. Als Partei müssen wir jedenfalls Vertrauen zurückgewinnen.

Was kann man besser machen? Als Sozialdezernentin sehen Sie ja in Mönchengladbach, was funktioniert und was nicht.

Schall Es sind immer die kleinen Programme, die greifen. Die Kuhle Acht beispielsweise, die Plätze für 36 Jugendliche bietet, funktioniert. Oder Comeback, das Projekt für die Schulverweigerer. Auf dieser persönlichen Ebene kann man Eltern und Kinder ansprechen und gewinnen. Deshalb ist auch die Schulsozialarbeit so wichtig. Man muss früh ansetzen, sonst kommen die Familien nicht aus dem Hilfesystem heraus und Hartz IV vererbt sich. Ich setze auch auf das Bundesprogramm Sozialer Arbeitsmarkt. Wenn das kommt, wird  Arbeit subventioniert und nicht mehr Arbeitslosigkeit. Das ist entscheidend. Jeden Tag eine Aufgabe zu haben, macht Menschen größer.

Mit der Berufstätigkeit der Eltern wächst die Kita-Nachfrage und auch der Bedarf an Randzeitenbetreuung wie sie im Programm Kita plus vorgesehen ist. Schafft die Stadt es, die Bedürfnisse zu erfüllen?

Schall Beim Kita-plus-Programm haben wir jetzt den Modellversuch ausgewertet und vier Kitas identifiziert, die gut im Stadtgebiet verteilt sind und den Bedarf decken. Auch sonst funktioniert es ganz gut. Wir mussten zwar bei den Wunsch-Kitas Absagen verschicken, versuchen aber immer, Lösungen zu finden. Und wir unterstützen natürlich auch weiter den Ausbau der Tagespflege.

Zurück zur SPD – es heißt, die NRW-SPD rückt nach links. Ist das richtig?

Schall Ich weiß nicht, ob die Bezeichnung Linksruck richtig ist. Wir hinterfragen einfach vieles kritisch. Aber wir wollen beispielsweise die Agenda 2010 nicht einfach aufkündigen. Die Sozialhilfe war ja noch schlechter. Wir stellen Fragen und müssen nach Lösungen suchen. Und dabei unsere Mitglieder und Wähler mitnehmen.

Die AfD hat auch viele Stimmen aus dem SPD-Lager erhalten. Müssen Sie nicht auch diese Wähler abholen?

Schall Ja, es sind erschreckend viele Wähler zur AfD gewechselt. Dabei spielt die AfD nur mit Ausgrenzung und suggeriert den Menschen, dass ihnen etwas weggenommen werden soll. Was nicht stimmt, aber es bleibt hängen. Wir müssen den Menschen die Ängste nehmen. Wer keine Angst hat, fällt auch nicht auf Parolen herein. Früher war der Sozialstaat sicher, dieses Gefühl ist verloren gegangen. Da müssen wir ansetzen.

Wie definieren Sie die typische Wählerklientel der SPD – mehr Arbeiter oder mehr Mittelschicht?

Schall Die Vorstellung vom Arbeiter hat sich verschoben. Die Industriearbeiter von heute verdienen gut, besser als der Öffentliche Dienst zum Beispiel. Das haben wir beispielsweise aus dem Blick verloren.

Gibt’s ein Rezept, um die Wähler zurückzugewinnen?

Schall Wir müssen den Leuten zuhören.

Wie sind Sie zur SPD gekommen? War schon Ihr Elternhaus politisch?

Schall Meine Eltern waren politisch interessiert, aber nicht parteipolitisch gebunden. Beide sind Tierärzte.

Dann sind Sie mit vielen Tieren aufgewachsen?

Schall Ja, meine Eltern haben Irish Terriers gezüchtet, wir hatten Katzen, auch mal ein Schwein, zwei Ziegen und ein Schaf. Ich habe Holländerkaninchen gezüchtet und bin heute noch im Kleintier- und Geflügelzuchtverein.

Und wie begann Ihre politische Laufbahn?

Schall Ich bin über die Schülervertretung zur Politik gekommen und habe in diesem Zusammenhang die Jusos kennengelernt. 1996 mit 18 Jahren bin ich eingetreten.

Jetzt sind Sie Vize-Landeschefin. Geht’s noch weiter nach oben in der Partei?

Schall Ich bin nicht für die Karriere in die Partei eingetreten, sondern um Dinge verändern zu können. Ich finde, Partei-Vize ist schon ganz schön viel.

Sie sind Sozialdezernentin, SPD-Vize und haben eine Familie. Wie bekommen Sie das alles unter einen Hut?

Schall Ich hatte ja auch vorher durch meinen Präsidiumsposten entsprechende Termine. Aber ja, wir werden uns noch ein bisschen straffer organisieren müssen.

Sie wohnen in Bonn und sind auch für diesen Bezirk angetreten, arbeiten aber im Mönchengladbacher Rathaus. Welche Rolle spielt Mönchengladbach bei Ihrer neuen Aufgabe?

Schall Viele Dinge sehe ich aus Mönchengladbacher Sicht, und das ist gut. Denn Bonn ist als Bundesstadt und UN-Stadt keine typische NRW-Stadt. Für Nordrhein-Westfalen ist die MG-Brille besser.