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Mönchengladbach: Gedenkstunde für die Opfer des Holocaust

Im Christoffel-Haus : Gedenken an Opfer des Holocaust

Jutta Dick, Historikerin und Direktorin der Stiftung Moses Mendelssohn Akademie Halberstadt, überraschte mit einem persönlichen Erfahrungsbericht.

Der Verein „Gladbacher Haus der Erinnerung“ hat anlässlich des Internationalen Tags des Gedenkens an die Opfer des Holocaust zu einer Gedenkstunde in das Ernst-Christoffel-Haus der Evangelischen Kirchengemeinde Rheydt eingeladen. Im gut gefüllten Gemeindesaal begann Dirk Hespers zunächst mit dem Lied von Hannes Wader „Es ist an der Zeit“. Anschließend bot die Rednerin des Abends Überraschendes. Jutta Dick, Historikerin und Direktorin der Stiftung Moses Mendelssohn Akademie Halberstadt, vermied die klassische Gedenkrede. Vielmehr erstattete sie einen lebhaften, persönlichen Bericht über ihre Tätigkeit und das gesellschaftliche Klima in der Kreisstadt in Sachsen-Anhalt.

Unter dem Thema „Wehrhafte Demokratie benötigt Zivilcourage“ richtete sich Dicks Blick erst einmal zurück. Bis vor dem Zweiten Weltkrieg beheimatete Halberstadt eine der bedeutendsten jüdischen Gemeinden in Mitteleuropa. „Eine offene, breite Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur ist weitgehend ausgeblieben“, sagte Jutta Dick. „Das sieht man auch daran, dass es im digitalen Netz zwar viele Quellen über jüdische Opfer gibt, die Angaben zu den Tätern jedoch meist fehlen.“

Besonders irritierend empfindet sie die Haltung der Landesregierung nach dem tödlichen Anschlag 2019 auf eine Synagoge in Halle (Saale) an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag. Einerseits rede die Regierung das Problem des Antisemitismus klein, andererseits wolle man nun als Konsequenz aus diesem Terrorakt das Gelände der Stiftung abriegeln, also praktisch zum Hochsicherheitstrakt machen. „Das widerspricht unserem Selbstverständnis in hohem Maße. Wir wollen als ein offenes, gastfreundliches  Haus, den Bürgern und Touristen die jüdische Kultur näher bringen“, so Dick.

Besonders freut es die Stiftungs-Direktorin, dass die Schulen vor Ort großes Interesse zeigen. „Doch immer mehr Familien fühlen sich gesellschaftlich abgehängt, und es wächst die Zahl der Schüler, die sich judenfeindlich äußern“, fügte sie an.

Jutta Dick begegnet immer öfter Menschen, die sowohl anderen zugewandt sind, aber auch Fremdheit ablehnen. Mit dieser inneren Zerrissenheit vieler will sie sich nicht abfinden. „Unsere Stiftung gibt es nun schon 25 Jahre, und wir sind inzwischen weltweit gut vernetzt“. Und weiter: „Zivilcourage braucht langen Atem. Den haben wir. Aber um dem wachsenden Antisemitismus die Stirn zu bieten, braucht es neue Strategien.“