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Mönchengladbach: Gastbeitrag Christoph Simonsen zum Christopher-Street-Day

Kolumne Denkanstoß : Stolz darauf sein, wie man ist

Auch 53 Jahre nach dem Aufstand der queeren Menschen in der Christopher Street in New York sind Menschenrecht und Selbstbestimmung noch nicht selbstverständlich. Dafür gehen auch in Mönchengladbach am 17. Juli wieder viele auf die Straße.

Ich hab’s tatsächlich geschafft; irgendwie bin ich schon ein wenig stolz auf mich: Ich habe tatsächlich ein Ikea-Regal ganz alleine aufgebaut und zwar nicht so ein ganz einfach offenes Regal, nein: eines mit Türen und Schubladen. Gut, es ging ein halber freier Tag dabei drauf, aber das hatte ich unbewusst schon mit einkalkuliert. Leider, leider passten zum Schluss die Schubladen dann doch nicht in die Metallschienen an den Innenwänden des Regals. ‚Suche den Fehler beim Zusammenbau‘, aber auch das Problem konnte ich lösen; dann wohl mit ein wenig Hilfe von außen. Das ist schon ein saugutes Gefühl, etwas zur eigenen Zufriedenheit geschafft zu haben und – wenn Not an dem Mann oder an der Frau ist – auch auf die Hilfe anderer vertrauen zu dürfen.

Jetzt, zu Beginn der Ferienzeit, könnte genau dazu einmal etwas mehr Zeit sein, sich zu erinnern, was wir im Leben schon alles geschafft haben, manchmal aus eigener Kraft, dann aber auch mal mit Hilfe anderer Menschen. Mitten am Tag irgendwo entspannt sitzen, vielleicht an einem See oder in einem Café, die Gedanken kreisen lassen und sich selbst einmal auf die Schultern klopfen, dabei sich selbst leise zusprechend: ‚Bist schon eine tolle Type‘. Womöglich kommt die Erinnerung an eine schwere Situation auf, die überwunden werden konnte? Nichts geschieht einfach so von selbst; auch der Weg von einer Trauer heraus in das Leben zurück kostet Kraft und Mühe, und irgendwo kam die her, und irgendwie hab ich sie aufbringen können. Womöglich wird die Erinnerung wach an einen Augenblick des Glücks? Nichts im Leben ist nur schicksalhaft; dass ein anderer Mensch mir zum Glücklichsein verholfen hat, hat auch etwas mit der eigenen inneren Offenheit zutun, die eine Freundin oder ein Freund oder einfach nur ein wohlmeinender Mensch erkennen konnte.

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Stolz sein auf mich selbst und dankbar darüber, dass ich so bin, wie ich bin. Stolz sein auf die Lebensleistung, die mir dazu verholfen hat, dass ich immer noch mit beiden Beinen auf der Erde stehe, gleichwohl ich manchmal womöglich ins Wanken geraten bin. Stolz sein auf die Einmaligkeit, die mich unterscheidet von allen anderen und mir vor Augen führt, dass meine Unverwechselbarkeit mir verhilft, dem Eigentümlichen der anderen mit Respekt zu begegnen.

Am 28. Juni 1969, also vor 53 Jahren, haben sich queere Menschen zum ersten Mal öffentlich sichtbar gewehrt, als sie in der Christopher Street in New York von Polizisten überfallen wurden, nur weil sie sich in einer schwulen Kneipe friedlich zusammengefunden haben. Es war der erste Aufstand gegenüber der Kriminalisierung von schwulen, lesbischen und transidenten Menschen. Seitdem erinnern in jedem Jahr queere Menschen an diesen Tag der inneren Befreiung; und in jedem Jahr von Neuem erinnern sie daran, dass es Selbstbewusstsein, Mut und Kraft braucht, in einer Welt zu leben, in der andere bestimmen darüber, was normal und was unnormal ist. Und es braucht bis heute Geduld, auch nach 53 Jahren, da Menschenrecht und Selbstbestimmung in unserer Welt immer noch nicht selbstverständlich sind.

Mich bestärken Menschen, die stolz und dankbar auf ihr Leben sind ob ihrer eigenen Persönlichkeit, gleichwohl ihnen nicht selten zugesprochen wird, dass sie unnormal seien, jenseits einer von anderen gesetzten Norm leben. Auch in Mönchengladbach, nicht nur in den großen Hochburgen der Großstädte, sondern eben auch hier in unserer Stadt zeigen das Menschen wieder an dem Wochenende des 17. Juli, dass jeder Mensch stolz sein darf auf ein Leben, das einem geschenkt wurde, in das hinein jede und jeder hilfreich begleitet wurde und für das dann von einem bestimmten Punkt des Lebens an jede und jeder eigenverantwortlich eintreten muss.

Stolz und Dankbarkeit sind zwei Seiten einer Medaille. Beide Seiten finden sich auch im Leben Jesu wieder. Erinnern wir uns nur an den Augenblick, an dem Jesus vor Pilatus stand, aufrecht und selbstbewusst; oder denken wir an die Begegnung Jesu mit Maria Magdalena, die ihm mit kostbarem Öl die Füße salbt.

So bin ich nicht nur stolz und dankbar darüber, dass ich mit zwei linken Händen ein Ikea-Regal aufzubauen vermochte, ich bin auch stolz und dankbar, dass ich mich ein Kind Gottes nennen darf, so wie ich bin. Und darüber sinne ich gern in meinem Urlaub intensiver nach, wenn es sein muss, auch mit einem schönen Glas Rotwein.

Christoph Simonsen katholischer Pfarrer der Citykirche.