Mönchengladbach: Fronleichnam und die Prozessionen

Bei Prozession : Fronleichnam fasziniert

In der Monstranz begibt sich Jesus bei der Fronleichnamsprozession unter die Menschen – auf Augenhöhe. Das ist für unseren Autor das Besondere.

Heute ist Fronleichnam. Ein Feiertag mit katholischem Hintergrund. Einer, mit dem sich die, die sich mit ihm beschäftigen, oft sehr  schwertun. Die meisten sehen eh nur den freien Tag, den Start in ein langes Wochenende… Bei vielen Älteren kommen Erinnerungen hoch: Prachtvolle Prozessionen, die Kirche zeigt nach draußen, was sie alles hat. Vergoldet, Edelsteinbesetzt, in prächtige Gewänder gehüllt. Die katholische Sicht. Andere können mit all‘ dem nichts anfangen, stellen kritische Fragen. Und dann die alten Geschichten: Die evangelischen Bauern, die am Fronleichnamsmorgen Mist fahren…

Ich finde Fronleichnam ein faszinierendes Fest, je öfter ich es mit den Gemeinden feiere. Ja: Es ist eine Inszenierung. Das Allerheiligste, ein Stückchen Brot, wird eben auch als etwas ganz Besonderes inszeniert. Doch ein Gedanke geht dabei manchmal leider unter. Ein Gedanke, der mir immer wichtiger wird, je öfter ich die goldene Monstranz mit dem Stückchen Brot, in dem nach unserer katholischen Auffassung Jesus Christus gegenwärtig ist, durch die Straßen trage. Ich selbst sehe Jesus im Brot auf Augenhöhe und bringe ihn auf Augenhöhe zu den Menschen.

Das ist für mich das Besondere: Wir verlassen unsere Kirchengebäude und bringen letztlich Gott auf Augenhöhe zu den Menschen. Und er lässt das mit sich machen. Auch wenn die prachtvolle, goldene Hülle ein gewaltiges Signal ist: Am Ende ist es das Stückchen Brot, in dem Gott auf Augenhöhe zu den Menschen kommt. Nicht unerreichbar in einem Thronsaal auf einem goldenen Sessel. Er lässt sich zeigen, er lässt sich zu den Menschen bringen. All‘ das Gold zeigt uns den unermesslichen Wert, den es umrahmt. So unvorstellbar, dass man es nicht in Worte fassen kann. Aber nicht so unvorstellbar weit weg oder hoch: Nein, so unvorstellbar auf Augenhöhe – so unvorstellbar nahe. Er setzt sich unseren Blicken aus – etwas, das vielen Menschen so schwerfällt. Und wenn ich heute Vormittag das Stückchen Brot, den Leib Christi, auf Augenhöhe vor mir hertrage, aus der Neuenhovener Georgskirche hinaus übers Feld ins Nachbardorf und wieder zurück – wird mir immer mehr der wahre Wert des Fronleichnamsfestes bewusst: Gott – einer auf Augenhöhe, einer der dran bleibt, einer, der sich uns aussetzt, einer, der Lust daran hat, mit uns unterwegs zu sein. Und ich lerne immer wieder neu, Zwiesprache mit ihm zu halten. Diese Nähe tut gut, sie stärkt und inspiriert mich.

Vielleicht kann das ja ein guter Impuls aus dem heutigen Fest sein – unabhängig von Konfession oder sogar Religion: Da kommt einer auf Augenhöhe und will mit uns zu tun haben. Wie oft lösten wir auf diese Weise Konflikte, wenn wir es ihm gleichtäten. Wie viel Inspiration würde von jeder und jedem von uns ausgehen, wenn wir den Mut hätten, diese Augenhöhe mit unseren Mitmenschen zu wagen. Und andersherum: Wie viel Blockade kann das Sitzen auf dem „Hohen Ross“ bewirken… Also: Ob freier Tag oder Prozession – probieren sie doch einfach einmal neu „Augenhöhe“ bei ihren Mitmenschen aus. Ich glaube, das würde funktionieren. Nicht nur an Fronleichnam.

Ulrich Clancett ist Pfarrer an St. Jakobus Jüchen.

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