Mönchengladbach: Flug mit dem Zeppelin

Im Zeppelin : 50 Shades of Green: Flug übers Kappes-Land

Zeppelin-Rundflüge ab Mönchengladbach

In einem Zeppelin lässt sich die Heimat aus 300 Metern Höhe genießen – sofern man nicht zu Seekrankheit neigt.

Eine Zigarre in silbern-blauer Verpackung nähert sich aus Richtung Trabrennbahn. Auf der Außenterrasse des Flughafens machen Dutzende Schaulustige Kameras schussbereit. Langsam gleitet der Zeppelin heran. Selbst am Anfang der Landebahn sieht er noch gar nicht so pompös aus. Aber dann! Das Fluggerät macht einen Schwenk, dreht dem Häuflein wartender Passagiere am Boden die Nase zu. Die Propeller an den Seiten dröhnen jetzt. 75 Meter Zeppelin mit einem Volumen von 8425 Kubikmetern kommen auf die Wartenden nieder. Der Himmel verschwindet, der Gigant erobert das Sichtfeld. Erinnert irgendwie an die hollywoodmäßige Landung eines Raumschiffs. Schluck!

Doch als sich die Tür der Kabine unterm Bauch des Riesen öffnet, kommen keine Aliens heraus. Ulrich Schückhaus, Geschäftsführer der Mönchengladbacher Entwicklungsgesellschaft EWMG, steigt eine fünfstufige Leiter herab, Korschenbroichs Bürgermeister Marc Venten ist unter den zwölf Passagieren und auch der Neusser Landrat Hans-Jürgen Petrauschke – Ende eines einstündigen Promi-Tripps über Mönchengladbach. Der hat gezeigt, was die Deutsche Zeppelin Reederei vom 26. bis 29. September allen Menschen im Großraum Düsseldorf, Mönchengladbach und Aachen anbieten möchte: Rundflüge über die Region in einem Luftgefährt, das zwei Meter länger ist als ein Airbus 380. Wenn der Versuch im September erfolgreich ist, will die Reederei dauerhaft von Mönchengladbach starten. Ein Vergnügen, das etwas kostet: An Bord geht es für 395 Euro pro Person.

Dafür gibt’s Fliegen pur. Kaum sind die ersten beiden Passagiere ausgestiegen, ruft Flugbegleiterin Maxine Brindle die ersten Wartenden auf: „Jetzt bitte zwei einsteigen!“ Zwei raus, zwei rein – das Boarding funktioniert wie weiland ein Spion-Austausch auf der Glienicker Brücke. Der Zeppelin und die Kabine wollen halt schön ausbalanciert sein. Über ein Stück Rasen geht es zur Leiter, ein wenig klettern – ich bin drin!

Die Aussteigenden haben sich brav auf der rechten Seite der Kabine aufgestellt, die linke Sitzreihe ist frei für die Einsteigenden. Zeit, sich mit dem Sitz vertraut zu machen. Eigentlich wie im Flugzeug: angenehm gepolstert, Gurt wie in jeder Boeing, die Beinfreiheit erscheint ein wenig größer. Die Bordtoilette, von der Brindle bei der Einweisung im Terminal gesprochen hat, befindet sich am Heck.

Am Bug haben wir freie Sicht ins Reich von Fritz Günther, dem Piloten: vor einer riesigen Panoramascheibe eine große Konsole mit Armaturen; fünf Hebel und eine Batterie von Knöpfen über den Köpfen der Cockpit-Crew. Unten eine Mittelkonsole mit noch mehr Griffen. Sieht kompliziert aus, ist aber zum Glück nicht unser Bier. Fritz Günther wird’s schon machen! Der 55-Jährige ist seit zwei Jahrzehnten Zeppelin-Pilot, und zwar ein begeisterter: „Wo hat man das denn sonst als Pilot, dass man sich mit den Passagieren auch mal unterhalten kann“, wird er wenig später sagen, als eine Journalisten-Truppe ihn während des zweiten Schau-Fluges des Tages mit Fragen löchert.

Doch jetzt erst mal: der Start. Als alle angeschnallt sitzen und die Tür am Heck geschlossen ist, drehen die Propeller auf. Wir heben ab, zügig und geschmeidig wie ein Hotellift in die 60. Etage. Rocketman geht anders! Aber es muss einem ja auch nicht gleich beim Start schon schlecht werden. Die Flughöhe von 300 Metern ist schnell erreicht. Ein Blick aus dem Fenster: Die Kaarster Baggerseen glitzern in der Sonne, Matchbox-Autos gleiten über graue Landstraßen dahin – geräuschlos, obwohl nun auch der Zeppelin mit geringerer Propellerleistung fliegt.

Ja, wirklich, dieser Zeppelin fliegt – im Gegensatz zu den Luftschiffen, mit denen anno dazumal Graf Zeppelin den Himmel stürmte. Dessen Luftschiffe waren mit Wasserstoff gefüllt und leichter als Luft. Deshalb „fuhren“ sie nach deutschem Sprachgebrauch. Die modernen Nachfolger hingegen fliegen, erklärt Reederei-Geschäftsführer Eckhard Breuer: „Wir haben sie absichtlich so gebaut, dass sie schwerer sind als Luft, also fliegen.“ Ohne die Propeller könnten die heliumprallen Riesen weder abheben noch sich in der Luft halten. Würde Fritz Günther die Propeller abschalten, sänke der Zeppelin ganz langsam zu Boden.

A propos: Am Boden entfaltet sich ein atemberaubendes Panorama niederrheinischer Landschaft. Die Felder protzen mit der kompletten Chlorophyll-Palette – Fifty Shades of Green. Im Neusser Hafen stapeln sich Container in Zündholzschachtel-Format, am Horizont der Tagebau und die Kraftwerke. In weitem Bogen geht’s zurück gen Mönchengladbach. „Links ist Giesenkirchen“, ruft ein Passagier. Dann schiebt sich rechts Schloss Rheydt ins Bild, die orangefarbene Tartanbahn des Grenzlandstadions, und noch imposanter, Minuten später: das spinnenbeinige Borussen-Stadion, handtellergroß. Gleich unter uns: die bunten Stühle des Hockeystadions. Und während wir übers Häusermeer schweben, immer wieder die bohrende Frage: Gibt es eigentlich in der Stadt mehr als drei Gärten, in denen kein Trampolin für den Nachwuchs steht?

Viel fürs Auge, aber auch der Magen kommt auf seine Kosten – sofern man zu Seekrankheit neigt. Denn obwohl Eckhard Breuer von Fliegen spricht: Gefühlt ist das sachte Auf und Ab im Verein mit gelegentlichem Schlingern wie eine Bootstour durch die Luft. Es gibt Spucktüten an Bord, und zur Not ist da ja noch das Klo am Heck. Eine Besichtigung ergibt: Es hat ein großes Fenster, auch auf diesem Sitz verpasst man nichts.

Zeppelin Bilder Teil 1. Foto: Bauch, Jana (jaba)
Das Cockpit ist das Reich des Piloten Fritz Günther. Der 55-Jährige steuert seit 20 Jahren Zeppeline, mit Leidenschaft. Foto: Bauch, Jana (jaba)
Das Panoramafenster am Heck ist der beste Platz zum Staunen. Foto: Bauch, Jana (jaba)
Die spinnenbeinige Konstruktion des Borussen-Stadions erschließt sich dem Betrachter erst in der Luft so richtig. Foto: Bauch, Jana (jaba)
Hier bekommt man Seen zu sehen: Die Oberflächen von Baggerlöchern und Flüssen glitzern oft im Sonnenlicht. Foto: Bauch, Jana (jaba)

Die Landung: ebenfalls sacht. Da die riesige Zigarre für den Seitenwind mehr Angriffsfläche bietet als die Segel der Gorch Fock, ist Fritz Günthers Steuerkunst in solchen Situationen zwar besonders gefragt. Aber an diesem Vormittag ist das Lüftchen am Airport MG recht matt. Der Riese kommt zur Ruhe. Entspannt.

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