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Mönchengladbach: Ernst Adam berichtet über Kindheit und Jugend in Pesch

Serie Gladbacher Lesebuch : „Ich konnte wieder zu Hause sein“

Der Gladbacher Ernst Adam berichtet von seiner Kindheit im Krieg als Flak-Helfer, von seinen ersten Gedanken bei der Ankunft am Hauptbahnhof nach der Gefangenschaft und seiner Tätigkeit im Justizdienst.

Ich bin in Mönchengladbach 1926 geboren und mit Ausnahme von vier, fünf der Kriegs- und Nachkriegsjahre auf der Flurstraße, der nördlichsten des Gladbacher-Häuser-Viertels in Pesch, wohnhaft. Das Bildchen mit den beiden Klassenbesten im dritten oder vierten Schuljahr der evangelischen Volksschule an der Charlottenstraße gehört sicher an den Anfang. Fräulein Friemann, Lehrerin aus Rheydt – aber nur knapp an der Grenze zu Gladbach wohnend – hat uns auf die Stufen zur Gladbacher Altstadt gestellt, und ich musste die Fotosachen halten. Helga, dem Mädchen neben mir, bin ich im Erwachsenenalter wohl jedes Jahr irgendwie begegnet. Nach ihrem Tod hat die Stadtverwaltung ihr, wegen ihrer Verdienste wesentlich – wohl im Behindertenschulwesen – eine neue kleine Grünanlage mit Gedenkstein in Lürrip gewidmet. 

Kürzlich berichtete die Rheinische Post über Rundflüge mit dem Zeppelin vom Flugplatz in Neuwerk aus. Dazu habe ich kleine Aufnahmen (nach den damaligen, auch finanziell, zu berücksichtigenden Möglichkeiten der Fotografie) in unserem Fotoalbum. Gemäß Internet sind die beiden Luftschiffe – das neue, mit einer Art Hotelunterbringung auf der Reise, im Mai 1937 in den USA abgestürzt – zusammen nur im März 1936 in Deutschland geflogen.

 Sommerabend auf der Flurstraße: Dort ist Ernst Adam aufgewachsen und lebte dort auch wieder nach dem Krieg.
Sommerabend auf der Flurstraße: Dort ist Ernst Adam aufgewachsen und lebte dort auch wieder nach dem Krieg. Foto: Heinz Drieschmanns
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Das nächste Flurstraßenbild stammt aus dem Frühjahr 1940, also aus Kriegszeiten: Auf dem Bild mit der damaligen Backstein-Gotik von Hausnummer 15 im Hintergrund, ist das Lattengerüst, noch auf unserem Grundstück, für die Spalierobstbirnbäumchen in U-Form ersichtlich. Die hat mein Schwager Hermann erfunden, die es an Stelle der Riesen-Birnbäume an fast jedem Flurstraßen-Haus gab.

Das abgebildete Straßentörchen ist für mich ein ungewisser Heimkehrort gewesen. Zunächst wurde ich am Morgen des 31. August 1943 aus dem, durch den ersten Bombengroßangriff auf die Stadt verräucherten Krankenhaus Maria-Hilf, entlassen. Da hatte ich gemeint, auch das erweiterte Bahnhofsviertel als brennend umgehen zu müssen, und habe mich, ziemlich erschöpft, durch Eicken Richtung Flurstraße bewegt. Ich machte aber an dem Eisenbahntunnel an der Hindenburgstraße eine Verschnaufpause, weil dort die von Osten her anrückenden auswärtigen Feuerwehren nach solchen mit und ohne Löschwasser zum Durchlass in die brennende Stadt sortiert wurden.

 Ein Luftschiff fährt über Pesch, dem Heimat-Stadtteil Ernst Adams, im Jahr 1936.
Ein Luftschiff fährt über Pesch, dem Heimat-Stadtteil Ernst Adams, im Jahr 1936. Foto: Heinz Drieschmanns

Zuhause und in der Umgebung war alles ganz geblieben, doch eine der beiden Tanten – die anderen Frauen der Großfamilie waren in Sicherheit gebracht – war unterwegs zum Schrebergarten gewesen, um Trinkwasser dort aus der Pumpe zu holen. Mein Vater war unterwegs zur Gladbacher Feuerversicherung, das jetzige Gerichtsgebäude an der Hohenzollernstraße neben dem Landgericht, mit der Auskunft nachher, dass dort wohl die ausgebombte Stadtverwaltung einziehen und seine Bezirksdirektion nach Korschenbroich ausgelagert werde.

Ein ganz trauriges ‚Zuhause‘ gab es für mich zum Jahreswechsel 1943/44. Die andere Hälfte der Flakhelfer (Flak allgemein gebräuchlich für Fliegerabwehrkanone) – den ehemaligen aus der Stellung auf dem Rheydter Stadthallendach – hatte vorher über Weihnachten nach Hause gedurft. Ich traf da nur meine beiden Tanten an, und die eine nur weinend. Mein Vater war, an Stelle seiner Tochter und der Enkelin, unterwegs per Eisenbahn nach Riga durch das kriegerische halbe Europa gewesen – hat dann aber von dort nur noch das Bild vom ‚Soldatengrab‘ mitbringen können. Dorthin hatte man meinen am Ilmensee in Russland schwer verwundeten Schwager gebracht, und der Sterbende hatte wohl nach seiner Frau und dem Töchterchen verlangt.

 Das Haus mit der Nummer 17 an der Flurstraße.
Das Haus mit der Nummer 17 an der Flurstraße. Foto: Heinz Drieschmanns

An der Flak-Stellung auf der Stadthalle in Rheydt mussten wir (drei Gladbacher und vier oder fünf Rheydter oder Odenkirchener Oberschüler) an den unterrichtsfreien Nachmittagen zu Vieren unsere 2cm-Schnellfeuerkanonen pflegen und alle paar Nächte bei Feuerbereitschaft stundenlang bei ihnen herumhocken. Und das ohne jemals zu schießen – außer an einem sonntäglichen Scheibenschießen in der Gladbacher Kiesgrubengegend Richtung Viersen, wo ich zu spät erfuhr, dass auf die drei Zielscheiben in der Ferne von rechts nach links (statt umgekehrt) zu schießen war, und ich so zunächst nur die mittlere Scheibe richtig traf. Ich war mit zwei weiteren Luftwaffenhelfern des Jahrgangs 1926 von der Gladbacher Oberschule denen der Rheydter und der Odenkirchener Oberschule angegliedert worden (nach Aufhebung unserer vorherigen Angliederung an Krefelder Oberschulklassen, mit tatsächlichem Einsatz, am Kommandogerät der schweren Flak, in Duisburg-Mündelheim).

Als ich im Dezember 1945 aus der Kriegsgefangenschaft, die ich hauptsächlich im Sommer und Herbst in einem riesigen Lager bei Tarent im italienischen Süden verbracht habe, von den Engländern entlassen wurde, war die echte Heimkehr noch ungewisser. Ich hatte doch seit dem Marsch als Fahnenjunker bei den Fallschirmjägern zur Front in Italien, damals im Frühjahr 1945 südlich Bologna, keine Verbindung mehr nach Hause gehabt. Letztlich in eisiger Kälte aus dem britischen Zentrum am Niederrhein nach Hause in Marsch gesetzt, musste ich im Krefelder Hauptbahnhof um einen Platz im überfüllten Abendzug nach Gladbach „kämpfen“.

 Amerikanische Geschütze in Rheydt: Diese Abbildung fand Ernst Adam in einer Zeitschrift in Kriegsgefangenschaft.
Amerikanische Geschütze in Rheydt: Diese Abbildung fand Ernst Adam in einer Zeitschrift in Kriegsgefangenschaft. Foto: Heinz Drieschmanns

In der Heimatstation, im Dunkeln schon und kurz vor der Sperrstunde angekommen, hatte mich ein an der Wand im Gang angeklebtes Werbeplakat für ein Fußballspiel noch erfreut. Doch war ich dann enttäuscht worden, weil man in der Bahnhofshalle noch freie Sicht zu den Sternen hatte. Und dann trieb die Frage von zwei Frauen nach ihren noch nicht aus dem Krieg zurückgekehrten Männern mir auch etwas die Tränen in die Augen. Sie fragten so immer bei der Ankunft des Abendzugs aus Krefeld, der öfters Kriegsrückkehrer bringe, sagten sie. Ausgebombt aus der alten Wohnung hätten sie dort einen Hinweis auf ihre neue Bleibe nur dürftig hinterlassen können.

Auf meinem Weg, in Angst nun, nach Hause in Richtung Stadtteil Pesch musste ich öfters in Umgehungspfade von der mir altbekannten Strecke abweichen, bekam auf dem Folradplatz das Röhren des wohl durch Bomben angeschlagenen Gladbach zu hören und traf gegenüber dem Anfang unserer Straße auf zertrümmerte statt der sonst oft nur ausgebrannten Häuser. Ich hielt im Laternenschein das helle Haus linksseitig in der Straßenmitte Richtung Volksgarten-Bäume für das unsrige, war mir aber dann nicht mehr sicher, weil die praktisch das Grundstück teilende Gartenlaube fehlte und der Blick frei war, wohl auf unser hinteres Gartenstück und dahinter, schon in der Reyerstraße, auf einen Hügel von Trümmern. Und das Dach über unserer Haustür fehlte und die Tür war neu. Ich fand im Dunkeln weder Klinke noch Klingel. Doch mein Klopfen auf das erleuchtete Seitenfenster mit Stimmen dahinter erzeugte dann einen großen Ansturm auf mich. Meine jüngere Schwester zuerst, dann aus dem Wohnzimmer flüchtende Fremde, dann die beiden Tanten und aus der Ecke mein Vater. Bei ihm fiel mir sein Älterwerden sofort auf, und die Tränen in seinen Augen. Für ihn war der Stammhalter zurückgekehrt – von seinen drei Brüdern hatte nur mein Vornamensvetter den Ersten Weltkrieg überlebt, war dann aber als gasvergifteter Soldat in Berlin verstorben. 

Sie hatten mein Zimmer von der Wohnungsbewirtschaftung frei halten können; meine Schwester war – auch am Bahnhof – einem Kumpel von der Flak begegnet, der von meiner Gefangenschaft in Italien erfahren hatte. Das Bett hatte noch von der feuchten Wand fern bleiben müssen; die Luftmine auf der Reyer Straße hatte nicht nur die Häuser dort weggefegt, sondern auch unsere Dachziegeln. Ich konnte also wieder zu Hause sein – und bald würde auch der Rest der Familie aus den Unterkünften in Westfalen bei der Verwandtschaft oder bei alten Kameraden meines Vaters wieder einziehen können.

Mein Mitbringsel aus der Gefangenschaft war eine „edlere“ amerikanische Zeitschrift von März/April 1945 mit Ablichtungen von Gladbach und Rheydt. Ich erlangte die Zeitschrift in dem britischen Gefangenenlager als zeitweise „Batman“ („Bursche“ bei englischen Offizieren).

Die Nachkriegszeit habe ich zunächst zum Nachholen des Abiturs verwendet, in einem Kriegsteilnehmer-Kurs in angemieteten Räumen, unter einem Oberstudiendirektor nun – mir als früherer Lehrer gut bekannt und jetzt wohl etwas notenerhaltend wirkend. Die dann beantragte Zulassung zur Rechtspflegerausbildung ließ so lange auf sich warten, dass mein Vater mich zum evangelischen Landeskirchenamt schickte, das für diese Ausbildung irgendwo geworben hatte. Da musste ich den Rhein zu Fuß überqueren und wurde dabei von den Engländern mit weißem Pulver in allen möglichen Körperecken zur Desinfektion versehen. Von der Ausbildung selbst, davon ein Drittel in Düsseldorf am Obergericht, mit An- und Abfahrt per Bahn und zum Teil noch Fußweg dort durch die Trümmerwüste, gibt es noch uralte Fotos, unter anderem mit dem späteren Direktor des Gladbacher Amtsgerichts, meinem Schwager dann.

Von der Ausbildungszeit hier im Justizgebäude an der Hohenzollernstraße sind mir schwach durch die Wiederaufbaumaßnahmen anfallenden Fußwegänderungen bei meinem täglichen Gang (aus dem Stadtteil Pesch zum und vom Dienst) in Erinnerung. 1950 habe ich die Prüfung für den gehobenen Justizdienst bestanden und dann zunächst beim, damals noch bestehenden, Amtsgericht Dülken gedient, mit komplizierter An- und Abfahrt von Gladbach aus.

Meine erste Wohnung hier habe ich auf der Weststraße von der Witwe des ersten Bombenopfers der Stadt (wohl von Mai 1940) erhalten. Dort habe ich auch ein großes Durchregnen, bei einer Sintflut von den Niederlanden her, erlebt – und später auf der Aachener Straße eine Kneipe mit damals noch seltenem Fernsehen. Dort musste ich aber das Betrachten, wohl der Fußballweltmeisterschaft 1954, aufgeben, weil ich den scharfen Zigarettenrauch der Lungenraucher nicht ertragen konnte.

Aus späterer Zeit habe ich ein auf Büttenpapier gedrucktes Programm des Justizministers NRW, gerichtet an mich als „JOI.“ – anscheinend als Personalratsvorsitzender damals, gefunden. Bei einem solchen Vorsitz habe ich jedenfalls später wieder einmal den jährlichen Betriebsausflug an den linken Niederrhein erfunden, mit der üblichen Verschnaufpause der Busse da am Gladbacher Bunten Garten.

In der allgemeinen Nachkriegs-Ruhestandszeit der ehemaligen Glabacher Oberschüler – ich war da immer noch der Klassenjüngste und der erste im Alphabet – hat es eine Zeit lang ein jährliches Treffen gegeben. Mindestens einmal war auch Karl erschienen, damals Oberst bei der Bundeswehr. Er erklärte mir, dass ich rangmäßig auch Oberst sei. Und der besondere Kranz für die Gefallenen der 4. Fallschirmjägerdivision (in der ich diente) irgendwann zum Volkstrauertag am Hochkreuz klärte sich auch als jetzt von einem Gladbach-Rheydter Bürger stammend auf, meinem ehemaligen Divisionskommandeur und danach Generalinspekteur der Bundeswehr. Mit meiner Teilnahme am Volkstrauertag habe ich damals auch etwas das Gleichgewicht zwischen den deutschen Teilnehmern und den britischen aus dem Nato-Hauptqartier herstellen wollen.