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Mönchengladbach: Erinnerung an die Reichspogromnacht

Erinnerung in Mönchengladbach : Die Nazi-Verbrechen sind kein "Vogelschiss"

Der Rheydter Pfarrer Olaf Nöller erinnert in seinem Gastbeitrag an die Ermordung der Juden im Zweiten Weltkrieg.

Ich sitze am Hafen der griechischen Insel Symi und freue mich des Lebens. Während ich Zeitung lese und Cappuccino schlürfe, bemerke ich, dass am Nebentisch Deutsch gesprochen wird. Ein älteres Ehepaar sitzt da, und wir kommen ins Gespräch. Als ich erwähne, dass ich im Reiseführer gelesen habe, die deutsche Besatzungstruppe hätte 1945 die Johanniterburg gesprengt, wobei Teile der Altstadt zerstört wurden, widerspricht mein Gegenüber: „Nein, nein! Das haben die Engländer getan! Das wäre auch gar nicht nötig gewesen. Aber die wollten unbedingt noch angreifen mit großem Tamm-Tamm.“ Ich verspüre Unmut, denn derartige Reaktionsmuster begegnen mir des Öfteren im Konfirmandenunterricht. Wenn ich zum Beispiel Jugendliche mit Handy unterm Tisch erwische, dann heißt es: „Ich bin aber nicht der einzige; die anderen machen das auch!“

Fast hätte ich noch entgegnet: „Mit großem Tamm-Tamm angreifen? Das konnten wir Deutschen aber auch sehr gut!“ Aber auf solche Diskussionen habe ich jetzt keine Lust. Mein Interesse ist geweckt. Die Internet-Recherche ergibt nicht viel, warum Symi-Stadt kurz vor der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 bombardiert wurde. Ich weiß jetzt aber wieder, warum die Wehrmacht das bis dahin italienisch beherrschte Inselchen besetzte: Benito Mussolini war 1943 abgesetzt worden, die verbündete Regierung in Rom vollzog einen Seitenwechsel und man wollte einer britischen Invasion zuvor kommen. So wehte auch hier in der Südost-Ägäis die Hakenkreuzflagge.

Nach einer Woche kehre ich nach Rhodos zurück. Während ich noch an das „große Tamm-Tamm“ denke, kommt mir ein Erlebnis in den Sinn, das mich tief berührte. Ich hatte dem Reiseführer entnommen, dass die alte Synagoge restauriert worden sei und sich ein Besuch lohne. Wer die Altstadt kennt, weiß, dass sie mit ihren Befestigungsanlagen, dem Gewirr der engen Gassen, den gotischen Palästen, Kirchen und Moscheen ein Bilderbuch der Geschichte ist. 1309 verlegte der aus dem Heiligen Land vertriebene, Johanniterorden seinen Hauptsitz hierher und baute die Insel als Stützpunkt aus. 1523 zogen die Johanniter nach Malta um. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Rhodos ein bunter Mikrokosmos der drei abrahamitischen Weltreligionen. Wie auch anderswo im Osmanischen Reich lebten hier griechisch-orthodoxe Christen, Muslime und zahlreiche Juden zusammen. Im Jahr 1930  lebten rund 4000 Juden auf Rhodos. Es gab mehrere Synagogen. Dieses multikulturelle Miteinander dauerte bis 1943, als die Deutschen auch diese Insel eroberten. Historische Fotos zeigen, wie das deutsche Militär durch die Stadt zieht.

Für die Juden begann die Katastrophe. War die Hälfte von ihnen noch emigriert, weil auch die italienischen Faschisten Druck ausgeübt hatten, wurde am 23. Juli 1944 das jüdische Gemeindeleben ausgelöscht, indem man die verbliebenen 1673 Juden der Inseln Rhodos und Kos mit Schiffen in ein KZ in der Nähe von Athen transportierte. Anfang August wurden sie von dort im letzten Deportationszug aus Griechenland ins Vernichtungslager Auschwitz transportiert, wo sie in Viehwaggons gepfercht nach zweiwöchiger Fahrt eintrafen, vielfach krank oder bereits tot. 600 Menschen wurden für die Zwangsarbeit ausgesondert, alle anderen in den Gaskammern ermordet. Obwohl das deutsche Militär bereits an allen Fronten auf dem Rückzug war, wurden dafür noch Kapazitäten zur Verfügung gestellt. So repräsentiert gerade die Ermordung der Juden von Rhodos die grausame Unnachgiebigkeit der NS-Bürokratie.

Von der Rheydter Synagoge gibt es kaum Bilder. Das Foto stammt aus dem Jahr 1912. Foto: Sammlung Olaf Nöller

Nur 151 dieser Menschen überlebten. Noch weniger kamen nach Rhodos zurück. Heute leben noch etwa 40 Juden aus sieben Familien auf der Insel. All das erfuhr ich schon 2004, als ich die älteste in Griechenland existierende, 1577 von „sephardischen Juden“ errichtete, Synagoge besichtigen wollte. Ich sehe mich noch, wie ich durch ein mit Davidsternen verziertes Tor in den Innenhof eintrete. Da kommt mir ein älterer Herr entgegen und begrüßt mich freundlich in englischer Sprache. Während wir uns gegenüber stehen, fällt mein Auge auf eine kleine Tätowierung auf seinem Unterarm. Es ist die berüchtigte Häftlingsnummer. Als er mich fragt, wo ich herkomme, da bemerkt er im Bruchteil einer Sekunde, dass ich kurz mit meiner Antwort zögere. Lächelnd legt er mir die Hand auf die Schulter und sagt: „Kein Problem! Ihr seid eine andere Generation. Ihr habt damit nichts zu tun – aber ihr müsst wissen, was passiert ist!“

In dem Moment kommen mir die Tränen, auch weil kurz darauf eine alte Frau kommt und ebenfalls freundlich „Schalom“ sagt. Fast regungslos sitze ich da und lasse mich durch den wunderschönen Gebetsraum trösten. Ich frage mich: „Was ist das für eine menschliche Größe, wenn jemand, der durch die Hölle von Auschwitz gegangen sind, den Nachfahren seiner Peiniger so frei und offen begegnen kann. Was ist das für eine Macht der Liebe und auch der Vergebung?“ Nebenan sind Dokumente jüdischen Lebens ausgestellt. Wieder durchläuft es mich, als ich das vergilbte Foto eines Brautpaares erblicke. Auch sie wurden kurz nach der Hochzeit in den Tod geschickt.

Was hat man all diesen Menschen, ob auf Rhodos oder auch hier in Mönchengladbach, angetan? Was haben die Griechen durchmachen müssen auf dem 1600 Kilometer langen Transport in die nasskalte Gegend von Ausschwitz? Wie kann man so etwas Entsetzliches planen und durchführen? Woher kommt diese vollkommen gefühllose Menschenverachtung? Wozu sind Menschen fähig, wenn man ihnen nur lange genug einhämmert, andere seien schlecht oder gefährlich? Ich werde wohl nie fertig damit. Aber ich will immer noch mehr darüber erfahren, weil es nun mal so passiert ist, und weil es auch wieder passieren kann, und auch heute an vielen Orten in der Welt passiert. Wenn gerade wir Deutschen das vergessen oder sogar verleugnen wollten, wären all diese Menschen völlig umsonst gestorben. Und genau das hatten die Naziverbrecher ja beabsichtigt: Sie wollten jene, die ihnen minderwertig oder auch unbequem erschienen, einfach verschwinden lassen – industriell durchorganisiert ausrotten wie Ungeziefer. Gegen dieses monströse Verbrechen müssen wir immer noch Widerstand leisten! Es darf nicht geschehen, dass Adolf Hitler auf diese Weise am Ende doch noch Recht behält, bloß weil wir ein schlechtes Gedächtnis haben oder andere uns einreden wollen, dieses düstere Kapitel sei nur ein „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte!

Nein, ich bin stolz darauf, dass sich unser Volk auch mit dieser Seite der deutschen Geschichte intensiv auseinandergesetzt hat. Das muss uns mal einer nachmachen! Das Grundgesetz von 1949, um das uns unzählige Menschen auf der Welt beneiden, ist der konsequente Gegenentwurf zu jener NS-Hassideologie, die unser Land und Millionen Menschen in Europa ins Unglück gestürzt hat. Für mich gehören die Nazi-Verbrechen darum zum deutschen „Narrativ“ als eine bedrückende aber Sinn stiftenden Erzählung. Sie hat Einfluss darauf, wie wir die Welt von heute wahrnehmen, und wie wir politisch denken und handeln. Und nicht zuletzt auch deswegen sind wir heute so hoch geachtet in der Welt. Eigentlich haben wir es nicht nötig, zu sagen: „Die anderen haben aber auch“, oder wie sehen Sie das?