Mönchengladbach: Eltern haften auch für andere Kinder

Kolumne Mensch Gladbach: Eltern haften auch für andere Kinder

Kinder können nicht mehr sicher zur Schule gehen, weil besorgte, oft gehetzte Eltern mit ihren Autos für Chaos sorgen. Raser ignorieren Tempolimits vor Kitas und Schulen. Stopp!

Neulich fuhr ich von Rheydt nach Gladbach. Auf der Hauptroute, wo bis vor einigen Monaten noch durchgehend Tempo 50 galt, jetzt aber an zwei Stellen das Limit um 20 km/h niedriger ist. Vor einer Kita und vor dem Gymnasium an der Gartenstraße müssen Autofahrer werktags zu bestimmten Uhrzeiten ihre Geschwindigkeit drosseln. Das mag nerven, ist aber sinnvoll. Es war kurz nach 13 Uhr, Schulschluss. Der Bürgersteig war voll mit Mädchen und Jungen. Ich hielt mich dran, die meisten Autofahrer um mich herum auch. Nur einer nicht: Ein älterer Herr, bürgerlich im Erscheinungsbild, unspektakulär auch sein Fahrzeug. Nicht aber sein Tempo. Mit geschätzten 60 km/h wechselte der Mann die Spuren, überholte mal links, mal rechts. An der nächsten roten Ampel trafen wir uns wieder.

Was geht in so jemandem wohl vor? Hat er keine Kinder, Enkel, Nichten oder Neffen? Und falls nicht: Irgendwann muss auch er ein Kind gewesen sein, das wahrscheinlich froh war, auf dem Schulweg nicht um sein Leben bangen zu müssen.

Eineinhalb Wochen ist es her, dass vor einer Grundschule in Hardterbroich ein achtjähriges Mädchen von einem Auto so schwer verletzt worden ist, dass sein Leben nicht mehr zu retten war. Es war nicht auf einer Hauptstraße wie der oben beschriebenen, sondern in einer verkehrsberuhigten Zone. Doch dort herrscht täglich rund um Beginn und Ende des Unterrichts dasselbe Chaos wie vor fast allen Schulen in dieser Stadt und diesem Land: Eltern bringen in Massen ihre Kinder mit dem Auto zur Schule. Manche gehetzt, weil sie gleich weiter müssen. Aber alle besorgt. Das Bringen als Sicherheit. Ein verständlicher Ansatz. Aber weil viele dieser „Elterntaxis“ unterwegs sind, führt das zu Unübersichtlichkeit und wird zur wirklichen Gefahr für die Kinder. Am Tag nach dem tödlichen Unfall war die Situation an derselben Stelle übrigens so chaotisch, als ob nichts geschehen wäre. Es sei nur eine Frage der Zeit gewesen, bis so ein Unfall passiert, betonen Menschen, die oft morgens Grundschulen im Blick haben: Polizisten, Schülerlotsen, Anwohner, auch Eltern. Eine nicht hinnehmbare Situation.

  • Nach tödlichem Unfall in Mönchengladbach : Schulen wehren sich gegen „Elterntaxis“

Was muss sich ändern? Klar, die Kontrollen müssen häufiger, die Strafen womöglich schärfer werden. Doch eine dauerhafte, flächendeckende Überwachung ist illusorisch. Man kann weiter von der Schule entfernte Haltepunkte für „Eltern-Taxis“ einrichten. Doch auch dort müssen Kinder aussteigen, kann es bei zu viel Andrang unübersichtlich werden.

Die Lösung ist einfach, aber auch so schwer: Eltern müssen ihren Kindern mehr vertrauen, sie stark machen, indem sie ihnen beibringen, Gefahren zu erkennen und richtig zu reagieren. Sie können zu zweit oder zu dritt mit Klassenkameraden zur Schule und nach Hause gehen, oder als „Walking Bus“ in einer größeren Gruppe. Bei weiteren Wegen mit dem motorisierten Bus. So wie es für Generationen von Schülern selbstverständlich war.

Eltern haften für die eigenen Kinder – das darf aber nicht dazu führen, die Kinder der anderen zu gefährden.

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