Mönchengladbach: Eine Hebamme aus Leidenschaft

Junge Macher in Mönchengladbach: „Du erlebst im Kreißsaal magische Momente“

Schon als Kind wusste Cornelia Fernandez Bautista, dass sie Hebamme werden will. Heute bringt sie jährlich 130 Kinder mit zur Welt.

Cornelia Fernandez Bautista fand schon immer alles interessant, was mit Geburten zu tun hat. In der Grundschule lieh sie sich immer wieder das 1977 erschienene Bilderbuch „Peter, Ida und Minimum: Familie Lindström bekommt ein Baby“ in der Bibliothek aus, um es voller Neugier durchzublättern. Und in der Oberstufe war sie wohl die Einzige in der Klasse, die in ihrem Jugendzimmer Ratgeber für Schwangerschaften im Regal stehen hatte. Nach ihrem Abitur im Jahr 2010 war sich Fernandez Bautista sicher, dass sie sich auch beruflich mit der Entstehung des Lebens und dem Prozess der Geburt beschäftigen wollte.

Als sie noch ein paar Jahre jünger war, wollte sie immer Medizin studieren und danach einmal Kinderärztin werden. Jetzt aber wusste die junge Willicherin, dass ein langes Studium und ein später Einstieg in den Beruf nicht zu dem Leben passten, das Fernandez Bautista sich wünschte. Also bewarb sie sich an mehreren Hebammenschulen in ganz Deutschland – und bekam schließlich einen Ausbildungsplatz in Paderborn. Zu diesem Zeitpunkt hatte die junge Frau noch nie eine Geburt in der Realität gesehen. Und musste sich zudem von einigen Seiten anhören, sie schmeiße mit dieser Ausbildung ja geradezu ihr Abitur weg.

Cornelia Fernandez Bautista aber ließ sich nicht beeindrucken. Vor dem Start an der Hebammenschule im Oktober machte sie für einen Monat ein Praktikum im Helios Klinikum in Krefeld. Hier erlebte sie auch zum ersten Mal aus nächster Nähe, wie ein Kind auf die Welt kam. Es war das zweite Kind der Mutter, eine schnelle Geburt, die zuständige Hebamme musste die meiste Zeit nur daneben stehen und der Mutter gut zusprechen.

Für Cornelia Fernandez Bautista war natürlich trotzdem alles unendlich aufregend. „Ich hatte mich vorher viel über Geburten informiert. Aber dann tatsächlich zu sehen, wie stark Frauen bei der Geburt sein können, hat mich wirklich beeindruckt“, sagt Fernandez Bautista. Die heute 27-Jährige war begeistert davon, in einer so besonderen Zeit so nah bei den Familien sein zu dürfen, die „magischen Momente“ direkt miterleben zu können. „Du darfst die erste Person sein, die das neugeborene Kind in den Händen hält. Das ist etwas Besonderes und für mich ein echtes Privileg“, sagt Fernandez Bautista. Durch die Erfahrung im Krankenhaus war sie sich nun ganz sicher: Mit der Ausbildung zur Hebamme hatte sie die richtige Entscheidung für sich getroffen.

Los ging es während der Ausbildung in Paderborn mit den Grundlagen: Einsätze auf der gynäkologischen Station, im Kreißsaal, im OP und in der Kinderklinik. Cornelia Fernandez Bautista begleitete die Hebammen bei ihrer Arbeit, massierte die werdenden Mütter und half den Frauen dabei, die Schmerzen während der Wehen durch spezielle Atemtechniken zu lindern. Nach einem halben Jahr durfte sie ihre Hände während der Geburt auf die Hände der Hebamme legen – und dem Kind so quasi vierhändig auf die Welt helfen. Im dritten und letzten Jahr der Ausbildung folgte dann der finale Schritt: Fernandez Bautista durfte die Geburten ganz alleine durchführen. Für die junge Hebamme ein unbeschreibliches Ereignis

Mit 22 Jahren schloss Cornela Ferndandez Bautista die Ausbildung an der Hebammenschule ab. In Paderborn wollte sie aber nicht bleiben – kurz vor ihrem Examen hatte sie ihren neuen Freund kennengelernt: ein Mönchengladbacher und seit der Hochzeit im letzten Jahr ihr Ehemann. Also bewarb sich Fernandez Bautista am Elisabeth-Krankenhaus in Rheydt: das Krankenhaus, in dem sie selbst geboren wurde. Die junge Hebamme bekam die Stelle. Im Elisabeth-Krankenhaus in Rheydt kam Fernandez Bautista nun in einem Team von etwa 30 Hebammen – alles starke Persönlichkeiten, wie die junge Hebamme sagt, das müsse man auch sein in diesem Beruf. „Bei meiner ersten Geburt hier in Mönchengladbach war ich bestimmt genauso aufgeregt wie die Frau, die ich betreut habe“, sagt Fernandez Bautista.

Hebamme zu sein, bedeutet auch Schichtarbeit: mal Frühdienst um 6 Uhr, mal Spätdienst um 13 Uhr und mal Nachtdienst von 20.15 bis 6.15 Uhr. Für viele, die nur tagsüber arbeiten ist eine Nachtschicht unvorstellbar, für Cornelia Fernandez Batista war der Nachtdienst die Lieblingsschicht. „In der Nacht ist es ganz ruhig im Kreißsaal, und es herrscht eine ganz besondere Stimmung im Krankenhaus. Alle konzentrieren sich nur auf das Wesentliche: die Geburt“, sagt sie. „Es ist immer eine Wundertüte, was im Kreißsaal los ist“, sagt sie. Manchmal könne man während einer Schicht Söckchen stricken. Letztes Jahr im August seien dagegen einmal innerhalb von 24 Stunden 25 Kinder im Elisabeth-Krankenhaus zur Welt gekommen – ein Ausnahmezustand. „Im Krankenhaus ist es normal, auch mal keine Pause zu machen“, sagt Fernandez Bautista. „Der Beruf der Hebamme ist momentan wohl ein Beruf, den man aus Idealismus macht“, sagt sie. Damit sich daran etwas verändert, wünscht sich die 27-Jährige Veränderungen von der Politik: eine bessere Bezahlung, bessere Arbeitsbedingungen, eine bessere Anerkennung.

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130 Kinder bringt die Hebamme durchschnittlich pro Jahr bei einer Vollzeitstelle auf die Welt. Mal wird ein Frühchen geboren, mal ein Zwillingspaar. Zweimal hat Fernandez Bautista auch schon Drillinge auf die Welt geholt. Dabei ist jede Geburt anders, jedes Mal taucht die Hebamme für einen kurzen Moment in eine ganz andere Familie ein.

Auch Kuriositäten wie eine Wassergeburt zu Heavy-Metal-Musik hat Fernandez Bautista schon erlebt. Und durfte sogar die Geburten ihrer eigenen Freundinnen begleiten. Einen Satz, der eigentlich als Kompliment an sie gerichtet ist, hört sie nach der Geburt aber aber nicht gerne: „Ohne dich hätte ich das nicht geschafft“. Warum? „Die Frau hat die Entbindung selbst geschafft und sollte stolz auf sich sein. Ich habe lediglich dabei geholfen“, sagt die Hebamme. Die Dankbarkeit, die Fernandez Bautista für ihre Arbeit bei den Müttern spürt, ist groß – besonders auch in den traurigen Momenten ihres Berufs. Manchmal, wenn ein sogenanntes „Sternenkind“ (ein vor oder kurz nach der Geburt verstorbenes Kind) im Kreißsaal auf die Welt gekommen ist, erhält sie ein halbes Jahr später noch eine Dankeskarte von den Eltern, mit denen sie das Kind gemeinsam beweint hat.

Weil Cornelia Fernandez Bautista nicht nur den kurzen Moment der Geburt, sondern auch die wichtige Zeit davor und danach begleiten wollte, hat sie sich vor dreieinhalb Jahren selbstständig gemacht. Seitdem gibt sie zusätzlich zur Schichtarbeit im Krankenhaus noch Geburtsvorbereitungskurse oder betreut die Frauen als „beste Freundin auf Zeit“ in den Wochen nach der Geburt zu Hause. Hier klärt sie über den Vorgang der Geburt auf, gibt psychologische Unterstützung und hilft den Müttern durch den Dschungel der Schwangerschaftsmythen. Weil gerade in der Gegend rund um Möchengladbach ein großer Geburtenboom bei gleichzeitigem Hebammenmangel herrsche, müsse sich eine Frau spätestens zwölf Wochen vor der Geburt bei Fernandez Bautista gemeldet haben. „Einmal hat mich sogar ein Paar angerufen, dass gerade erst plante, eine Familie zu gründen und mich gefragt hat, ob ich die Betreuung der Geburt übernehmen könnte, bevor die Frau überhaupt schwanger war“, sagt die Hebamme.

Dadurch, dass Paare heute oft weit entfernt von ihren Eltern wohnen würden und häufig nur wenige Kinder im Umfeld seien, treffen sie im Alltag auf viele Unsicherheiten. Um selbst zwischendurch den Stress des ihres Berufs zu vergessen, tanzt die Hebamme professionelle Standard-Formationen – mittlerweile in der ersten Bundesliga.

Nun ist Cornelia Fernandez Bautista selbst Mutter geworden.  „Unser kleiner Rafael ist am 9. Juli spontan geboren mit Hilfe meiner wunderbaren Hebamme. Uns beiden ging es so gut, dass wir am gleichen Tag noch direkt nach Hause gegangen sind. Seitdem genießen wir das kuschelige Wochenbett", berichtet die 27-Jährige, die sich für die Geburt fit gehalten hat: mit Schwimmen, Aquafitness und Ausdauertraining. Ihr Mann – als Bürokaufmann tätig – besuchte zur Vorbereitung ihre eigenen Geburtsvorbereitungskurse. Unwissend, was Geburten angeht, ist er aber keinesfalls: „Mittlerweile könnte auch er die Frauen beraten, die bei mir anrufen, weil sie einen Milchstau haben“, sagt die Hebamme und lacht.

Nun steht erst einmal die Elternzeit an. Danach möchte Cornelia Fernandez Bautista dann weiterhin als Hebamme arbeiten – und so bis zur Rente wieder regelmäßig Geburtstage bei der Arbeit erleben.

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