Mönchengladbach: Ein guter Tag für Live-Musik-Hopper

Kolumne Live dabei : Ein guter Tag für Live-Musik-Hopper

Ein Festival in Eicken, Kult-Musiker in der Altstadt und ein musikalisches Kneipen-Revival in Geneicken – am vergangenen Samstag tourte durch die Stadt, wer gute Live-Musik hören wollte. So wie unser Kolumnist.

Live-Musik-Freaks aus dem Rocklager konnten am Wochenende aus dem Vollen schöpfen. So lief im TIG in Eicken über viele Stunden das Konzert für Toleranz mit den Gruppen Rose Club, The Wide, Kidbox, Rene Buss und Sticky Backseats sowie dem Groove Chor. Im Projekt 42 in der Altstadt waren Musiker von Ton, Steine, Scherben zu hören. Und im Denkmal in Geneicken sorgten die Rock’n’Roll Doctors aus Dortmund für beste Unterhaltung. Die drei Veranstaltungen hatten eines gemeinsam: Alle waren gut besucht und begeisterten die Besucher.

Im Denkmal hatte Organisator Günther „Günny“ Eßer bei der nostalgischen „Meisengeige-Finkenbratsche-Fete“ zum wiederholten Male die ehemaligen Besucher der längst geschlossenen Kultkneipe aus Mönchengladbachs Altstadt zum Klassentreffen zusammengetrommelt. Getrommelt im wahrsten Sinne des Wortes: Zur Einstimmung der Besucher spielte der Veranstalter „Karaoke am Drumset“ und trommelte live höchstpersönlich zu bekannten Rocksongs.

Danach tobten sich die versierten fünf Musiker der Wittener Combo The Rock’n’Roll Doctors mit Rock-Klassikern von Bands wie Allman Brothers, Fleetwood Mac („Need Your Love So Bad“) und den Doobie Brothers („China Groove“) zur Freude des Publikums so richtig aus. Kein Wunder, spielten die erfahrenen Cracks doch schon bei Bands wie Franz K., Strandjungs, Chris Braun Band und Breakfast. Als Gast brachten die Alt-Rocker Jürgen Pluta mit. Der frühere Wallenstein-Bassist überraschte seine Fans mit dem gelungenen Part als Sänger und Keyboarder bei Songperlen aus den siebziger Jahren ohne jegliche Wallenstein-Attitüde. Beim Blind-Faith-Titel „Well All Right“ zeigte sich der Junge aus dem Pott sattelfester als das Fachpublikum: „Geld gespart“, freute sich Pluta, als niemand im Saal wusste, dass der Song schon 1958 von Buddy Holly veröffentlicht worden war.

The Wide spielte beim Konzert für Toleranz im TIG und hatte mit Tonproblemen zu kämpfen. Die Fans störte das allerdings nicht. Foto: Renate Resch

Im schlanken, akustischen Trioformat und nicht so opulent wie die in den 1970er, 1980er Jahren als Polit-Rocker und Sprachrohr der linksalternativen Bewegung gefeierten Ton, Steine, Scherben (TSS) gastierten Musiker der Band im Projekt 42. Mit Liedern wie „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, „Keine Macht für niemand“ und „Halt dich an deiner Liebe fest“ erlebte dicht gedrängt ein eher junges Publikum in der gefühlt ewigen Club-Baustelle an der Waldhausener Straße eine Musikgruppe, die nach dem Ausstieg von Ralph Möbius alias Rio Reiser (1985) und dessen frühen Tod (1996) seit einigen Jahren in Abgrenzung zu TSS als „Kai und Funky von Ton, Steine, Scherben mit Gymmick“ firmiert.

Beim Vortrag der einstigen Helden der rebellischen Anarchozeiten in den 1970ern spürten die Fans durchaus ein wenig die Magie früherer Jahre. Mit dem stimmungsvollen Song-Mix aus alten TSS-Stücken, Solo-Hits von Reiser (u.a. „König von Deutschland“, „Junimond“) und neu komponierten Songs zieht das Trio seit etlichen Jahren erfolgreich durch die Republik. Auch im Gladbacher Szene-Club zeigte es sich schnell, dass die drei Musiker in der Lage sind, den Zauber der Lieder durch ihre spezielle minimale Akustik-Art authentisch zu neuem Leben zu erwecken. Ein mitreißender Vortrag von Sänger und Gitarrist Tobias Hacker alias Gymmick aus Nürnberg, den TSS-Urgesteinen Kai Sichtermann (Bass, seit 1970), Funky K. Götzner (Schlagwerk, seit 1974), der begeisterte. Ton Steine Scherben gilt als eine der ersten Rockbands in Deutschland, die nach der Gruppe Ihre Kinder (Nürnberg) und noch vor Udo Lindenberg mit deutschen Texten glänzte.

„Toleranz ist die Grundbedingung für eine freie und offene Gesellschaft“, erklärte Bürgermeister Ulrich Elsen im TIG und gab beim „Benefiz-Konzert für Toleranz“ die Bühne frei. Der knapp 40-köpfige Groove Chor unter Leitung von Monika Hintsches brach mit einem Mix aus Gospel, Rock und Pop schnell das Eis. Die gute Stimmung nahmen The Kidbox, das Duo Rene Buss und die Sticky Backseats gerne auf und setzten stimmungsvoll sogar noch einen drauf.

Die Jungs vom Rose Club sorgten für den ersten Höhepunkt. Das Quintett um Sänger Jack Kremers punktete mit handgemachtem Alternative-Rock und deutschen Texten. „Keine Cover, keine Loops, keine Keyboards“ ist das Credo der 1992 gegründeten Band. In der Gründungsphase des Rose Clubs galt ihre große Liebe – Ranola sei Dank – dem Punk. Spuren davon finden sich heute noch in den Stücken, wie auf der aktuellen CD „Hastige Zeiten“ nachzuhören ist. Der kurze Auftritt beim Benefit-Konzert machte großen Appetit auf mehr.

Mit lauten, störenden Quietsch-Geräuschen endete zum Abschluss des Konzerts der furiose Überraschungs-Auftritt von The Wide, aktuell die spannendste Alternative-Rockband der Stadt. Wenige Wochen nach dem Debüt begeisterten die Ex-Dead-Guitars-Musiker einmal mehr ihr Publikum. Eine kurzfristig nicht zu reparierende Macke in der Mikro-Verbindung zwischen Pult und Bühne brachte Tonkutscher Rainer Aßmann beinahe zur Verzweiflung. „Gottseidank war Paramount eh die letzte Nummer“, so der knapp gefasste Kommentar des Sound-Ästheten.

Die Fans störte es nicht weiter. Eher schon die kurze Vorführung der Band. Ein „Best of“-Programm mit Auszügen vom aktuellen Paramount-Album und ein kleiner Ausblick auf kommende Songs  musste diesmal für die Fans von Sänger Pete Brough, Gitarrist Ralf Außem, Schlagzeuger Hermann Eugster und Bassmann Kurt Schmidt reichen . „Die Technik hat uns einen Streich gespielt. Wir wollten aber auch nicht aus der Reihe tanzen. Alle Bands hatten sich auf eine knappe Spielzeit verständigt“, erklärt Frontmann Pete Brough.

Livemusik-Tipps: Donnerstag, 17. Januar, 20.15 Uhr, Messajero, Sophienstr. 17: Impro-Session „Yes We Jam“ u.a. mit René Pütz und Tobias Weidinger (Trompete); Freitag, 18. Januar, 19.30 Uhr, in Viersen, Hauptstr. 123, „Das Kaffeehaus“: „Musik an der Grenze zur Stille“ mit Thomas Kessler, Piano; Samstag, 19. Januar, 20 Uhr, Messajero: Doppelpack mit den Bands K.I.T.S (Elektro Musik Session) und Elektro Mofas. Elektro-Pop mit Einflüssen aus Soul, Jazz & Funk mit Sängerin Lioba Moija, Keyboarder Hans-Peter Faßbender und Gitarrist Gerd Strasdas; Samstag, 16. Februar, 20.30 Uhr, im Live-Club Rockschicht, Viersen, Bahnhofstr. 55: „Music im Doppelpack“ mit Plexiphones und Hard2Soul, Berlin.

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