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Mönchengladbach: Diese Platten sind „Made in MG“

Kolumne Live dabei : Diese Platten sind „Made in MG“

Live-Konzerte, Chartstürmer, Neuzugänge und Klassiker – in diesem Jahr hatten wieder viele Mönchengladbacher Musiker einen großen Auftritt. Und auch unter dem Weihnachtsbaum oder auf dem Plattenteller sollten Scheiben lokaler Bands landen. Einige Tipps.

Ähnlich wie in großen Teilen unsere Borussia hat auch die lokale Musik-Szene im beinahe abgelaufenen Jahr einen tollen Lauf. „Volle Hütte“ mit tausenden Besuchern bei den Events von Booster (Silent Night), Remember Band (Christmas Classics), Just:is (Sternennacht) und Co.. Gut besuchte Konzerte in den Live-Clubs mit Local Heros wie Charly T. und Patrick „Paddy Boy“ Zimmermann; gefragte Formate wie Yes We Jam!, GoMusic, Jazz-Vison, Jazz am Abteiberg, nicht zu vergessen der NEW Sommer sowie viele Bandkonzerte von Gruppen wie Rose Club, Fandango, Plattsatt, Pinball Rock’n’Roll Band, Hardware, Jazzbones, HPT Jazzband, Red House Jazzband, Red Hot Cancers, Flat Blues Ltd., Obergärig und Metalforce, um nur einige zu nennen.

Beinahe alle Veranstaltungen waren gut besucht, haben ihr Publikum gefunden. Etablierte Live-Clubs wie Messajero und Projekt 42 stellen die Musiker nach wie vor auf ihre Bühnen. Ein neuer, aktiver Jazzverein mit der „Erholung“ als ständigem Domizil und neue Club-Lokale wie das „Krypti“ am Schillerplatz beleben die Szene zusätzlich. Sehr erfreulich: Bands mit ureigener Musik lassen zudem auch überregional aufhorchen; veröffentlichen ihre Stücke auf CDs und Vinyl-Scheiben, tragen so Musik „Made in MG“ in weite Teile der Welt. Hier eine Auswahl von Schallplatten aus den letzten Monaten:

  • Joe Bowie während eines Auftritts beim
    Konzertreihe in Mönchengladbach : Auf dem Abteiberg wird wieder gejazzt
  • Endlich wieder Kneipenkonzerte: Anlässlich der Kneipentour
    Spring Rock in Hilden : Live-Musik rund um den Fritz-Gressard-Platz
  • Die AC/DC-Tributeband „We salute you“ lieferte
    Konzert in der Red Box Mönchengladbach : AC/DC-Kopie „We salute you“ lässt es krachen

Auf gerade einmal 300 Exemplare ist das Debüt der Post-Punkband Stiller limitiert. Darauf feiern Wave, NDW 2.0 und Indie-Rock fröhliche Urstände. Wahrlich kein Mainstream. Aber auch nicht zu schwere Kost. Die Musik des Trios klingt frisch, rau und herrlich unverbraucht. Dabei haben die drei Musiker bis zu den ersten Aufnahmen nie zuvor zusammen gespielt. Sound und Artwork der Scheibe sind hervorragend. Es ist unüberhörbar: gelernt ist gelernt. Die Erklärung dafür: Wer will, kann Stiller auch als Allstar-Band verstehen. Sänger und Gitarrist Marko Fellman (Ex-Gegenteil), Nico von Brunn, Schlagzeuger bei EA80, und Ingo Frevel, Bassist bei Klotzs, haben in ihren vorherigen Bands längst ihre Meriten eingesammelt.

Jeder von ihnen weiß, was zu tun ist, um beim Zuhörer anzukommen. Die Entstehungsgeschichte der klangvollen Scheibe: Im Sommer 2018 verabredeten sich die Musiker zu einer Studio-Session in Mönchengladbach, ohne vorher jemals zusammen gearbeitet zu haben, und spielten dabei vier deutschsprachige Lieder ein. Einige Monate später entstanden bei einer zweiten Session weitere sechs Lieder. Sie alle haben den Zauber des ersten Mal. Basis waren Entwürfe von Fellmann, die vom Trio beim ersten Studiotermin gleich mit ungeheurer Dichte ausgeführt wurden. Songs ohne Proben. Im Hier und Jetzt. Später folgte der Gesang mit bemerkenswerter Lyrik. Sparsam eingestreute Overdubs machten die Scheibe rund. Das Ergebnis klingt rockig. Noisige Gitarren, energievolle und knallige Midtempo-Rhythmen, virtuose Basslinien und obendrauf eine Stimme, die ganz entfernt im Hinterkopf an Rio Reiser (u.a. „König von Deutschland“) denken lässt. Genau der richtige Stoff für lauten Club-Rock britischer Prägung. Mein Anspiel-Tipp: „Tetrahydrocannabinol“. Erhältlich für 21,40 € unter info@stillerband.de

Mit der Veröffentlichung von „Break in The Clouds“ als CD und auf Vinyl ging die Alternative-Pop Band Plexiphones gleich in die Vollen. Seitdem die dritte Scheibe (nach „News from the Colonies“ und „Electric“) raus ist, ist das Sextett gefragt wie nie zuvor. Auftritte u.a. in Berlin, München und Hamburg, wochenlange Hitparaden-Erfolge des Albums in den Deutsche Alternative Charts (DAC) und Airplay von Radiostationen in Ländern wie Mexiko, Australien, Schottland und England schieben unerwartet den verdienten Erfolg der Plexie’s an. Die Musiker um Sänger Wolfgang Kemmerling kombinieren in ihrem Sound analoge Synthesizer, rockige Gitarren und tanzbare Beats mit ausdrucksstarkem Gesang zu einem eigenen Stil. Der Mix macht Appetit auf die Live-Show.

Starke Melodien, straffe Arrangements und handwerkliche Akribie bei der instrumentalen Umsetzung gefallen. Das Klangbild auf „Break in The Clouds“ ist transparent und abwechslungsreich. Es wirkt homogen und vermittelt vor allem auf der Vinyl-Scheibe ein kraftvolles Hörvergnügen. Im Vergleich zu ihren Vorgängern ist die Scheibe erdiger und rockiger geworden. Sie wurde live im Studio eingespielt. Gesang, Keyboards, Percussion und Gitarren-Overdubs wurden später hinzu gemischt. Das Ergebnis: kerniger Pop-Rock für Erwachsene. Mein Anspiel-Tipp: „The Power of Love“. CD und Vinyl sind beim Echozone-Label veröffentlicht und in der Stadt u.a. bei Saturn, Media Markt und Sounds (Venlo) genauso erhältlich wie online.

 Auf ihrem Debüt-Album „Problemhits“ präsentiert die Band Astronaut 15 Songs zwischen Punk und Reggae. In klassischer Besetzung (Gitarre, Bass, Schlagzeug, Gesang) haben sich Sänger Alex Cremer, Andreas Hülsen (Schlagzeug), Gitarrist Ollie Jansen und René Blum (Bass) für die Einspielung knapp ein Jahr zur Arbeit im eigenen Keller-Studio Zeit gelassen. Zeit, die sich gelohnt hat. Die deutschsprachigen Songs sind alle selbst komponiert und getextet. Die einprägsamen Melodien sind klangvoll mit viel Witz und Tiefgang produziert. Reiner Blödsinn geht Hand in Hand mit gesellschaftskritischen Themen.

Gleichermaßen hoffnungsfroh wie nachdenklich: „Sonne“. Der Opener „JaJaJa“ trifft ein wenig den Duktus von Trios „Da Da Da“ und man gerät schnell in die Gefahr, Astronaut allzu nahe der Neuen Deutschen Welle zuzuordnen. Quasi NDW 2.0. Auch wenn’s poppig bleibt und die Lieder zum Mitsingen geeignet sind: Noise- und Wave-Einflüsse, oftmals vermischt mit einer Prise straightem Rock, belehren den Zuhörer schnell eines Besseren. Mein Anspieltipp: „Bestimmer“; von Sänger Alex Cremer effektvoll aufgemotzt durch Einsatz eines Megaphones. Eine der witzigsten und kreativsten Veröffentlichungen in diesem Jahr. Kontakt: post@astronaut.nrw

Die Vorgängerband von The Wide, die Dead Guitars, haben der Szene in MG früh den Weg zum Erfolg gezeigt. Permanentes Arbeiten auf der Bühne und die selbstbewusste Einspielung von Tonträgern mit Strahlkraft ließen das Indie-Quartett zum Szene-Flaggschiff reifen. Ihre Live-Konzerte und CD-Veröffentlichungen waren spektakulär. Tourneen mit Bands wie The Mission schärften das Profil. Nur konsequent, wenn die Nachfolgeband The Wide (Besetzung wie Dead Guitars, ohne Sänger Carlo van Putten) vor gut anderthalb Jahren diesem Weg folgte. Bewährtes erhalten und neue Akzente setzen hieß damals die Aufgabe und wurde von den Cracks durch die Veröffentlichung von „Paramount“ bravourös gelöst.

Nach dem Weggang von Gitarrist Ralf Außem steht den Protagonisten Pete Brough (Gesang), Kurt Schmidt (Bass) und Hermann Eugster (Schlagzeug) möglicherweise neuerlich eine Zäsur ins Haus. Mit „Paramount“, veröffentlicht vor gut einem Jahr, hat das Quartett ein filigranes, soundgewaltiges Meisterwerk geschaffen. Im Song „Eyes are Closed“ glänzt Pete Brough mit hymnischen Gesang erstmals in der Rolle des alleinigen Frontmanns. „Girl“ ist ein formidable-hinreißender Song, der nicht zuletzt durch die ungewöhnlich fröhlich klingende Gitarre auf sein Potenzial aufmerksam macht. „You“ kommt mit fulminantem Schlagzeug und druckvollem Bassspiel sehr heavy daher. Das Stück ist wirkungsvoll arrangiert, gesanglich stark (Backing Vocal: Cristin Fawn) und stimmungsvoll eingewebt in Klänge, die Erinnerungen an Magical-Mystery-Tour-Zeiten der Beatles wachrufen. Mein Anspiel-Tipp: „Walking Away“, ein Ohrwurm, der kongernial in die Klangkaskaden von Gitarrist Außem eingebettet ist. Veröffentlicht beim Label Echozone.

Die musikalische Heimat von Tasteninstrumentalist Georg Sehrbrock ist wohl im Ambient-Jazz anzusiedeln. Zu seinen Einflüssen zählt Sehrbrock den Modern Jazz, amerikanischen Minimalisten wie Philip Glass, Terry Riley und Steve Reich sowie die deutschen Elektroniker. Seit der Veröffentlichung seines Debüt-Albums „Belgium“ (1993) ist er als Solist und in unterschiedlichen Formation sowie als Gastmusiker bei diversen Bands (u.a. Dead Guitars, Harald Großkopf) unterwegs.

Seit 2013 firmiert Sehrbrock bei öffentlichen Auftritten und bei Schallplattenveröffentlichungen durch Umbenennung von Belgium unter Byggesett Orchestra. Mit dieser Bezeichnung und mit der Besetzung seines „Niederrheinischen Kollektives“: Peter Körfer (u.a. Bariton Four String Guitar, Synthesizer), Markus Türk (Trompete), Andre Hasselmann (Schlagzeug) veröffentlichte er im vergangenen Jahr die vielbeachtete Produktion „Meanwhile“. Ein Instrumental-Album im Spannungsfeld unter anderem zwischen Elektronik, Minimal und Jazz mit sieben Stücken.

Grundlage der Veröffentlichung waren Live-Mitschnitte bei Konzerten, die anschließend als Basis für ausgiebige Studio-Jams genutzt wurden. Diesem Album ließ der Musiker jetzt mit „Elsewhere“ die Veröffentlichung eines Live-Albums folgen.

Vier Kompositionen mit einer Spiellänge von gut 60 Minuten im wohl experimentellstem Sound, den die lokale Szene zu bieten hat. Stücke wie „Wetschewell“ laden zu einer klangvollen Ambient-Reise zwischen sanfter Elektronik und temperamentvollem Spacerock ein. Spannende Unterhaltung, nicht nur für Spezialisten.