Mönchengladbach: Diese 99-jährige ist eine Weltenbummlerin

Bewegte Lebensgeschichte: Diese 99-jährige Mönchengladbacherin ist eine Weltenbummlerin

Marjorie Schuppan hat schon zweimal die Welt umsegelt und jedes Land der Welt kennengelernt. Heute ist sie froh, einen festen Wohnsitz in Eicken zu haben und nicht mehr ständig ihren Koffer packen zu müssen.

Marjorie Schuppan ist 99 Jahre alt und wohnt seit dem Sommer im Altenheim Eicken. Die gebürtige US-Amerikanerin sitzt an ihrem Balkonfenster und beobachtet die Vögel beim Davonfliegen und Heimkehren. Auch Marjorie Schuppan ist ihr Leben lang aufgebrochen und heimgekehrt, sie hat schon viel von der Welt gesehen.

Im Jahr 1918 wird sie in Kansas, Levenforst geboren. Lange bleibt sie allerdings nicht, ist ständig unterwegs und bereist jedes einzelne Land dieser Welt. Zuerst mit ihren Eltern, anschließend mit ihrem Mann: Jürgen Schuppan lernt sie bei einem Mittagessen kennen. Sie ist die Gastgeberin des deutschen Offiziers, der in Amerika auf einer Militärbasis stationiert wurde.

Marjorie Schuppan zieht lachend ihren Ehering ab: "Oft zieh ich den Ring wahrlich nicht aus, ich glaube das ist sogar das erste Mal!" Das Datum der Hochzeit ist nun auf dem Ring ersichtlich: der 15.12.1956, nur drei Monate nachdem sie sich kennenlernten. Die Hochzeit ist Marjorie Schuppans Bedingung, ihren geliebten Jürgen über die große See nach Deutschland zu begleiten. Denn woher hätte sie sonst wissen sollen, dass er es ernst meint mit ihr?

Foto: Bauch Jana

Sie verkauft ihr Elternhaus in Kansas und folgt ihrem Gemahlen nach Deutschland. Ihre drei Kinder aus erster Ehe nimmt sie mit, muss sie jedoch schon bald wieder zurücklassen. Als Militärattaché wird Jürgen auf der ganzen Welt eingesetzt. Die Kinder besuchen ein Internat, Marjorie folgt ihrem Mann. In die Türkei, in den Nahen Osten und in viele andere Länder. Ständig unterwegs, so wie sie es auch schon aus ihrem Elternhaus gewohnt ist. Auch ihr Vater diente dem Militär, die Familie hatte zu folgen.

Als Jürgen Schuppan nach langjährigem Umherziehen 1972 schließlich pensioniert wird, findet das Paar eine hübsche Wohnung in Mönchengladbach. Die Wohnung auf der Roermonderstraße soll für 45 Jahre Marjories Heimat sein, jedoch noch lange nicht das Ende ihrer gemeinsamen Reise.

Von nun an geht das Rentnerpaar zwei bis drei mal jährlich auf große See. Auf einer Tafel an der Wand sind die vielen Segelmedaillen zu sehen, die das Ehepaar Schuppan weltweit erlangte. Zu zweit ist kein Weg zu weit, auch nicht mit über 80 Jahren. "Das Segeln habe ich mit meinem Mann begonnen. Jürgen hatte Hummeln im Hintern. Er musste einfach immer raus. Aufs Wasser oder aufs Land, egal wohin, Hauptsache raus. In Gefahr hat er mich niemals gebracht, das schätze ich sehr. Unsere Kinder haben uns oft auf dem Boot begleitet, sind uns zur Hand gegangen. Die einzige schlechte Erinnerung, die ich an Bord habe? Im Nachhinein betrachtet ist das der fehlende Service," scherzt Marjorie Schuppan und fährt fort: "Irgendwann als die Reparaturarbeiten am Segelboot zu schwierig wurden, haben wir beschlossen, stattdessen Kreuzfahrten zu machen. Dort haben wir es uns richtig gut gehen lassen."

Diese Segelmedaillen hat Marjorie Schuppan gewonnen: mehrere Nordatlantikfahrten, Bornholm-Danzig, Bremen-Stade, Oslo-Kopenhagen, Stockholm-Helsinki Foto: Bauch Jana
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Heute ist Marjorie Schuppan heilfroh, dass sie nicht mehr ständig ihren Koffer packen muss und einen festen Wohnsitz hat. Das viele Reisen war die Leidenschaft ihres Mannes und wird mit zunehmendem Alter zur Strapaze. "Das Reisen vermisse ich heute nicht. Gereist bin ich meinem Mann zuliebe. Reisen machte ihn glücklich, er machte mich glücklich und so reisten wir zusammen um die Welt, bis zum Ende."

Russland ist 2011 das letzte Reiseziel des 93-jährigen Ehepaars. Zwei Monate später stirbt ihr Jürgen. Seit dem bleibt Marjorie Schuppan zu Hause: "Ich bin da zu Hause, wo ich meinen Kopf in mein Kissen legen kann. Die Zeit vergeht mal schnell. Die Zeit vergeht mal langsam. Das ist so wie bei Allen, im Alter und in jungen Jahren. Hauptsache man hat etwas zu tun und ein Ziel: Erstmal 100 Jahre alt werden, danach dann 101."

Ins Altenheim Eicken einzuziehen, beschließt Marjorie Schuppan erst im Juni vergangenen Jahres, nach dem sie einen Schlaganfall und ein Blackout erlitten hat.

Aber warum entscheidet sie sich ausgerechnet dazu in Mönchengladbach zu bleiben? Marjorie Schuppan hätte sich schließlich jeden beliebigen Ort auf dieser Welt aussuchen können. Der Liebe wegen reiste sie, der Freundschaft halber bleibt sie. Eine gute Freundin ist der Grund warum Marjorie Schuppan Mönchengladbach nicht mehr verlassen möchte. Seit mehr als 30 Jahren hilft die bis zum vergangenen Jahr im selben Mehrfamilienhaus lebende Freundin bei Haushalts- und Versorgungsarbeiten. Sie wächst ins Leben der Schuppans hinein und besucht Marjorie nun wöchentlich zwei- bis dreimal im Altenheim. "Sie ist mein Gedächtnis und mein Gehirn. Dank ihr habe ich keine Probleme. Was will man mehr?"

Rückblickend betrachtet ist Marjorie Schuppan durch und durch zufrieden, würde ihr Leben stets noch einmal auf die gleiche Art und Weise leben. "Und wo geht es heute als nächstes hin?" fragt sie neugierig. "Teetime now? Ach nein! Zum Gedächtnistraining", erinnert sie sich schließlich an die etwas kleineren Reisen, die heute ihren Alltag gestalten. Sie steht auf und geht mit ihrem Bentley, der rollenden Gehhilfe, hinaus. Bislang ist ihr Rolls Royce glücklicherweise noch in der Garage geparkt.

(RP)