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Mönchengladbach: "Die Stadt braucht einen Masterplan für digitale Bildung"

Gastbeitrag : Stadt braucht Masterplan für digitale Bildung

Logistik-Ansiedlungen und die dort entstandenen Jobs sind keine nachhaltige Lösung für Mönchengladbach – davon ist unser Gastautor überzeugt. Sein Ziel: mehr Ausbildung in digitaler Technik, um Schüler fit für den Arbeitsmarkt der Zukunft zu machen.

Mönchengladbach steht vor einem neuen Strukturwandel. Wieder mal. Erst der Niedergang der Textilproduktion. Dann, mit der Finanzkrise 2008, begann auch der industrielle Kern der Stadt zu schrumpfen, wie Daten der letzten IHK-Standortanalyse belegen. Von 2008 bis 2017 ging die Beschäftigtenzahl im Maschinenbau um 21 Prozent zurück.

Der Standort machte aus der Not eine Tugend und nutzte seine verkehrsoptimale Lage: Von 2008 bis 2017 stieg die Zahl der Beschäftigten im Bereich Logistik/Verkehr explosionsartig um 133 Prozent. Das Problem mit diesem Wandel: Beschäftigte in diesem Bereich verdienen weniger als im verarbeitenden Gewerbe. Die Auswirkungen sind schleichend: Eine Statistik des Landes NRW zeigt, dass Mönchengladbach, was die Höhe des Einkommens angeht, abgerutscht ist. Im Jahr 2012 lag die Stadt beim verfügbaren Einkommen je Einwohner auf Rang 243 im Land. In der letzten Erhebung lag die Stadt auf Platz 305 von 396!

Weniger Einkommen bedeutet weniger Kaufkraft, weniger Kaufkraft bedeutet weniger Einnahmen für Einzelhändler, Handwerker, Cafés und Restaurants. Man spricht in der Wirtschaft von einem Spillover-Effekt: Je mehr Industrie mit geringer Wertschöpfung – und entsprechend geringeren Löhnen – am Standort, desto weniger können sich andere Branchen entwickeln, die von den Ausgaben der Konsumenten leben. Eine Spirale nach unten.

Jetzt steht die Stadt wieder vor einem Strukturwandel: Erstens kommt die Digitalisierung der Wirtschaft auch in Mönchengladbach an, zweitens, ist die Ansiedlung von Logistik durch den enormen Flächenverbrauch der Branche an ein natürliches Ende gekommen. Die Frage, die in der kommenden Ratsperiode beantwortet werden muss, lautet: Wie muss sich der Standort in einer digitalisierenden Wirtschaft aufstellen, um vom Wandel zu profitieren?

Um diese Frage zu beantworten, muss man die Veränderungen in der Wirtschaft verstehen. Kurz gesagt: „Software frisst die Welt auf“, hat der US-amerikanische Unternehmer Marc Andreessen mal gesagt. Wer den neuen Strukturwandel gestalten will, muss dieses Zitat verstehen. Ohne Software geht heute nichts mehr: Wenn wir im Parkhaus die Karte, die wir eben bezahlt haben, nicht mehr in den Schlitz an der Schranke schieben müssen, weil eine Kamera das Kennzeichen liest und öffnet – Software; jede App auf unserem Handy – Software; wenn eine Maschine meldet, dass sie nicht optimal läuft und ein Bauteil überlastet ist – Software.

Wer stellt diese magische Ressource her? Menschen, die Informatik gelernt und ein technisches Verständnis haben. IT-Kompetenz ist das Ingenieurwesen des 21. Jahrhunderts: Ohne Ingenieure gäbe es keine Industrieproduktion – ohne IT-Kompetenz keine Wirtschaft 2.0. Ein Standort ohne diese Kompetenzen wird in der sich digitalisierenden Industrie nicht am Wirtschaftswachstum teilnehmen können. Ökonomen haben den Zusammenhang bereits gut beschrieben: Fähigkeiten im Bereich MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) führen in diesem neuen Strukturwandel zu Wachstum – der Zusammenhang dürfte nach den obigen Zeilen klar sein.

Was bedeutet das für unsere Stadt? Kurz gesagt, Talente und Fähigkeiten sind die neuen Gewerbegebiete der Wirtschaft 2.0. Eine Studie des Fraunhofer Instituts wertet die „Verfügbarkeit von qualifizierten Arbeitskräften“ als einen der wichtigsten „harten Standortfaktoren“. Hat die Stadt genug von dieser so wichtigen Ressource, um ausreichend für den Wandel gerüstet zu sein?

Die Abiturquote, also der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die gemessen an allen Abschlüssen, das Abitur machen, ist mit rund 41 Prozent NRW-Durchschnitt, einige Städte in NRW kommen auf nahezu 50 Prozent. Gleichzeitig ist aber auch der Anteil, der Schüler, die ohne Schulabschluss die Schule verlassen, prozentual gesehen eher im oberen Bereich der NRW-Städte. Die weiterführenden Schulen in der Stadt, die einen Schwerpunkt im Bereich MINT anbieten, sind in der Minderheit. Kurz gesagt: Der Standort braucht mehr Talente und zukunftsfähige Ausbildungsangebote. Durchschnitt reicht nicht!

Wer jetzt mit dem Finger auf die Stadtverwaltung zeigt, der nagelt den Falschen an die Wand. Lehrer im IT-Bereich und in MINT-Fächern fehlen im ganzen Land. Die Kommunen sind zwar Schulträger, aber die Lehrer werden vom Land eingestellt, da kann die Stadt nur wenig machen.

Aber: Mönchengladbach hat mit der privaten Initiative MG3.0 bewiesen, dass die Bürgerschaft wichtige Impulse für die Entwicklung der Stadt setzen kann. So wie die städtebaulichen Fehlentwicklungen via Masterplan angegangen worden sind, so brauchen wir auch einen Masterplan für Bildung und digitale Fähigkeiten.

Die Mehrheit aller weiterführenden Schule sollte einen MINT-Schwerpunkt haben. Jeder Schüler sollte die Möglichkeit haben Kenntnisse in Programmierung und digitaler Technik aufzubauen. Jeder Jugendliche, der ohne Abschluss die Schule verlässt, sollte uns Sorgen machen. Das ist eine Herkulesaufgabe, mit der das kommunale System überfordert ist. Die Stadt braucht die Bürgerschaft, und die Bürgerschaft sollte diese Aufgabe annehmen, denn es geht um die Zukunftsfähigkeit unserer Stadt – für alle, siehe oben: Spillover-Effekt.

Wir brauchen finanzielle Unterstützung, politischen Willen und Ideen der Bildungsinstitutionen wie Digitale Bildung vermittelt werden kann. Aber wie Oliver Holtemöller, Ökonom am Institut für Wirtschaftsforschung in Halle an der Saale, warnt: „Die Politik müsste Humankapital stärker fördern. Aber wir sehen gerade bei der Diskussion um den Ausstieg aus der Braunkohle wieder: Da geht es immer noch vor allem um den Bau von Straßen und Schienen. Den Flaschenhals bilden aber nicht Straßen, sondern gut qualifizierte Menschen. An denen herrscht inzwischen Mangel.“

Wenn wir bei diesem neuen Strukturwandel als Stadt gewinnen wollen, dann müssen wir gezielter in Ausbildung investieren. Wir können das in Mönchengladbach, siehe Masterplan. Wir müssen es als Stadt und Bürgerschaft nur wollen!

Unser Autor ist Vorsitzender des Vereins #nextmg, der die Digitalisierung am Wirtschaftsstandort Mönchengladbach fördern, Aktivitäten rund um die digitale Transformation unterstützen und die Stadt für Gründer attraktiver machen will.