Mönchengladbach: Die Erfahrung des Besonderen muss gestärkt werden

Denkanstoß : Die Erfahrung des Besonderen muss gestärkt werden

Muss alles immer und überall verfügbar sein? Unser Kolumnist hat sich angesichts der immer früher geöffneten Weihnachtsmärkte mit dieser Frage auseinandergesetzt.

Die ersten Weihnachtsmärkte haben schon geöffnet – und die Kirchen regen sich darüber auf. Wie jetzt in Duisburg das zuständige Bistum Essen. Die Kirchen sehen in den immer früheren Weihnachtsmärkten einen Ausverkauf des  wichtigen christlichen Festes. Ulrich Lota, Pressesprecher des Bistums Essen, sagt, die Märkte seien vor allem Marketinginstrument, um in Zeiten des Online-Handels Menschen in die City zu locken. „Gläubigen Christen ist es aber wichtig, bei all dem Kommerz und Konsum darauf hinzuweisen, dass Weihnachtennicht irgendeine kulturelle Lichtfeier am Jahresende ist, sondern das Fest der Geburt Jesu.“

„Typisch Kirche…“, höre ich schon wieder die Einen, die die ewigen Spaßverderber am Werk sehen. „Das ist richtig so!“, die anderen, die am liebsten alles streng geregelt in der Tradition erhalten wissen wollen.

Ich möchte meinen Blick auf die richten, die „Spielverderberei“ rufen, die also, die am liebsten alles immer verfügbar hätten. Kalender egal – Hauptsache ich hab‘ meinen Spaß. „Geht doch keinen was an, wenn ich den Schoko-Weihnachtsmann schon im September vernasche und am besten auch noch Glühwein dazu trinke…“

Ich glaube, dass unser Leben lebenswert wird, wenn es sich zwischen Höhe- und Tiefpunkten bewegt. Das ganz normale Leben eben. Die Erfahrung des „Besonderen“ sollte wieder neu in den Vordergrund rücken. Ich denke immer wieder an meine Kinderzeiten zurück, in denen die Adventszeit immer geprägt war vom Warten auf etwas Schönes, von geheimnisvollen Vorbereitungen, die nach und nach das ganze Haus erfassten. Da stand in der Tat die Vorfreude auf ein ganz besonderes Ereignis – hier: Weihnachten – im Vordergrund. Das Fest mit all‘ seinem Glanz und seinen Leckereien, auf das ich mich noch richtig freuen konnte – weil es eben eine Zeit davor gab, die vom Warten, und ja: auch vom Träumen geprägt war. All‘ das verschwindet in meiner Wahrnehmung immer mehr – was ich sehr schade finde. Es kommt immer weniger Vorfreude auf die Festtage auf – weil schon die Zeit davor vollkommen überfüllt ist.

Nicht immer alles verfügbar zu haben, auch einmal warten müssen, oder es vielleicht gar nicht bekommen – das ist eine gute Lebenserfahrung und auch -schule. Weil es die Wirklichkeit des menschlichen Lebens widerspiegelt. Wenn dieses immer gleich verliefe, keine Höhe- aber auch keine Tiefpunkte mehr kennte – wie langweilig und eintönig wäre das doch. Auf etwas warten – vielleicht hilft das sogar, immer mal wieder der immer mehr um sich greifenden Unersättlichkeit in jeder Form entgegenzuwirken.

Und es hilft vielleicht auch, sich wieder auf die regionalen und lokalen Gegebenheiten zu konzentrieren – damit es eben nicht immer die Milch und das Bier aus Bayern, der Käse aus Dänemark, der Rotwein aus Frankreich und der Schinken aus Spanien sein muss. Das alles könnten kleine Höhepunkte geben, die dem Leben wieder Farbe gäben. Sich auf etwas Besonderes freuen, das uns aus dem Alltags-Einerlei herausheben würde. Das würde, wenn man diesen Bewusstseinswandel zu Ende denken würde, sicher auch die Flut von Frachtflugzeugen und Lkw etwas eindämmen.

Und wenn ich das auf die Kritik an den immer früher beginnenden Weihnachtsmärkten beziehe: schön, dass es sie gibt. Aber auch schön, wenn sie als Besonderheit zeitlich begrenzt auf das hinweisen, was der Höhepunkt dieser Zeit ist – zumindest aus unserer Sicht: Vorbereitung auf das Geburtsfest des Erlösers. Und dafür sind die (knapp) vier Adventswochen sicher eine gute und auch ausreichende Zeit, die das alles nicht langweilig werden lassen. In diesem Sinne: Ich freue mich auf diese Zeit – ab Anfang Dezember!