Kolumne Denkanstoß Wo die Toga der Geschichte weht

Mönchengladbach · Über Reisen mit der Gemeindejugend in die Römerstadt Trier, Schubladendenken und den Namen des Wahrzeichens Porta Nigra schreibt unser Autor.

Die Porta Nigra in Trier.

Die Porta Nigra in Trier.

Foto: Werner Beuschel

Sie sind zurück, die Pilger der St.-Matthias-Bruderschaft. Erschöpft und glücklich waren sie wieder da im Dorf mit K. So stand es kürzlich in der Rheinischen Post. Ziel der Fuß-, Fahrrad- und Busreisenden: Trier, und dort vor allem das Grab des Apostels Matthias. In der Abtei Sankt Matthias wird es seit dem zwölften Jahrhundert verehrt.

Trier! Da zieht es auch meine Frau und mich immer wieder hin. Pilgernd waren wir noch nicht da. Aber erschöpft und glücklich sind auch wir mittlerweile zigfach an den Niederrhein zurückgekehrt. Nämlich nach Fahrten mit der Gemeindejugend. Im nahe gelegenen Ruwertal hat die Gemeinde ein kleines Freizeithäuschen mit einer großen Wiese ringsherum. Beste Voraussetzungen für analoge Abenteuer. Ein Ausflug nach Trier ist jedes Mal Bestandteil des Programms.

Trier! Älteste Stadt Deutschlands. Römerstadt. Wie in wenigen anderen Städten Deutschlands hat sich das Imperium Romanum in Stein verewigt. Kaiserthermen, Amphitheater, Moselbrücke, Basilika: alles noch da. Eindeutig ein koloniales Erbe. Eindeutig Zeugnisse imperialer Macht. Imperium Romanum eben. Das birgt Empörungspotenzial. So erklärt es die Geschichtspolizei. Nach ihrer Logik ist mir als Nachfahre zwangskolonisierter Germanen Unrecht geschehen. Und es muss jemanden geben, den ich dafür verantwortlich machen kann. Es wäre zeitgemäß. Dekolonisierung ist das Gebot der Stunde. Und eine öffentliche Bußfertigkeit der Nachfahren jener Imperialisten. Ist doch nur ein paar Jahrhündertchen her.

Aber jetzt im Ernst: Wen sollte ich verantwortlich machen? Das heutige Kernland des damaligen Imperium Romanum? Nicht mehr nach Caorle in den Urlaub fahren, sondern nach Klein-Kleckersdorf? Auf Spaghetti Carbonara und Risotto Milanese verzichten? Boykott, Desinvestition und Sanktion halte ich hier nicht für zielführend. Mir ist auch eine Ideologie fremd, die die Menschheit in Gut und Böse einteilt, in ewige Kolonialisten und in ewige Opfer. Paulus schrieb in seinem Brief an die Gemeinden in Galatien: „Jetzt ist es nicht mehr wichtig, ob ihr Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, Männer oder Frauen seid: In Jesus Christus seid ihr alle eins.“ In Christus: Diese Identitätsstiftung sieht Schubladendenken nicht vor.

Schließlich schätze ich auch viele römische Kulturtechniken. Dieser Text zum Beispiel ist mit lateinischen Buchstaben geschrieben. Germanische Runen muss ich nicht sehen. Als sie in der Neuzeit hierzulande doch schriftsprachlich verwendet wurden, ist das Deutschen schlecht bekommen.

Über sprachliche Anpassungen könnte man gleichwohl reden. Triers Wahrzeichen ist die Porta Nigra. Sie ist so exklusiv wie die Abtei Sankt Matthias. Während diese das einzige Apostelgrab auf deutschem Boden und nördlich der Alpen beherbergt, ist jene das besterhaltene römische Stadttor nördlich der Alpen. Es kam zu seinem Namen, weil der verwendete Sandstein dunkel wurde. Also so richtig dunkel. Um nicht zu sagen schwarz. Soll ich bei meiner nächsten Stadtführung mit Jugendlichen Triers Wahrzeichen anders nennen?

Werner Beuschel ist Pfarrer der Evangelischen Christuskirchengemeinde Mönchengladbach.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort