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Mönchengladbach: Denkanstoß von Ulrich Clancett zum Umgang mit Katastrophen

Kolumne Denkanstoß : Sorglosigkeit

Nach der Flutkatastrophe scheint die Übernahme von Verantwortung für die eigene Daseinsvorsorge scheint mehr denn je angezeigt, schreibt unser Autor. Dazu gehört auch, Respekt gegenüber Helfern neu einzuüben.

NRW-Innenminister Herbert Reul ist bekannt für seine deutliche Sprache. Unter dem Eindruck der Flutkatastrophe stellte er in einem Interview eines der Probleme fest, das möglicherweise die katastrophalen Auswirkungen des Hochwassers noch verstärkt hat: „Wissen Sie: Katastrophen finden bei uns ja nur noch im Fernsehen statt.“ Umso schlimmer dann die Auswirkungen, wenn die Katastrophe plötzlich in die eigene Lebenswirklichkeit einbricht.

Dieser Satz hat mich nachdenklich gemacht und erschüttert. Ja – Fernsehbilder von Katastrophen aus aller Welt sind uns sehr vertraut. Aber mit einer Katastrophe in der eigenen Umgebung umgehen? Fast konnte man den Eindruck gewinnen, Katastrophen, gleich welcher Art, werden für den eigenen Bereich einfach ausgeschlossen – wegedrückt, wie die Programmwahl auf der Fernbedienung. Da braucht man sich doch gar nicht zu kümmern. Das passiert alles immer irgendwo auf der Welt, weit weg. Meist auch in Ländern, deren Zivilisation noch nicht auf ähnlich hohem Niveau steht wie die eigene. Arme Menschen da – Hilfsaktion gestartet, Kontonummer eingeblendet und gut.

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Bei vielen, ich würde behaupten: bei den meisten Menschen bei uns hat diese Haltung zu einer erschreckenden Sorglosigkeit geführt, was die eigene Vorsorge betrifft. Oder könnten Sie auf Anhieb sagen, wie groß Ihr Wasser-Vorrat für den Fall des Falles ist? Oder der Konserven-Vorrat? Gibt es bei ihnen ein dynamo-betriebenes Radio, dass zumindest die Informationsversorgung im Falle eines flächendeckenden Stromausfalls aufrechterhält? Oder ein Aggregat, das einige Tage die notwendigsten Geräte im Haus mit Strom versorgen knn? Oder…oder…oder…

Die schrecklichen Flutkatastrophen im Ahrtal, in der Eifel, an der Erft, in Belgien und den Niederlanden haben uns drastisch vor Augen geführt, wie verletzlich unsere Versorgungssysteme sind. Und dabei sind noch nicht eventuelle Hacker-Angriffe inbegriffen – mit denen aber stets zu rechnen ist. Corona-Pandemie und Naturkatastrophen haben mir jedenfalls wieder bewusst gemacht, in welchen Abhängigkeiten wir eigentlich leben. Umso erschreckender, in welcher Sorglosigkeit wir alltäglich unterwegs sind.

Ich will keine Panik schüren – doch die Übernahme von Verantwortung für die eigene Daseinsvorsorge scheint mir mehr denn je angezeigt. Da bekommen etwa Sirenen-Signale, die an vielen Flut-Orten offensichtlich fehlten, wieder eine ganz eigene Bedeutung zurück – was der Vorsitzende des Deutschen Feuerwehrverbandes, Karl-Heinz Banse, deutlich anmahnte: „Selbst wenn wir an jeder Straßenecke flächendeckend Sirenen hätten – es müsste dringend im Bewusstsein der Bevölkerung etwas geändert werden, damit ein nächtlicher Sirenen-Alarm nicht zuallererst eine Beschwerde bei der Polizei wegen Ruhestörung nach sich zieht.“

Vielleicht hilft eine nüchterne Betrachtung der neu heraufziehenden Gefährdungslagen, dass wir uns neu von Fachleuten raten lassen, wie wir uns auf solche Gefahren vorbereiten können. Einfach so weiter in den Tag und in das Jahr hinein leben wird uns immer weiter in eine gefährliche Sackgasse treiben. Es gibt diese Fachleute überall bei uns – Gott sei Dank! Doch da gilt es auch, Respekt wieder neu einzuüben. Und nicht wahllos Feuerwehrleute, Sanitäter, Notärzte, THW’ler, Polizisten und wie sie alle heißen lächerlich zu machen und sogar teils gewalttätig an der Ausübung ihrer Hilfeleistung zu hindern. Nur so und nur gemeinsam können wir den gewaltigen Herausforderungen, vor denen wir stehen, begegnen. Nur, wenn wir uns das gewaltige Erfahrungswissen unserer Rettungs- und Hilfsdienste zunutze machen, können wir uns ein Stückchen unserer Sorglosigkeit erhalten. Was am Ende das Leben nicht in einer Flutwelle von nicht-bewältigbaren Sorgen untergehen lässt.

Ulrich Clancett ist Pfarrer in St. Jakobus Jüchen.