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Mönchengladbach: Denkanstoß über Streit und Diskussionskultur bei Facebook

Kolumne Denkanstoß : Ist gemeinsames Abwägen doof?!

Unsere Autorin ist erschreckt über die Diskussionskultur insbesondere bei Facebook. Auslöser war ein Streit über die Regenbogenfahnen an den Rathäusern in Mönchengladbach.

Manchmal ist man ja echt sprachlos! Da postet jemand bei Facebook, dass er die Regenbogenfahnen am Rathaus gut findet und dass das ein schönes Zeichen für Toleranz in unserer Stadt sei. Jemand anders antwortet, auch bei Facebook, dass sie – mit allem Respekt – anderer Meinung sei. Und schon geht es los! Die Meute ist von der Kette:  Was sie sich denn dabei denke, das sei ja wohl unfassbar und schließlich: Schämen soll sie sich!

Ich finde die Fahnen auch gut und auch, dass das ein schönes Zeichen ist. Aber mir leuchtet wirklich nicht ein, wieso sich jemand, der mit Respekt anderer Meinung ist, für diese Meinung schämen soll! Ehrlich: Geht’s noch? Man darf doch finden, dass Regenbogenfahnen nicht vor dem Rathaus gehisst werden sollen und dafür auch noch eine Menge Argumente haben, ohne gleich in der homophoben Ecke zu landen, oder? „Binäre Logik“ nennt man das: Entweder ist das eine richtig, oder das andere und dazwischen wird der Schädel eingeschlagen. Also, verbal natürlich. So etwas Ähnliches hatten wir auch in manchen Corona-Diskussionen.  Da stand die eine oder andere kritische Rückmeldung schnell im Verdacht, Verschwörungstheorien zu folgen oder es „einfach nicht kapiert zu haben“.

  • (v.l.) René Vogel, Sozialdezernentin Dörte Schall,
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Bei Facebook wird die binäre Logik von manchen, die sich zu Anwältinnen und Anwälten bestimmter Gruppen machen, hemmungslos, respektlos und aggressiv ausgetobt. Man muss schon über eine Grundgelassenheit verfügen, um nicht auf jeden polemischen Mist, der da gepostet wird, in gleicher Weise zu antworten. Bringt ja nichts. Und ist auch einfach total blöd.

Ich muss ehrlich sagen – ich habe mich erschreckt, wie gnadenlos in diesem Medium über jemanden hergefallen wird, die  „eigentlich nur“ ihre Meinung äußert. Da gibt es Worte, Beschimpfungen, die gezielt unter die Gürtellinie gehen und verletzen – das ist menschenunwürdig. Wenn hier jemand behauptet, der Staat würde Meinungsfreiheit verhindern – nein, das ist Unsinn. Meinungsfreiheit wird von denen verhindert, die sich so respektlos aufführen, die meinen, dass sie die Weisheit mit dem Löffel gefressen und die Wahrheit in Litern gesoffen hätten. Öffentlicher Diskurs: ade! Gemeinsame Suche nach guten Lösungen und Positionen:  langweilig! Gemeinsames Abwägen von Pro und Contra:  doof! Im Ergebnis: Augenhöhe – zu  lästig und zu anstrengend!

Jetzt könnte man sicher sagen – ach, das ist ja nur im Computer, das ist ja gar nicht die richtige Welt. Aber das glaube ich nicht. Auch wenn die öffentliche Diskussion über manche strittigen Dinge notwendigerweise – noch – zivilisierter abläuft: Die Mechanismen wirken, und die Methoden vergiften auch den realen Alltag. Da müssen wir wachsamer sein und uns wehren, wenn wir es bemerken:  damit nicht am Ende der Staat die Meinungsfreiheit gegen den Widerstand der Bürger durchsetzen muss.

Martina Wasserloos-Strunk ist Leiterin der Philippus Akademie im Evangelischen Kirchenkreis Gladbach-Neuss.