Mönchengladbach: Das Klima ist rauer geworden

Kolumne Denkanstoß : Das Klima ist rauer geworden

Vordrängeln, immer der Erste sein wollen, Ellenbogen zeigen – unser Kolumnist befasst sich mit dem menschlichen Miteinander und hat sich vorgenommen, mehr auf seine eigenen kleinen Alltagsrempeleien zu achten.

Seit vielen Jahren fahre ich Ski in unterschiedlichen Skigebieten, seit gut zehn Jahren im Salzburger Land. Da macht man seine Beobachtungen – denn auch hier gibt es Entwicklungen. Gerade in den letzten Tagen bin ich mit Freunden wieder im „Snow Space Salzburg“ oberhalb von St. Johann im Pongau unterwegs.

Im Skigebiet ändert sich an sich nicht viel. Aber irgendwas ist mit den Menschen hier im Gange. Und gestern beim Abendessen sprach einer der Ski-Kameraden das aus, was ich seit vier Tagen denke: „Sag mal, fällt Dir das auch auf, wie rücksichtslos vor allem Kinder und Jugendliche sich beim Anstellen am Skilift verhalten?“ Damit hatte er bei mir ins Schwarze getroffen. Ja, auch mir fiel das in diesem Jahr extrem auf. Obwohl es jetzt, außerhalb irgendwelcher Ferienzeiten, eher ruhig auf unseren Pisten zugeht und St. Johann eh nicht zu den Massen-Hot-Spots zählt, war es schon auffällig, wie gerade die jüngere Generation sich drängelnd und mit den Ellenbogen arbeitend nach vorne drängelte.

Unser abendliches Gespräch hatte also nun ein Thema und wurde in der Runde munter weitergeführt. Ja, es seien vor allem Kinder und Jugendliche, dann aber auch vornehmlich deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, gerne auch fortgeschritteneren Alters, die solchermaßen Stress am Skilift veranstalten. „Und am Schlimmsten sind oft Mütter mit kleinen Kindern…“, bemerkte der Nächste. Ja, auch das war mir aufgefallen. „Was ist hier nur los, was ist da in den letzten Jahren passiert?“ Es lässt sich nicht bestreiten: Das Klima ist rauer geworden – und das pflanzt sich durch eine entsprechende Erziehung durch die Eltern fast schon epidemieartig fort. Immer der oder die Erste sein. Nicht warten können. Den anderen immer etwas voraus haben. Und das in einer Standardsituation, die sich in einem Skigebiet tagtäglich tausendfach wiederholt. Da gibt es eigentlich kein Wettrennen – denn: Jeder, der sich anstellt, wird mitgenommen. Der Unterschied sind gegebenenfalls nur die Wartezeiten, die zu allermeist weit unter einer Minute liegen. Also: Warum? Und: Gibt es solche Beobachtungen anderswo auch?

Ja, auch da ist das Klima rauer geworden. Und fast wie bestellt liefern die österreichischen Radionachrichten gerade gleich das passende Beispiel. Ein Politiker, der seit einiger Zeit via soziale Netzwerke aufs Übelste beschimpft und beleidigt wird, ist zum Gegenangriff übergegangen und hat einen der Hauptbeschimpfer mit E-Mail-Adresse, Bild und vollem Namen veröffentlicht. Denn die Unflätigkeiten im Netz geschehen mittlerweile oft schon nicht mehr im Schutz der Anonymität mit Spitz- oder Decknamen. Ganz offen und mit vollem Namen lassen einige Zeitgenossen da ihrer Wut und ihrem Hass freien Lauf. Damit müsse jetzt endlich Schluss sein, so der betroffene Politiker im Radio-Interview. Also auch da: Ellenbogen-Mentalität – und wenn es auf Kosten anderer ist, egal. Hauptsache ich komme gut zur Geltung. Hauptsache ich bin der Erste, Hauptsache ich zeige allen, wie es geht und wo der Hammer hängt.

„Bescheidenheit ist eine Zier – doch weiter kommt man ohne ihr…“ haben mir meine Eltern immer mitgegeben, wenn sich andere vordrängelten – was immer schon vorkam und keine neue Erfindung ist. Und sie haben mich immer darauf hingewiesen, dass man am Ende doch mit Bescheidenheit und Zurückhaltung punkten kann – zugunsten eines menschlicheren Miteinanders. Letztlich nennt man das „Respekt“. Ich meine, bis heute gut damit gefahren zu sein. Und deshalb ärgert es mich zunehmend, wenn da anscheinend eine ganze Generation herangezogen wird, die die Worte „Bescheidenheit“ und „Zurückhaltung“, letztlich auch „Respekt“ nur aus dem Wörterbuch kennen.

Ich für meinen Teil habe beschlossen, auch auf meine eigenen, kleinen Alltagsrempeleien und Respektlosigkeiten mehr zu achten – und darauf zu verzichten. Mal sehen, wie gut mir das gelingt – aber es könnte ja schon einmal ein Anfang sein.

Ulrich Clancett ist Pfarrer an St. Jakobus Jüchen.