Mönchengladbach: Das Ende der Braunkohle naht – was nun?

Sechs Stimmen zum Strukturwandel : Das Ende der Braunkohle naht – was nun?

Der Ausstieg aus der Kohleverstromung verlangt dem Rheinischen Revier einen tiefgreifenden Strukturwandel ab. Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Hochschule sagen, wie sich Mönchengladbach der Herausforderung stellen sollte.

Geld in berufliche und akademische Bildung stecken

Welche Aspekte des Strukturwandels sind für Mönchengladbach von besonderer Bedeutung?

Jürgen Steinmetz Beim Strukturwandel geht es nicht allein um Ersatz von Arbeitsplätzen der Energiewirtschaft. Der Ausstieg aus der Kohleverstromung ist eine energiepolitische Frage. Die Mönchengladbacher Wirtschaft ist geprägt von Unternehmen der Textilindustrie, des Maschinenbaus, der Metallverarbeitung und Elektrotechnik. Diese und viele weitere benötigen eine sichere, wettbewerbsfähige und umweltverträgliche Energieversorgung. Deshalb müssen wir die Frage beantworten, wie günstiger, sicherer und sauberer Strom ohne Kohle bereitgestellt werden kann. Je besser das gelingt, desto weniger gravierend wird der Strukturwandel sein.

Welche konkreten Projekte schlagen Sie vor?

Steinmetz Wir müssen uns um eine strukturierte und zielführende Umsetzung der Energiewende kümmern. Wenn es keine Kohlekraftwerke mehr in der Region gibt, benötigen wir regenerative und gasbasierte Ersatzkapazitäten, Speicher und Netze. Die Standortbedingungen müssen so gut sein, dass sich neue Unternehmen ansiedeln und Ersatzarbeitsplätze für die wegfallenden Jobs in der Energiewirtschaft und der energieintensiven Industrie schaffen. Wichtig ist, dass diese Unternehmen gut ausgebildete junge Leute vor Ort finden. Gewinner in Strukturwandelprozessen sind Regionen, die Geld in berufliche und akademische Bildung gesteckt haben. Die geplante „Cyber Alliance NRW“ und die Maßnahmen zur Entwicklung des Hochschulquartiers sind wichtige Schritte. Außerdem sollte sich Mönchengladbach an der Bau- und Technologieausstellung der Zukunftsagentur Rheinisches Revier beteiligen.

Wer muss jetzt was tun, damit diese Projekte gelingen können?

Steinmetz Gewerbeflächen müssen ausgewiesen und vorhandene langfristig gesichert werden. Durch den neuen Regionalplan verfügt die Stadt über Entwicklungspotenziale. Sie müssen ins Planungsrecht umgesetzt und der Wirtschaft zur Verfügung gestellt werden. Auch der sechsspurige Ausbau der A 52, A 61 und A 44 ist sehr wichtig. Diese Projekte bilden mit dem Ausbau der A 46 das Grundgerüst für einen zukunftsfähigen Fernverkehrsanschluss. Wir werben dafür, dass Mönchengladbach dem „Bündnis Strukturwandel gestalten“ beitritt, das wir mit dem DGB im Rhein-Kreis Neuss angestoßen haben. Je besser sich die Region vernetzt, umso größer sind Innovationskraft und Einfluss.

Jürgen Steinmetz, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Mittlerer Niederrhein. Foto: IHK

Stärker auf Qualität als auf Quantität setzen

Welche Aspekte des Strukturwandels sind für Mönchengladbach von besonderer Bedeutung?

Hans-Hennig von Grünberg Mönchengladbach benötigt zukunftsfeste Arbeitsplätze. Das sind Arbeitsplätze, die trotz einer sich schnell verändernden Welt sehr wahrscheinlich über Jahre und Jahrzehnte benötigt werden und potenziell weitere Arbeitsplätze nach sich ziehen können. Ich spreche dabei keinesfalls von tausenden neuen Arbeitsplätzen. Das wäre utopisch. Ich würde insgesamt stärker auf Qualität als auf Quantität setzen. Wichtig für die Stadt wäre die Schaffung intelligenter Jobs, die mit Automatisierung, Materialforschung, Software, Informatik und Industrie 4.0 zu tun haben müssen. Es sollte gelingen, ein System zu implementieren, das sich selbst erhält. Das kann kein Schnellschuss sein, sondern setzt tiefgehende Analysen und Gespräche voraus.

Welche konkreten Projekte schlagen Sie vor?

Von Grünberg Recycling-Themen erscheinen mir gegenwärtig als besonders zukunftsträchtig, von dem Batterierecycling bis hin zur Gewinnung von Rohstoffen aus Müll. Dabei meine ich im Besonderen das Energie-Recycling, das zum einen eine Antwort auf steigende Energiekosten liefern kann, zum anderen energieeffiziente Prozesse ermöglicht. In diesem Energie-bezogenen Umfeld können Start-ups entstehen, die über die gezielte Zusammenarbeit mit Hochschulen, Universitäten und Forschungszentren der Region getriggert werden können. Konkret würde ich darauf hinwirken, Verbünde einzugehen, zum Beispiel mit der RWTH Aachen oder dem Forschungszentrum Jülich. Warum sollte das Forschungszentrum Jülich nicht auch einen Transfer in die Gladbacher Region organisieren können, am besten unter Mitwirkung der Hochschule Niederrhein.

Wer muss jetzt was tun, damit diese Projekte gelingen können?

Von Grünberg Wir müssen jetzt viele Gespräche führen, um zu klären, was die verschiedenen Akteure eigentlich für Interessen haben und wie wir diese zusammenbringen. Welche Themen sind wichtig für die Mönchengladbacher Unternehmen? Ich würde mir auch die Leitbranchen der Stadt noch einmal eingehender anschauen und eine aktualisierte Bestandsaufnahme machen wollen. Und für die Stadt wünsche ich mir, noch mehr in Richtung der Nachbarstädte zu schauen: nach Krefeld und Neuss, aber auch Jülich und Aachen. Ziel der Gespräche sollte ein Masterplan für die Tagebauregion sein.

Professor Hans-Hennig von Grünberg, Präsident der Hochschule Niederrhein. Foto: Hochschule Niederrhein

Vernetzte Logistik, innovative Verkehrskonzepte

Welche Aspekte des Strukturwandels sind für Mönchengladbach von besonderer Bedeutung?

Felix Heinrichs Der Ausstieg aus der Braunkohle stellt eine enorme Herausforderung für das Rheinische Revier dar, ist aber auch eine riesengroße Chance! Mönchengladbach hat schlechte Erfahrungen mit Strukturwandel gemacht. Bis heute haben wir den Niedergang der Textilindustrie nicht wirklich überwunden. Jetzt steht das nächste Mammutprojekt an. Wir müssen die Renaturierung der Tagebaulandschaft vorantreiben und Ersatz für verlorene Arbeitsplätze schaffen. Wir brauchen Forschung und Innovation, damit unsere Region nicht abgehängt wird.

Welche konkreten Projekte schlagen Sie vor?

Heinrichs Was für uns besonders zählt, sind neue und nachhaltige Arbeitsplätze. Mit dem Rhein-Kreis Neuss können wir auf vernetzte Logistik zwischen Hafen und Flugplatz setzen. Dafür brauchen wir neue Infrastruktur und mehr Investitionen. Daneben spielen moderne Energie- und Mobilitätskonzepte eine Rolle. Die SPD will die alte Idee der Bahnanbindung zum Nordpark und zur Hochschule mit einem neuen Vorhaben zukunftsfähig machen: Alternativ zu einer teuren, konventionellen Bahnverbindung wollen wir auf innovative Verkehrskonzepte setzen und zum Beispiel autonome Fahrzeuge auf separaten Strecken – ähnlich einer Straßenbahn – einsetzen, um Pendler und Fußballfans in den Nordpark und Studierende zur Hochschule zu bringen. Dies kann zu einem Vorzeigemodell für Deutschland werden. Außerdem müssen wir neue Verkehrsverbindungen im Osten der Stadt schaffen, um die Wohnbereiche zu entlasten. Das sind nur kleine Beispiele. Wir brauchen jetzt große Ideen.

Wer muss jetzt was tun, damit diese Projekte gelingen können?

Heinrichs Wir brauchen starke Partner vor Ort und Geld aus Berlin. In den nächsten 20 Jahren sollen 15 Milliarden Euro Strukturmittel fließen. Als SPD wollen wir, dass vor allem Projekte gefördert werden, die neue und gute Arbeitsplätze schaffen und die Bildungs- und Forschungslandschaft ausbauen. Wir müssen jetzt Verwaltung, Politik, Gewerkschaften, Wirtschaft und Wissenschaft an einen Tisch holen und verbindliche Arbeitsstrukturen schaffen, damit wir nicht wieder von anderen überholt werden. Wir müssen besser in der Region vernetzt sein und enger zusammenarbeiten. Die unnötigen Debatten der letzten Jahre haben nur Kraft und Zeit gekostet. Jetzt müssen alle anpacken!

Felix Heinrichs, SPD-Fraktionschef im Rat. Foto: Denisa Richters

Exzellenz in nachhaltigem und gesundem Bauen

Welche Aspekte des Strukturwandels sind für Mönchengladbach von besonderer Bedeutung?

Gregor Bonin Mit der Stadtentwicklungsstrategie mg+ Wachsende Stadt, der Gründung des Zweckverbands Tagebaufolge(n)landschaft Garzweiler und dem Beitritt der Stadt Mönchengladbach zur ZRR wurde eine solide Grundlage zum Umgang mit dem Strukturwandel gelegt. Um das Ziel Wachstum in Qualität zu erreichen, wurden bereits vier Leitmotive formuliert (Stärkung des Lebensraums, Verbesserung der Umweltbedingungen, Stärkung des Wirtschaftsstandortes, weiche Standortfaktoren). Diese spiegeln sich in den Zukunftsfeldern der Kohlekommission, als auch des Rheinischen Reviers wider. Das heißt, dass Landschaft, Gesellschaft, Wirtschaft, Städtebau und Infrastruktur gleichermaßen weiterentwickelt und Qualitäten ausgebaut werden.

Welche konkreten Projekte schlagen Sie vor?

Bonin Das „Grüne Band“ ist ein Initialprojekt des Zweckverbandes Garzweiler. Es hat das Ziel, parallel zum Betrieb und der Rekultivierung die Umgebung um den Tagebau wieder zu vernetzen und neue Flächen für Wirtschaft, Wohnen oder Dienstleistung entstehen zu lassen. Weiterhin arbeiten wir an der Entwicklung einer Exzellenzregion für nachhaltiges und gesundes Bauen. Hier soll Wissen aktiviert, aber vor allem sollen dauerhaft qualifizierte Arbeitsplätze in Mönchengladbach und der Region geschaffen werden. Insbesondere aus den Zukunftsfeldern der ZRR Innovation, Mobilität und Energie werden weitere Projekte entstehen.

Wer muss jetzt was tun, damit diese Projekte gelingen können?

Bonin Der Strukturwandel ist eine Aufgabe, die nur mit Partnern aus Stadt und Region bewältigt werden kann. Hier setzen wir auf die Unterstützung aus Politik, Wirtschaft, Bevölkerung, Forschung und Wissenschaft sowie der städtischen Töchter und der NEW AG. Überdies haben wir mit dem Zweckverband Garzweiler einen starken Partner, der uns unterstützt. Durch den Zusammenschluss mit den beteiligten Städten können wir gemeinsam die Region gestalten und Kapazitäten sowie Wissen bündeln. Durch diese Synergien wird die Entwicklung effektiv und zukunftsgewandt vorangebracht. Zuletzt obliegt es Bund und Land entsprechende Mittel bereitzustellen. Diese müssen mit geringem Aufwand zu beantragen, abzurufen sowie flexibel nutzbar sein. Wir als Stadt stellen uns strategisch und organisatorisch auf, um Fördermittel umsetzen zu können.

Gregor Bonin, Stadtdirektor und Vorsteher des Zweckverbands Tagebaufolge(n)landschaft. Foto: Raupold, Isabella (ikr)

Doppelter Wandel: Digitalisierung und Braunkohle

Welche Aspekte des Strukturwandels sind für Mönchengladbach von besonderer Bedeutung?

Angela Schoofs Da wir hier vor einem doppelten Strukturwandel stehen – Digitalisierung und Braunkohleausstieg – geht mein Blick zunächst auf die Arbeitsplätze, die sich bereits heute durch die Digitalisierung stark verändern. Unter diesem Aspekt müssen wir die Menschen auf die beruflichen Herausforderungen vorbereiten. Ich denke dabei konkret an Weiterbildung von Arbeitslosen, Arbeitssuchenden, aber auch von Beschäftigten in Betrieben. Über den sogenannten „Job-Futuromat“ unseres Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) (link: https://job-futuromat.iab.de) kann sich bereits heute jeder im Internet einen Überblick über die Substituierbarkeit von Arbeitsinhalten des eigenen Berufes schaffen! Schnell werden Sie merken, dass sich Berufe inhaltlich ändern und nicht unbedingt wegfallen. Fazit: Weiterbildung ist schon heute ein Thema für uns alle!

Welche konkreten Projekte schlagen Sie vor?

Schoofs Durch den Braunkohleausstieg werden Arbeitsplätze wegfallen. Aber der Strukturwandel ist auch die Chance für neue, zukunftsfähige Arbeitsplätze! Hier müssen die Projekte ansetzen. Vorschläge für solche Projekte müssen aus Wirtschaft und Forschung kommen und selbstverständlich die aktuellen Trends wie Digitalisierung und Globalisierung berücksichtigen! Ziel sollte sein, die heutigen Wertschöpfungsketten auf eine neue Basis zu stellen und innovative neue Ideen zur Umsetzungsreife zu bringen, damit daraus Arbeitsplätze entstehen können. Die Stärken unserer Region sollten dabei die Richtung vorgeben.

Wer muss jetzt was tun, damit diese Projekte gelingen können?

Schoofs Die Stadt Mönchengladbach als Mitglied der ZRR sollte eine starke Rolle bei der Bündelung der Ideen einnehmen. Jeder Akteur muss darüber hinaus seinen Part intensiv bearbeiten. Wir als Arbeitsagentur verstehen uns als Netzwerkpartner und Ansprechpartner im Wandel. Unsere konkrete Aufgabe im Strukturwandel ist das Thema Qualifizierung von Arbeitslosen und Beratung von Unternehmen in Hinblick auf Unterstützung bei der Weiterbildung Beschäftigter. Letztendlich geht es darum, die Menschen im Rheinischen Revier so zu unterstützen, dass Brüche in den Erwerbsbiografien der Beschäftigten vermieden werden. Durch individuelle Beratung, Vermittlung und Qualifizierung wollen wir neue Chancen eröffnen.

Angela Schoofs. Geschäftsführerin der Arbeitsagentur Mönchengladbach. Foto: Andreas Gruhn

Nicht zu viel über Zuständigkeiten diskutieren

Welche Aspekte des Strukturwandels sind für Mönchengladbach von besonderer Bedeutung?

Jochen Klenner Als größte Stadt im Rheinischen Revier trifft es uns hart, wenn gut bezahlte Arbeitsplätze und Aufträge für die Wirtschaft hier und in der Region verloren gehen. Bei den „Umweltthemen“ wie Rest-See oder Bergbaufolgen sind wir gut aufgestellt und müssen hartnäckiger Anwalt unserer betroffenen Anwohner bleiben. Jetzt gilt es aber auch Ideen für den Strukturwandel zu entwickeln – insbesondere in den Bereichen „nachhaltige Arbeitsplätze schaffen“, „innovative Wirtschaftsunternehmen ansiedeln“, „digitale und mobile Infrastruktur ausbauen“ und „zukunftsorientierte Wissenschaft und Bildung stärken.“

Welche konkreten Projekte schlagen Sie vor?

Klenner Wir brauchen Projekte mit Strahlkraft. Das gilt für den schnelleren oder auch zusätzlichen Auf- und Ausbau von Straßen und Schienen-Projekten, ausreichende Gewerbegebiete für neue Unternehmen sowie eine Stärkung der Wissenschaft/Bildung. Das betrifft in MG bei der Mobilität die A 61 und eine bessere Bahnanbindung. Hier müssen wir aufpassen, dass der Bund uns und der Region nicht bereits beschlossene und finanzierte Projekte anrechnet. Wir brauchen Flächen für neue Gewerbegebiete wie am Flughafen oder in anderen Teilen der Stadt. Eine zentrale Rolle hat die Hochschule Niederrhein. Bei Projekten in Wissenschaft und Forschung ist es wichtig, dass sie Wirkung in der Region entfalten – dafür hat unsere Hochschule mit ihrer angewandten Forschung und Innovationstransfer in heimische Unternehmen beste Voraussetzungen.

Wer muss jetzt was tun, damit diese Projekte gelingen können?

Jochen Klenner (CDU), Landtagsabgeordneter aus Mönchengladbach. Foto: CDU

Klenner In den Parlamenten wollen wir bis zur Sommerpause den gesetzlichen Rahmen für die Absicherung und Vergabe der Fördermittel schaffen (z. B. Strukturfördergesetz). Wir müssen den Teamspirit der Region erhalten und dürfen nicht zu kleinteilig werden. Das Land wird sich bei den zentralen übergreifenden Themen Bildung, Infrastruktur und Flächenentwicklung selbst stark inhaltlich einbringen. Vor Ort sollten wir in Politik und Verwaltung nicht zu sehr über Zuständigkeiten und Gremien diskutieren, sondern die gemeinsamen Ziele in den Vordergrund stellen. Wir müssen die eigene Verantwortung in den jeweiligen Positionen mutig annehmen und dabei Ideengeber aus Wirtschaft, Hochschule und Gesellschaft einbinden.

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