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Mönchengladbach: cunda näht die ersten Jeans in der Fabrik im Monforts-Quartier

Testbetrieb der neuen Fabrik : C&A näht die ersten Jeans in Gladbach

Bisher sind es noch Testarbeiten in der neuen Jeansfabrik des Bekleidungskonzerns im Monforts-Quartier. Dutzende Beschäftigte üben die Produktion. Für manche von ihnen ist es eine Zeitreise, an die sie nicht mehr geglaubt haben.

Luise Haas unterbricht ihre Arbeit an der Nähmaschine nur ungern. Sie hat Jahrzehnte darauf gewartet. „Aber Nähen ist wie Rollschuhfahren. Das verlernt man nicht“, sagt sie, als sie den Bund der Jeans fertig hat. Eine knifflige Arbeit, die viel Fingerspitzengefühl erfordert. Sie hat es, auch wenn sie viele, viele Jahre auf ihren Traumjob gewartet hat.

Seitdem die Jeansfabrik des Bekleidungskonzerns C&A im Mönchengladbacher Monforts-Quartier vor ein paar Wochen ihren Testbetrieb begann, kann Haas endlich wieder das tun, was sie als ausgebildete Bekleidungsnäherin gelernt hat. „Das hier hat es Jahrzehnte nicht mehr gegeben. Ist das nicht gigantisch?“, sagt sie, ihre Stimme bebt dabei, sie hat tatsächlich ein paar Tränen in den Augen. Vor ein paar Monaten entdeckte sie die Stellenausschreibungen der Agentur für Arbeit, wonach Näher mit und ohne Erfahrung für die neue Produktion gesucht wurden. Sie kündigte ihren Job als Gebäudereinigerin und machte sich mit 59 Jahren auf, ihren alten Traumberuf wieder zu ergreifen.

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Die berufliche Geschichte von Luise Haas erzählt genau das, warum das Vorhaben von C&A so außergewöhnlich ist. Menschen, die damit nicht mehr gerechnet haben, arbeiten in der Textil-Hochburg Mönchengladbach plötzlich wieder in der Fertigung von Kleidungsstücken. Der Testbetrieb der Näherei hat begonnen, im November folgt der Testbetrieb der Wäscherei. Bis zu 100 Mitarbeiter werden zum Start in der Fabrik tätig sein, die dank hohem Digitalisierungsgrad in der Fertigung, Robotik, Automatisierung, hochtechnologisierte Maschinen zunächst 420.000 Jeans im Jahr in Mönchengladbach produzieren. Perspektivisch sollen es 800.000 Jeans im Jahr werden. „Wir wollen im Frühjahr die ersten Jeans aus Mönchengladbach verkaufen“, kündigte C&A-Finanzchefin Birgit Kretschmer kürzlich bei den Wirtschaftsgesprächen an. Der Verkaufspreis werde unter 100 Euro liegen.

 Die Halle im Monforts-Quartier ist bisher etwa zur Hälfte gefüllt. Noch fehlen unter anderem Lagerung, Zuschnitt, Wäscherei.
Die Halle im Monforts-Quartier ist bisher etwa zur Hälfte gefüllt. Noch fehlen unter anderem Lagerung, Zuschnitt, Wäscherei. Foto: Rick, Markus (rick)/Markus Rick (rick)

Noch ist die Halle im Monfortsquartier nur etwa zur Hälfte eingerichtet. Derzeit sind dort rund 60 Mitarbeiter tätig, sie alle probieren die insgesamt 59 unterschiedlichen Fertigungsschritte von der Rolle bis zur fertigen Jeans, die bereit ist für die Waschungen. Die Wäscherei ist noch nicht so weit, und auch der Zuschnitt wird noch aufgebaut. Deshalb werden die Testhosen mit fertig angelieferten Denim-Zuschnitten produziert. „Wir brauchen jetzt Masse zum Nähen“, sagt Uwe Gansfort, General Manager der C&A-Tochter Canda und Geschäftsführer der C&A FIT. Das Kürzel FIT steht dabei für „Factory for Innovation in Textiles“, also die Fabrik, die Innovationen in der Textilproduktion herstellt. Innovativ wird dabei sein: „Wir wollen hochautomatisiert arbeiten“, sagt Gansfort. Aber ganz ohne Handarbeit geht es dabei auch nicht.

 Uwe Gansfort ist bei C&A verantwortlich für die Gladbacher Fabrik.
Uwe Gansfort ist bei C&A verantwortlich für die Gladbacher Fabrik. Foto: Rick, Markus (rick)/Markus Rick (rick)

Der Stoff wird auf Rollen angeliefert, vor allem aus Italien. Die kommen in das automatische Lager. Jeder Ballen hat dabei seinen eigenen, zugewiesenen Krumpfwert. Das ist der Zahlenwert, der angibt, um wie viel Prozent ein Bekleidungsstück einlaufen wird. Ein automatischer Cutter soll die Stoffe von den Ballen dann so zuschneiden, dass die Teile bereit sind für die Fertigung. Dieser Teil fehlt noch in der Fabrik, ebenso wie die automatische Aufbereitung mit Bügel-Stationen (auch automatisiert) am Ende der Produktion nach der Wäsche.

Die Zuschnitte liegen auf Wagen bereit und werden zu den Arbeitsplätzen gefahren. Dort wird dann genäht, oder auch gestickt. Ilona Zinn (56) arbeitet an einer Maschine namens Pocketsetter. Die näht die Gesäßtaschen auf die Hosenbeine. Seit ein paar Monaten lernt Zinn diese Arbeit als Quereinsteigerin. „Ich wurde angelernt in der Textilakademie“, sagt die gelernte Lebensmittelverkäuferin. „Aber das ist gut erlernbar, an dieser Maschine brauche ich wenig Erfahrung. Mich hat gereizt, etwas anderes zu machen.“ Eine Maschine weiter kümmert sich Andreea Mommartz (27) darum, dass die Taschen für die Hosen wie gewünscht bestickt werden. Die Maschine schafft gleich mehrere Taschen gleichzeitig. Mommartz kennt sich mit Textilien aus, hat bekleidungstechnische Assistentin gelernt, ist Modeschneiderin, zuletzt in einem Werk in Tunesien. Jetzt ist sie zurück in ihrer Heimatstadt und lernt trotzdem Neues. „Ich hatte noch keine Berührungspunkte mit dieser vollautomatischen Maschine“, sagt Mommartz. „Ich habe vorher in einer Musternäherei ganze Prototypen genäht und wollte jetzt etwas Neues. Deshalb bin ich gewechselt.“

 Ilona Zinn und Andreea Mommartz (v.l.) kümmern sich um die Bestickung der Taschen.
Ilona Zinn und Andreea Mommartz (v.l.) kümmern sich um die Bestickung der Taschen. Foto: Rick, Markus (rick)/Markus Rick (rick)

So ist die Belegschaft zusammengesetzt: Aus Mitarbeitern mit viel, wenig oder gar keiner Erfahrung. Und es sind rund 30 Prozent Männer, vorwiegend mit Migrationshintergrund. „Sie können alle super nähen“, sagt Uwe Gansfort. Innennaht, Seitennähte, Hosensäume und mehr – es gibt viele anspruchsvolle Arbeiten, die von Hand erledigt werden müssen. Deshalb werden in der Jeansfabrik im Monforts-Quartier nicht nur Roboter gebraucht, sondern auch Mitarbeiter wie Luise Haas, Andreea Mommartz und Ilona Zinn. Was sie können, kann kein Roboter.