Mönchengladbach: Berufskolleg erhält Bundespreis

Bundespreis für Mönchengladbacher Schule : Aus Fremden werden Mitschüler

Das Berufskolleg Rheydt-Mülfort für Wirtschaft und Verwaltung erhält einen Bundespreis für ein Projekt, das Fremdheit thematisiert und überwindet. Dazu gehört auch ein gemeinsam produzierter Song.

Die Reisegruppe ist ungewöhnlich und wird Aufsehen erregen: Zehn Schülerinnen, drei Lehrerinnen, die Schulleiterin, die Schulsozialarbeiterin und der Hausmeister des Berufskollegs Rheydt-Mülfort für Wirtschaft und Verwaltung reisen nach Berlin. Dort werden sie den Preis in Empfang nehmen, mit dem die Antidiskriminierungsstelle des Bundes und der Cornelsen-Verlag jährlich Schulprojekte auszeichnet, die sich in besonderer Weise gegen Diskriminierung eingesetzt haben. Ob sie den ersten, zweiten oder dritten Platz belegen, wissen sie noch nicht: Das wird erst am 6. Juni bei der Preisverleihung in der Hauptstadt bekannt gegeben. Es bleibt also spannend, aber Gewinner sind sie in jedem Fall. Weil sie  Fremdheit überwunden, Mauern erkannt und Brücken gebaut haben – ganz konkret und in übertragenem Sinn.

Den Anstoß gaben alltägliche Erfahrungen. „Die Schüler der Internationalen Förderklasse und  der Höheren Handelsschule haben ihre Klassenräume direkt nebeneinander“, erzählt Religionslehrerin Annette Banerjee. „Aber sie haben nie miteinander gesprochen.“ Man war sich fremd.

In der Internationalen Förderklasse werden neu zugewanderte Jugendliche zuerst vor allem in Deutsch, später auch in anderen Fächern unterrichtet. In der Höheren Handelsschule bereiten sich die  Schüler auf ihr Fach-Abitur vor. Annette Banerjee und ihre Kollegin Dilay Tasgin, beschlossen, den Versuch zu machen, das Nebeneinander in ein Miteinander zu verwandeln. Im Unterricht wurde die Idee vorgestellt. „Wir wollten sofort mitmachen“, erinnert sich Julia Kremers. Eine Doppelstunde pro Woche legten die beiden Lehrerinnen ihre Klassen zusammen. Zuerst ging es ums Kennenlernen. Damit die Schüler miteinander ins Gespräch kommen, sollten sie jeweils drei Dinge finden, die sie mit anderen gemeinsam haben. Das ging erstaunlich gut. Gemeinsamkeiten können Hobbys oder Sprachen sein, aber auch so elementare Dinge wie Mensch  oder Schüler sein. „Es war cool, den Kontakt zu machen“, sagt Alaa aus der Internationalen Förderklasse. „Wir haben dabei viel gelacht.“ Dann dachten die Schüler gemeinsam über das Thema Fremdheit nach und fanden zwei Symbole: die Mauer und die Brücke. Sie bauten zusammen eine Mauer aus Dämmmaterialien und besprühen sie mit Begriffen wie Hass, Arroganz oder Mobbing. Das Thema Arroganz brachte zum Beispiel Zahraa ein, die mit einem Abitur in der Tasche aus dem Libanon kam, aber feststellen musste, dass es in Deutschland nichts zählt. Heute macht die 21-Jährige am Berufskolleg ihr Fach-Abitur. Das gegenteilige Symbol ist die Brücke, deren Bau Hausmeister Josef Conen in seine fähigen Hände nahm und die mit positiven Begriffen wie Toleranz und Offenheit besetzt ist. Sie steht jetzt auf Schulhof des Berufskollegs und ist das erste, was der Besucher sieht. Mit dem Kennenlernen der anderen begann auch der Austausch. Flucht- und Lebensgeschichten wurden erzählt. „Ich habe auch viel Neues über meine Mitschüler erfahren“, sagt Julia, die die Höhere Handelsschule besucht. Auch in ihrer Klasse haben viele eine Zuwanderungsgeschichte, von der die Mitschüler oft gar nichts wissen. „Ich glaubte, sie zu kennen und war überrascht, was sie alles schon erlebt haben“, sagt die 19-Jährige.

In der dritten Phase des Projekts verfassten die Teilnehmener gemeinsam mit einem Musiker und Produzenten Texte und nahmen einen Song und ein Musikvideo auf.  „Eine tolle Erfahrung“, sagt Fatima. All das wurde den Mitschülern und den Eltern am Europatag präsentiert und schließlich als Projekt beim Bundeswettbewerb eingereicht. Egal, welchen Platz sie nun belegen: „Es hat unsere Schulkultur verändert“, stellt Schulleiterin Stephany Kerstges fest. „Das Engagement, das weit über den Unterricht hinaus reicht, hat begeistert.“

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