Mönchengladbach: Berti Vogts auf dem Gelben Sofa

Talk auf dem Gelben Sofa: Von Fußball-Märchen und Laptop-Trainern

Bei dem zweiten „Talk auf dem Gelben Sofa“ war Borussia-Urgestein Berti Vogts zu Gast. Eine Stunde mit amüsanten Anekdoten, aber auch klarer Kritik.

Dass Autogrammjäger auf dem Parkplatz des Möbelhauses vor der Schaffrath Koch- und Grill-Akademie stehen, kommt eher selten vor. Doch wenn eine Fußball-Legende der Gast des Abends ist, gibt es schon mal. Und so ist Berti Vogts an diesem sonnigen Dienstagabend umringt – und es dauert fast 20 Minuten, bis er die paar Meter zum eigentlichen Ort des Geschehens zurücklegt: zum „Talk auf dem Gelben Sofa“, der zum zweiten Mal in Kooperation von Rheinischer Post und Schaffrath stattfindet. Der Interviewer ist Karsten Kellermann, leitender Sportredakteur bei der RP in Mönchengladbach und – das wird an der Lockerheit des Gesprächs dieses Duos schnell klar – jemand, der Berti Vogts sehr gut kennt.

Es wird eine spannende, witzige und vor allem sehr kurzweilige Stunde. Das Publikum genießt es, den weltberühmten Superstar mit Wohnsitz in Kleinenbroich hautnah zu erleben. Dass Kellermanns Kleidung und das Sofa eine Farbkombination ergeben, die aus Sicht von Borussia Mönchengladbach der falschen Borussia (Dortmund) gehört, ist der Witz zum Einstieg in die muntere Runde. Im Zentrum stehen die Gladbacher, für die Vogts in 419 Bundesligaspielen im Einsatz war – bislang ungeschlagener Rekord.

Das Salär, das der bald beim Gegner als „Terrier“ gefürchtete Verteidiger sogar zu Zeiten der legendären Weisweiler-Elf erhielt, war verglichen mit heute bescheiden: „3000 Mark im Monat plus 250 Mark Siegprämie“, verrät er. Auch das war viel Geld für den Jungen „aus armen Verhältnissen“. Aber was hatte ihm einst der damalige Verbandstrainer Dettmar Kramer gesagt? „Achte nicht aufs Geld, du musst Spaß haben.“ Der Mann rief Hennes Weiseiler an und empfahl das Talent Vogts. So landete der Fortuna-Düsseldorf-Fan in Mönchengladbach.

Den empfohlenen Spaß hatte er dort aber in all den Jahren, wie viele Anekdoten an diesem Abend bestätigen. Günter Netzer, damals begnadeter Fußballer und berüchtigter Lebemann, kommt in vielen davon vor. Weisweiler und Netzer seien beide Alphatiere gewesen, was es nicht immer einfach gemacht habe. Vogts war oft der Vermittler: „Günter war unser Kind, darüber rede ich nicht“, sagt er, lacht und erzählt dann doch: dass Netzer schon mal länger Urlaub brauchte und auch mal vorzeitig eine Spielreise nach Südamerika beendete, von dessen Sturm-und-Drang-Zeit mit dem Regisseur Michael Pfleghar (Auftritt Netzers bei „Klimbim“ inklusive) und von tiefgründigen Teamsitzungen in der früheren Geschäftsstelle an der Bismarckstraße, in denen Netzers Sonderrolle debattiert wurde.

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Der schönste Titel? „1974 die WM im eigenen Land“, sagt Vogt, ohne lange zu überlegen. Rainer Bonhof, Jupp Heynckes, „Hacki“ Wimmer und Wolfgang Kleff – die Gladbacher waren stark vertreten im siegreichen Nationalteam. Selbstverständlich ist auch die WM 2018 Thema. Der 71-Jährige, der die Nationalteams von Deutschland, Schottland, Aserbaidschan, Kuwait und Nigeria trainiert hat, wird deutlich: „Wir haben schlecht Fußball gespielt, wir haben nicht deutsch gespielt.“ Dabei sei es noch nie so einfach gewesen, Weltmeister zu werden, wie dieses Jahr. „Es stimmte in der ganzen Mannschaft nicht“, da habe Trainer Jogi Löw kaum die Chance gehabt, noch gegenzusteuern. Er findet es richtig, Löw weiter die Chance zu geben. Besser jedenfalls als einem der „Laptop-Trainer“, die ihre Strategien aus Statistiken generierten.

Deutlich ist auch Vogts Kritik an Borussia Mönchengladbach: „Früher war es ein echter Familienclub“, heute registriere er eine gewisse Entfernung. Die Spielqualität in der vergangenen Saison gefiel ihm nicht, er sieht aber eine Besserung in dieser Spielzeit. Den jüngsten Sieg gegen Schalke 04 habe er nicht live miterlebt, „mein Sohn hat geheiratet“. Aber Vogts ist optimistisch: „Wenn sie so weitermachen, traue ich ihnen einen Europapokal-Platz zu.“ Voraussetzung sei ein dynamisches Spiel: Der Gegner müsse Angst haben, nach Mönchengladbach zu kommen. Sein Favorit: Denis Zakaria.

„Fußball ist einfach, deshalb ist es so schwer zu spielen“, sagt Vogt gegen Ende augenzwinkernd. „Und was ich erlebt habe, ist wie ein Märchen.“ Ein schöner Schlusssatz.

Als gastronomischen Abschluss des Abends gab es Pulled-Pork-Burger von Chefkoch Marcel Blum.

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