Mönchengladbach: Behindert – na und?

Das inklusive Social Media Team von Hephata sorgt für Aufsehen : Behindert – na und?

Das inklusive Social-Media-Team der Stiftung Hephata sorgt seit einem halben Jahr für Aufsehen. Es hat seinen ganz eigenen Blick auf Behinderung.

Sie kriegen sie alle vor Kamera und Mikrofon: Ministerpräsident Armin Laschet und Grünen-Chef Robert Habeck, Sängerin Beatrice Egli und WDR-Talk-Legende Bettina Böttinger. Dabei ist das achtköpfige Social-Media-Team der Evangelischen Stiftung Hephata erst im Sommer an den Start gegangen. Es produziert Beiträge für einen eigenen Youtube-Kanal namens „Behindert – so what!“, aber auch für Facebook- und Instagram-Accounts. Das Ziel: den Menschen mit Behinderung eine eigene Stimme zu verleihen.

Dafür wird die ganze Woche in der Redaktion an der Urftstraße geplant, gearbeitet, geschrieben und gedreht. Wobei die Drehorte nicht nur an der Urftstraße, sondern in ganz Mönchengladbach, aber auch in Düsseldorf, Dortmund und Köln liegen können. Das inklusive Redaktionsteam, geleitet von Social-Media-Referent Simon Roehlen, wurde geschult, bevor es mit der Arbeit begann und wird auch fortgebildet. Das übernimmt Christoph Krachten, Youtube-Profi und Autor. „Ihr habt durch eure Behinderung eine stärkere Persönlichkeit als andere“, sagt er. „Für den Erfolg in den sozialen Medien ist es gut, Ecken und Kanten zu haben.“ Allerdings müsse man auch Kritik, Ablehnung und Hass aushalten können. Die Social-Media-Redakteure nicken. „Das muss uns egal sein“, sagt Zora Kiesow. „Dahinter stecken nur Neid und Eifersucht.“

Das Social-Media-Team hat auf dem evangelischen Kirchentag in Dortmund seine Arbeit aufgenommen, von Beginn an für Aufsehen gesorgt und viel Prominenz vor die Linse bekommen. Während auf dem Kirchentag die Themen frei Haus an den Hephata-Stand geliefert wurden, ist in der alltäglichen Arbeit Planung gefragt. Jeden Morgen treffen sich die Redaktionsmitarbeiter zur Konferenz und überlegen, welche Themen aufgegriffen werden können. Auch Konkurrenzbeobachtung ist angesagt: Was passiert in den sozialen Medien, was schreiben die Zeitungen?

Interviews führt das Team in einem Studio, wenn nicht vor Ort im Düsseldorfer Landtag oder im Kölner Sender. Die Fragen werden vorbereitet. „Beim ersten Interview war ich aufgeregt, aber das hat sich schnell gelegt“, sagt Okan Türkyilmaz. „Ich wollte locker bleiben, und das ist gut gelungen. Wichtig ist es, keine geschlossenen Fragen zu stellen.“ Die Fragen überraschen die Interviewpartner oft. „Selbst ein so geübter Talk-Profi wie Jörg Thadeusz hatte die Fragen nicht erwartet und fragte nachher, ob er sie sich für sein nächstes Interview verwenden dürfe“, berichtet Manuela Hannen, Leiterin Kommunikation bei der Stiftung Hephata. Was hat den Profi so überrascht? Zora Kiesow hatte ihn gefragt, ob er Vertrauen habe und Vertrauen gebe. „Zora stellt super Fragen“, ist sich das Team einig. Bettina Böttinger wurde von ihr gefragt: „Wir alle haben eine Macke, welche haben Sie?“ Es sei sehr spannend zu beobachten, wie die Interviewpartner auf Menschen mit Behinderung reagieren, sagt Hannen. „Sie antworten sehr viel direkter und authentischer.“

Authentisch und auch humorvoll sind die Themen, die die Redaktion für Youtube-Beiträge auswählt. Ein überraschendes Thema: Menschen mit Behinderung erzählen Behinderten-Witze. Nach dem Motto „Wenn nicht wir, wer dann?“ Darf man das? Das komme auf den Kontext an, meint Okan Türkyilmaz, aber: „Warum soll man nicht über sich selber lachen?“ Gemeinsam mit Menschen mit Behinderung zu lachen ist kein Problem, Respektlosigkeit schon. Das allzu locker-flockig verwendete „Bist du behindert?“, wenn jemand einen Fehler macht, ärgert die Social-Media-Redaktion. „Die Leute sollen mal überlegen, was sie da sagen. Wir wollen doch nur respektiert werden,“ sagt Zora Kiesow. Als nächstes will sich die Redaktion mit der mangelnden Barrierefreiheit des Rheydter Hauptbahnhofs beschäftigen.