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Mönchengladbach: Bauland mit Weihnachtskrippe als erstem Einfamilienhaus als Neubau

Mönchengladbach : Das erste Haus

So viele Menschen wie nie suchen in Mönchengladbach eine neue Bleibe. Wo jetzt noch Brachland, Einöde oder Bauruinen sind, haben wir uns umgesehen – und das erste Haus gebaut.

Wer den Parkplatz des alten Freibades in Giesenkirchen betreten will, braucht gutes Schuhwerk und im Winter eine dicke Jacke. Der Wind pfeift an diesem Nachmittag im Dezember, die welken Blätter auf dem Boden sind nass, und wer hier irgendwann einmal wohnen will, muss viele angehäufte Steine bewegen, aber zuerst ein gutes Dutzend Altglascontainer wegschaffen, die irgendjemand hier abgestellt hat. Ein gut verschlossener Bauzaun umstellt das Areal, er verschließt das Nichts, das letzte Mal, dass hier ein Schwimmer geparkt hat, ist ein gutes Jahrzehnt her. Als wir unsere Krippe aufbauen, murmelt ein Spaziergänger zu seiner Begleiterin, was die denn da wohl machen. „Dat wird ävver mal Zeit, dat hier wat jebaut wird“, sagt die Frau. Und wenn es erst mal nur eine Krippe ist.

Das Freibad gibt es nicht mehr, den Parkplatz schon noch. Aber nicht mehr lange.

Grüne Wiese an der Frankenstraße: Dort werden bald 90 Familien zu Hause sein. Foto: Bauch, Jana (jaba)

So ist es an vielen Stellen in der Stadt: Unwirtliche Räume, hässliche Ecken, manche verhasst, einsame Hektar Land sollen in ein paar Jahren Tausenden Menschen ein neues Zuhause geben. Wo in der City-Ost heute Mönchengladbachs größte Innenstadt-Prärie mit Büschen auf hartem Boden gedeiht, soll sich irgendwann die Seestadt ausbreiten mit Tausenden Wohnungen. An diesem Dezember-Nachmittag streunen ein paar Jugendliche hier entlang auf der Suche nach ein bisschen Abenteuer. Sie tuscheln belustigt, als sie uns Häuslebauer sehen. Abseits des asphaltierten Weges durch das Nichts liegt Müll, aber es ist erstaunlich wenig dafür, dass hier seit vielen Jahren die Ödnis wohnt. Schließt man die Augen und lässt sich den Wind um die Nase wehen, hört man es rauschen. Es fühlt sich so leer an wie im Marschland an der Nordsee hinterm Deich. Ob die Planer deshalb auf die Idee eines Sees gekommen sind?

Mönchengladbach hat vor allem in der Innenstadt viele Wunden. In die größte ist schon viele Jahre Salz gekippt worden, aber niemandem ist es über Jahrzehnte ernsthaft gelungen, die Mönchengladbacher von Haus Westland zu erlösen. „19 Häuser“ sollen es irgendwann einmal sein, die der neue Eigentümer bauen will. Heute riecht es in der Unterführung zwischen Eicken und dem Bahnhof nach Urin. Wer dort eine Krippe aufbaut, wird angepöbelt. Vielleicht deshalb, weil sich Drogendealer gestört fühlen. Nach unserem Bau-Einsatz fragen wir uns, von welcher Seite Haus Westland eigentlich hässlicher ist: vorne oder hinten? Es ist gut, dass sich nicht mehr viele Menschen diese Frage werden stellen müssen.

Das alte Reme-Gelände in Lürrip wird zu einem neuen Wohnareal mit Hunderten Häusern. Foto: Bauch, Jana (jaba)

Da ist es doch eine Erholung, wenn man heute das Grundstück des früheren Krankenhauses Maria Hilf besucht. Hier sind keine Menschen unterwegs, die Stadt hat alles mit einem Zaun abgeriegelt, und anders als am Freibad Giesenkichen hat der auch tatsächlich eine Menge abzusperren. Man sieht, dass nicht mehr mit übergroßem Eifer gegärtnert wird, aber warum auch. Wenn hier irgendwann die Maria-Hilf-Terrassen entstehen, auf die man sich in einer Bürgerwerkstatt einmal verständigt hat, dann bleibt ohnehin erst mal kein Grashalm so wie heute.

Das gleiche wird an der Frankenstraße passieren: In Geneicken werden 90 Wohnhäuser aus dem Boden wachsen, umrahmt von Feldern, Wiesen und Gärten. Die Bäume bleiben, ist ja auch mal eine Erwähnung wert, aber der Abenteuerspielplatz, auf dem an diesem Nachmittag verständlicherweise kein Kind an seiner Hütte baut, wird weichen. Am Ende unserer Rundfahrt bauen wir die Krippe noch zwischen ausrangierten Glas- und Kleider-Containern auf dem früheren Reme-Areal auf. Ein Bauzaun sperrt ungebetene Gäste aus. In den Räumen der Tafel herrscht geschäftiges Treiben. Man hört die S-Bahn in der Nähe vorbei rauschen. Hier werden 400 Häuser und Wohnungen gebaut, und der Gladbach darf renaturiert wieder der Gladbach sein.

Mönchengladbach wird irgendwann neue Herberge für viele Tausend Menschen sein. Man kann es nur noch nicht sehen.