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Mönchengladbach: Artenvielfalt in der Niers

Einst der „Rio Tinto“ in Mönchengladbach : Die Niers – von der Kloake zum lebendigen Fluss

Vor 100 Jahren galt die Niers als tot. Heute bevölkern viele Kleinlebewesen, Fische und Wasserpflanzen den Fluss. Auch Biber muss es geben.

Es ist wie ein kleiner sprudelnder Brunnen. Der Quelltopf in der Nähe der Autobahn 46 ist die Quelle der Niers – jenes Flusses, der den Niederrhein in seinem Lauf von 114 Kilometern auf deutscher Seite prägt. Die Niers ist ein Erlebnisbereich für Angler und Bootsfahrer, für Spaziergänger und Erholungssuchende. Ein grüner Zug durch die Region, der für so viele Lebewesen wie seit Ewigkeiten nicht mehr eine Heimat bietet. Das war aber nicht immer so.

In den 1920er und 1930er Jahren galt die Niers biologisch praktisch als tot. Ein stinkender Abwasserkanal, der genau dazu auch benutzt worden war: Das trug der Niers den wenig klangvollen Namen „Rio Tinto“ ein. Einst wurde der Fluss wegen seines Fischreichtums gerühmt, doch vor rund 100 Jahren war die Lage so ernst, dass der Niersverband im Jahr 1927 gegründet und mit der Aufgabe betraut wurde zu retten, was noch zu retten war. Schaut man sich den Fluss heute an, kann man sagen: Das ist ganz gut gelungen.

Die eigentlichen Quellen der Niers sind im Zuge des Braunkohletagebaus Garzweiler trocken gefallen. Damit es im Oberlauf des Flusses (und das ist im Wesentlichen das Mönchengladbacher Stadtgebiet) überhaupt Wasser gibt, wird an mehreren Stellen Sümpfungswasser eingespeist.

Wegen des Braunkohletagebaus muss wie hier in Wanlo Sümpfungswasser als Ersatzwasser eingespeist werden. Foto: Niersverband

Die Niers ist heute ein Paradies für Kleinlebewesen: Insektenlarven, Schnecken, Muscheln, Wasserpflanzen. Der Bestand ist wichtig, denn danach wird die Gewässergüte bestimmt. Wie der Verband in seinem Gewässergütebericht aus dem Jahr 2017 erklärte, hat sich die Situation vor allem im langfristigen Vergleich mit Daten aus den 1960er Jahren deutlich gebessert, auch wenn es noch nicht ganz zum naturnahen Gewässer reicht. Die Zahl der gezählten Arten stieg in diesem Zeitraum von 25 auf inzwischen knapp 130. „Darunter sind auch Arten wie Fliegenlarven, die hohe Ansprüche an den Sauerstoffgehalt haben“, sagt Ute Dreyer, Sachgebietsleiterin Biologie im Labor des Niersverbands. „Da haben wir eine deutliche Zunahme festgestellt.“ In Mönchengladbach haben sich laut Dreyer besonders die Bereiche in Wickrath und Wickrathberg „sehr positiv entwickelt“. Das sind die bereits renaturierten Bereiche. Die Renaturierung sorgt dafür, dass am Gewässergrund viele verschiedene Substrate vorkommen: Stein, Kies, Schlamm. „Und jede Art hat ihre eigenen Substrate“, sagt Dreyer. Was bedeutet: Die Artenvielfahlt ist wesentlich größer. Ähnliches ist in den kommenden Jahren am Bresgespark vorgesehen.

An diesem Baum in Höhe der Kläranlage in Neuwerk hat eindeutig ein Biber geknabbert. Foto: Niersverband

„Auch der Fischbestand in der Niers hat sich gut entwickelt“, sagt Ute Dreyer. Seit 2010 gibt es jedes Jahr ein Fischmonitoring, für das an 21 Untersuchungsstrecken der Fischbestand erhoben wird. Derzeit leben 34 verschiedene Arten in dem 114 Kilometer langen Fluss. 22 Arten wurden im Niers-Oberlauf gezählt. „Die Zahlen schwanken ein wenig“, sagt Dreyer.

Am häufigsten und am weitesten verbreitet in der Niers sind Schmerle, Flussbarsch und Dreistachliger Stichling. Aber auch Gründling, Rotauge, Bitterling, Döbel, Koppe und Steinbeißer sind relativ häufig. Einige davon sind unter den europaweit schützenswerten Arten, Bitterling und Steinbeißer befinden sich auch auf der Roten Liste Nordrhein-Westfalens.

Die Bestände des Graureihers haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Foto: Niersverband

Eine besondere Rolle spielen in der Niers Aale. Die Niers ist ein Aal-Vorranggewässer, weil die Struktur der Niers sich gut dazu eignet. „Aale sind in Europa stark gefährdet“, sagt Ute Dreyer. Denn die Vermehrung und Verbreitung dieser Tiere gerade in Fließgewässern ist sehr kompliziert. Im Gegensatz zu Lachsen kann man Aale nicht züchten. Dazu gibt es jährlich einen Besatz mit Jung-Aalen, und dann schauen die Biologen, was passiert. „Es kann schon mal zehn Jahre dauern, bis es Nachwuchs gibt“, sagt Ute Dreyer.

Aber auch eigentlich völlig ortsfremde Fische haben den Weg in die Niers gefunden. „Flüsse sind Autobahnen für Organismen. Fische können über Generationen wandern“, sagt Ute Dreyer. Die Schwarzmundgrundel etwa stammt aus dem Bereich Schwarzes Meer und ist über den seit 1992 geöffneten Rhein-Main-Donau-Kanal bis in die Niers gelangt. In Mönchengladbach wurde sie bisher nur im Bresgespark gesichtet, im weiteren Verlauf am oberen Niederrhein aber ist dieser Fisch keine Seltenheit mehr.

Das häufige Vorkommen von Nutrias ist problematisch, weil sie Böschungen und Dämme unterwühlen. Foto: Niersverband

Aber auch abseits des Wassers gibt es reichlich Lebewesen. Nutrias sind rund um die Niers voll heimisch geworden und graben sich ihre Höhlen, was erhebliche Schäden anrichten kann. Nutrias werden oft an Teichen gesichtet und gerne gefüttert. Der Niersverband warnt davor: „Das trägt zu ihrer Vermehrung bei.“

Im Bereich des Nierssees in der Nähe der Kläranlage Neuwerk haben die Biologen auch Fraßspuren von Bibern entdeckt: abgenagte Biberbäume. „Dieser Bewohner der Niers ist neu“, sagt Ute Dreyer. Lange galt er hier als ausgestorben. Auch Eisvögel, Stockenten, Graureiher, Kanadagänse und Nilgänse kann man rund um die Niers gut beobachten. Der Nierssee ist für viele Wasservögel Brut-, Rast- oder Überwinterungsgebiet.

War früher Mönchengladbach mit seiner Industrie dafür verantwortlich, dass das Wasser flussabwärts eine immer miserablere Qualität hat, ist es heute umgekehrt. Die Kläranlage in Neuwerk wurde immer weiter ausgebaut, und das macht sich deutlich bemerkbar: „Die Wasserführung und Qualität der Niers wird wesentlich durch die Kläranlageneinleitung geprägt“, heißt es im Gewässergütebericht. „Die erheblichen Verbesserungen im Fischbestand stehen mit dem Ausbau der Kläranlage im Zusammenhang.“