Mönchengladbach: Altstadt-Koordinator im Interview

Interview : „Die Altstadt ist ein toller Wohnstandort“

Marius Müller ist seit November Stadtteilkoordinator für die Altstadt. Die schätzt er als Schmelztiegel. Mönchengladbach sei ein Rohdiamant und die Stadtverwaltung nicht immer der Buhmann.

Zuerst die Frage, die wir uns nicht verkneifen können: Wurden Sie nach Marius Müller-Westernhagen benannt?

Müller Wenn ich für jedes Mal, dass mir diese Frage gestellt wurde, einen Euro bekommen hätte, wäre ich Millionär. Meine Eltern versichern mir glaubwürdig, dass mein Name nichts mit dem Sänger zu tun hat.

Sie stammen nicht aus Mönchengladbach. Woher kommen Sie ursprünglich?

Müller Aus dem Kreis Heinsberg. Ich bin in Erkelenz geboren und aufgewachsen, bin aber nach Mönchengladbach gezogen, noch während ich in Erkelenz eine Ausbildung gemacht habe.

Wie haben Sie die Stadt erlebt?

Müller Ich habe Mönchengladbach immer als bunt und multikulturell, als ein bisschen verrucht und spannend wahrgenommen. Ich mag die Stadt. Während des Studiums habe ich auch ein Jahr in Düsseldorf gewohnt, aber ich habe mich dort nicht willkommen gefühlt. Mir ist das Miteinander in einer Stadt wichtig. In Mönchengladbach wird man wahrgenommen, wenn man aktiv wird. Man muss natürlich das Unfertige dieser Stadt mögen. Aber dafür kann man am Schleifen dieses Rohdiamanten mitwirken.

Sie sind seit November als Stadtteilkoordinator in der Altstadt tätig. Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus?

Müller Der hat sich im Laufe der Zeit verändert. Da Verwaltung für mich ein völlig neues Arbeitsumfeld war, habe ich in den ersten Monaten vor allem in die verschiedenen Abteilungen des Rathauses hineingeschnuppert und die internen Abläufe kennengelernt. Jetzt beginne ich meinen Tag mit einer Besprechung über die aktuellen Projekte. Ich telefoniere viel mit unterschiedlichsten Akteuren und habe jede Menge Außentermine im Stadtteil. Derzeit mache ich zum Beispiel eine Umfrage unter den Wirten. Und kürzlich habe ich mich im Lesecafé am Kirchplatz vorgestellt, das ich bisher noch gar nicht so wahrgenommen hatte. Als die Festbeleuchtung an der Waldhausener Straße aufgehängt wurde, war ich natürlich auch dabei und habe mitgemacht.

Wie definieren Sie eigentlich Altstadt? Gehört zum Beispiel die Citykirche dazu?

Müller Die Abgrenzung der Altstadt ist ein bisschen schwierig. Ich würde sagen, sie reicht von der Sternstraße bis zum Sonnenhausplatz. Der Abteiberg gehört natürlich dazu, ebenso wie die Citykirche oder der Kapuzinerplatz.

Für welche Themenbereiche sind Sie zuständig?

Müller Die Themenfelder wurden schon durch die Arbeit des Altstadtlabors abgesteckt. Unter anderem gehören Wohnen, Beleuchtung, Sicherheit und Verkehr dazu. Ich habe zum Beispiel im Februar einen Rundgang mit den Kollegen gemacht und wir haben uns gemeinsam die Beleuchtungssituation angesehen. Ich war positiv überrascht, dass schon so viel passiert ist. Licht ist wichtig für die gefühlte Sicherheit. Wir haben nur noch wenige dunkle Flecken gefunden, die werden jetzt angegangen.

Zwischen Krichelstraße und Kirchplatz gibt es nachts Probleme.

Müller Ja, ich kannte diese Situation und habe sie mir bereits nachts angeschaut. Da gibt es eine Zielgruppe, die man im Auge behalten muss. Der Kommunale Ordnungsdienst patrouilliert dort verstärkt und die Polizei ist informiert, aber wir müssen noch an weiteren Lösungswegen arbeiten.

In Düsseldorf wurde darüber diskutiert, an solchen Orten klassische Musik zu spielen. Denkbar?

Müller Das ist eine coole Idee, aber es geht um einen Zeitraum spätabends und nachts in einem Bereich, in dem vor allem gewohnt wird. Da geht das mit der Musik nicht so einfach.

Was sind die Herausforderungen der Altstadt? Und wo liegen Ihre Aufgaben?

Müller Ich bin seit Jahren Mitglied in der Initiative Altstadt und ich dachte, ich kenne alle Akteure bereits. Aber die Altstadt ist sehr vielschichtig, und ich lerne immer neue Akteure kennen. Insgesamt muss immer noch an der Vernetzung gearbeitet werden. Die Altstadt ist ein Schmelztiegel und es gibt die unterschiedlichsten Gruppen: Anwohner, Gastronomen, Besucher, Menschen, die sich engagieren wollen. Die Initiative Altstadt leistet eine gute Vernetzungsarbeit, genauso wie die Kulturküche. Trotzdem gehört die Vernetzung auch zu meinem Aufgabenschwerpunkt. Außerdem geht es auch darum, die Projektideen zu unterstützen.

Das alles klingt nach urbaner Subkultur. Müsste man den Ansatz nicht weiten und noch mehr Zielgruppen einbinden, um die Altstadt wirksam wiederzubeleben?

Müller Keine Zielgruppe ist ausgeschlossen. Die Angebote in der Altstadt sind sehr vielschichtig. Beispielsweise kann sich auch ein älteres Ehepaar, das abends gemütlich ausgehen möchte, dort wohlfühlen. Aber vielleicht muss man die Dinge, die es gibt, noch sichtbarer machen.

Wie kann die Altstadt an alte Glanzzeiten anknüpfen? Oder besteht der neue Ansatz darin, ein verändertes Konzept für die Altstadt zu entwickeln?

Müller Mir kommt es so vor als hätte man früher versucht, die längste Theke der Welt aus der Altstadt zu machen und darüber anderes vernachlässigt. Früher war nicht alles besser, sondern anders. Jetzt geht es darum, die Chance zu nutzen und gemeinsam eine gesunde Mischung für alle hinzubekommen. Gastronomie und Wohnen können gut zusammen funktionieren. Man muss allerdings miteinander sprechen.

Sie haben in den Initiativen mitgearbeitet, sind jetzt bei der Stadtverwaltung. Das sind komplett unterschiedliche Strukturen, Ansätze und Verfahren. Lässt sich das vereinbaren? Oder gelten Sie jetzt als „der aus dem Rathaus“?

Müller Mein Blick hat sich schon verändert. Verwaltung tickt anders und ich verstehe jetzt die Zusammenhänge besser. Ich habe erkannt, dass die Stadt nicht einfach der Buhmann ist, sondern dass Prozesse in der Verwaltung länger dauern. Auch weil man sehr sorgfältig mit dem Steuergeld der Bürger umgeht und immer die Gesamtstadt im Blick hat. Und weil Abstimmungsprozesse ihre Zeit brauchen, wenn viele interne und externe Akteure involviert sind.

In Ihrer Präsentation vor der Bezirksvertretung Nord sagten Sie, dass die Basis für Ihre Arbeit die im Alstadtlabor erarbeiteten Forderungen sind. Die meisten sehen Sie schon als erfüllt an?

Müller Nicht erfüllt, aber in Arbeit. Die Altstadt befindet sich im Aufwind, weil die Maßnahmen des Altstadtlabors endlich zu greifen beginnen.

Beim Thema Verkehr sehen Sie aber noch Mängel. Welche konkret?

Müller Die Altstadt ist ein Ort, der viele anzieht, die durchaus unterschiedliche Interessen haben. Manche wollen entspannt hin und zurück, manche wollen sich präsentieren, und die Anwohner wollen ihre Ruhe und kein Schaufahren von aufgemotzten Karren. An der Optimierung der Verkehrsflüsse muss jedenfalls noch gearbeitet werden.

Was wäre Ihre Wunschvorstellung? Eine autofreie Altstadt? Ohne Busse?

Müller Ich bin auch Autofahrer, aber ich fände eine Altstadt ohne Autos tatsächlich besser. Und auch ohne Busse. Schließlich ist der Alte Markt ein historischer Platz. Aber man muss natürlich gewährleisten, dass die Leute hinkommen. E-Busse wären vielleicht eine gute Alternative.

Die Gestaltungssatzung wird jetzt auch in Gladbach eingeführt. Warum finden Sie das gut?

Müller Ich glaube, dass es eine gestalterische Richtlinie geben muss, damit Qualität sich durchsetzt. Es gab zu viele Negativbeispiele. Sonst wäre Politik ja gar nicht auf die Idee gekommen, eine Satzung aufzustellen. Die Richtlinie lässt aber viele kreative Spielräume. Was man nicht will, sind billige Plastikstühle und kaputte Pflanzen in Betonbottichen.

In Rheydt wird gerade intensiv über die Blumenkübel-Regularien diskutiert. Wie stehen Sie dazu?

Müller Pflanzen sollen das gastronomische Konzept betonen und keine Mauern bauen. So ganz kann ich die Diskussion in Rheydt nicht nachvollziehen.

Leerstände sind sowohl in Gladbach als auch in Rheydt ein Problem. Sie haben sich in Ihrer Bachelorarbeit damit beschäftigt. Ihre Erkenntnis?

Müller Ich habe Kommunikationsdesign studiert und mich im Rahmen meiner Bachelorarbeit mit Zwischennutzungen auseinandergesetzt. Dabei ist die Plattform „Provisorium“ entstanden, die jetzt in Rheydt genutzt wird, um Interessenten und Anbieter zusammenzuführen. Mit Zwischennutzungen kann man Schäden durch Leerstände verhindern und Anziehungskraft schaffen. Das Ladenlokal des Waldhaus 12 e.V. in Eicken ist auch aus einer Zwischennutzung entstanden und hat sich zum soziokulturellen Mekka entwickelt.

Wenn Sie sich etwas wünschen dürften: Wie wäre die Altstadt in fünf Jahren?

Müller Ich wünsche mir dass das Image sich weiter verbessert hat und die Altstadt als der tolle Wohnstandort entdeckt wird, der sie ist.

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