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Mönchengladbach: Als die Stadt die Krankheit Tuberkulose bekämpfte

Gastbeitrag aus Mönchengladbach : Als Gladbach gegen Tuberkulose ankämpfte

Die Stadt erhielt im Jahr 1904 eine Lungenheilanstalt und galt vor dem Ersten Weltkrieg als vorbildlich in der Gesundheitsversorgung.

Die Lungentuberkulose, allgemein als „Schwindsucht“ bezeichnet, entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einer allgemein gefürchteten Volksseuche. Diese war stark ansteckend und trat vor allem bei Menschen auf, die körperlich geschwächt waren und in bestimmten Berufen arbeiteten. Die körperliche Schwäche rührte unter anderem von unzulänglicher Ernährung, beengten und unhygienischen Wohnverhältnissen und Arbeitsplätzen in schlecht belüfteten und staubigen Räumen. Deswegen waren die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Textilindustrie des Niederrheins von der Tuberkulose stark betroffen.

Auch wohlhabende Menschen konnten durch Ansteckung an Tuberkulose erkranken, doch für sie gab es ab den 1880er Jahren das Angebot von Lungensanatorien in luxuriösen Luftkurorten. In der Literatur bekannt durch den „Zauberberg“ von Thomas Mann. Wer nicht zahlen konnte, dem waren diese Orte der Heilung und Linderung allerdings verschlossen. Zudem galt allgemein die Diagnose „Schwindsucht“ als Todesurteil für einen sogenannten minderbemittelten Menschen.

Schwindsüchtige starben in der Regel zwischen ihrem 15. und 50. Lebensjahr, also mitten in ihrer Zeit der Berufstätigkeit. Insgesamt war die Tuberkulose bis in die 1920er Jahre hinein für etwa zehn Prozent aller Todesfälle verantwortlich. Und in der Altersgruppe der 15- bis 30-Jährigen starben im Jahr 1890 in Preußen 44 Prozent aller Gestorbenen an Tuberkulose. Das war auch eine Ursache für Verarmung, weil sich der Krankheitsverlauf der Patienten lange hinzog, die Krankenkasse aber nur für 13 Wochen Unterstützung zahlte.

Tuberkulose-Opfer, die zum Beispiel als Familienväter starben, hinterließen eine Familie, die in der Regel der Armenpflege anheim fiel und sich oftmals ebenfalls angesteckt hatte. Gefährlich war vor allem der Auswurf der Lungenkranken und ihr Husten, der für die Ansteckung sorgte. Nach der Entdeckung des Tuberkel-Bazillus durch Robert Koch im Jahre 1882 war klar, dass Hygiene die wichtigste Tugend bei der Tuberkulosebekämpfung war.

Wohltätige Vereine und die Kommunen kümmerten sich als erste um die Verbesserung der Hygiene in den betroffenen Haushalten – was gleichzeitig auch einer Disziplinierung der sozialen Unterschicht gleichkam: Isolierung des Kranken in eine eigene Kammer (und wenn auch nur durch einen Vorhang getrennt), Versorgung mit einem Spucknapf für den Auswurf (der „blaue Heinrich“), Anleitung zu erhöhter Reinlichkeit, Desinfektion der Wäsche und Hilfen zur Verbesserung der Ernährung.

 Louise Gueury (1854-1900), die Stifterin der Tuberkulose-Heilstätte im Hardter Wald.   Foto: Stadtarchiv Mönchengladbach
Louise Gueury (1854-1900), die Stifterin der Tuberkulose-Heilstätte im Hardter Wald. Foto: Stadtarchiv Mönchengladbach Foto: Stadtarchiv Mönchengladbach

In Mönchengladbach gab es seit 1896 einen „Wohnungsverein“, der sich für die Verbesserung der Wohnverhältnisse von Lungenkranken in Mietshäusern kümmerte. Schlechte und menschenüberfüllte Wohnungen galten als wahre Brutstätten der Tuberkulose. In diesem Verein wirkte auch der Textilindustrielle und Ratsherr Franz Brandts führend mit und neben ihm weitere Honoratioren der Stadt. Sie hatten ein Interesse daran, trotz harter Arbeitsbedingungen und niedriger Löhne in der Textilindustrie, die Lebensbedingungen der Arbeiter erträglicher zu gestalten.

Ein weiterer „Verein für Kranke und Genesende“ organisierte einen fahrbaren Mittagstisch, der aus einem Krankenhaus Entlassene mit gesunder Kost belieferte. Dieses Engagement hatte in Gladbach zur Folge, dass trotz Bevölkerungszunahme in der Zeit von 1888 bis 1903 die Tuberkulose um 50 Prozent abgenommen hatte.

Aber erst eine Änderung der Rechtsauffassung der Reichsversicherungsanstalt sorgte ab dem Jahr 1900 dafür, dass krankenversicherte Arbeiter ebenfalls eine Heilstättenbehandlung in Anspruch nehmen konnten. Die Rentenversicherungsträger erhofften sich von einer in der Regel drei Monate währenden Heilstättenkur eine Wiederherstellung der Arbeitskraft der Erkrankten, um so den Renteneintritt zeitlich nach hinten zu verschieben. Aufgenommen wurden sowieso nur Patienten im Anfangsstadium der Tuberkulose, weil sonst Heilerfolge nicht zu erwarten waren.

 So sah die Liegehalle für Tuberkulosepatientinnen in der Heilstätte im Jahr 1910 aus.
So sah die Liegehalle für Tuberkulosepatientinnen in der Heilstätte im Jahr 1910 aus. Foto: Stadtarchiv Mönchengladbach

Statistisch wurde die Tuberkulose-Sterblichkeit der Menschen im Reich und in Preußen genau beobachtet. So war die Sterblichkeit in Preußen seit den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts bereits von 32 auf 19 Fälle je 10.000 Einwohner im Jahr 1903 gefallen. Es starben in Mönchengladbach in den Jahren 1900 bis 1906 bezogen auf 10.000 Einwohner durchschnittlich je 24 Personen. Das lag über dem Durchschnitt in der Rheinprovinz, aber auch deutlich unter der Durchschnittssterblichkeit etwa im Kreis Erkelenz mit 31,5 und Grevenbroich mit 29,8. Niedrigere Werte fanden sich in diesen Jahren beispielsweise in Aachen-Land (13,1), Jülich (16,7) und Krefeld (18,0).

Bereits vor 1900 hatten sich Kommunen und Sozialversicherungsanstalten auf den Weg gemacht, um Volksheilstätten für Tuberkulose-Kranke zu errichten. Diese Heilstätten waren die einzige nachweislich wirksame Hilfe für Betroffene im Frühstadium, um Heilung oder wenigstens Linderung zu erfahren – ein wirksames Medikament gab es noch nicht. Die Heilstätten wurden an Orten mit reiner Luft abseits der Industrie errichtet und wendeten eine strenge Therapie mit Diät und lange dauernden Liegekuren in freier Luft an.

In Mönchengladbach gab es bislang keine Heilstättenbehandlung für Lungenkranke. Für den Gedanken einer Volksheilstätte setzte sich in der Stadt der im Maria-Hilf-Krankenhaus tätige Sanitätsrat Dr. Blum ein, der eine an Tuberkulose erkrankte Patientin dahin beriet, nach ihrem Tode den größten Teil ihres Erbes der Stadt für die Errichtung einer Lungenheilstätte für Frauen zu überlassen. Die Patientin war Louise Gueury, wohlhabende Erbin aus einer belgischen Tuchhändlerfamilie in Mönchengladbach, die im Jahre 1900 starb.

Zusammen mit dem Oberbürgermeister Hermann Piecq entstand nach dem Erbfall dieses Millionenvermögens nun der Plan, im Hardter Wald eine Heilstätte zu errichten. Die Heilstätte konnte am 4. August 1904 unter großem Bahnhof mit Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung sowie einem persönlichen Telegramm der Kaiserin eingeweiht werden. Fortan stand die Heilstätte mit 115 Betten für tuberkulosebetroffene Frauen offen, die aus dem ganzen Regierungsbezirk Düsseldorf dorthin eingewiesen wurden.

Weitere Behandlungsmöglichkeiten für Tuberkulose-Kranke entstanden im Jahr 1908 in der St.-Franziskus-Heilstätte in Windberg für Frauen und Männer sowie ab 1910 für betroffene Jungen in der Provinzial-Fürsorgeerziehungsanstalt in Rheindahen (heute Nordpark). Im Hardter Wald entstand infolge der Heilstätteneröffnung 1904 in den Folgejahren ein ganzes Ensemble weiterer Gesundheitseinrichtungen (unter anderem Genesungsheim der AOK, Waldschule, Kinderheilstätte), so dass die Stadt Mönchengladbach in der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg im ganzen Deutschen Reich als vorbildlich in der Gesundheitsversorgung ihrer „minderbemittelten“ Einwohner galt.

Zum Zweck der Prophylaxe für Lungenerkrankungen errichtete die Stadt 1906 eine „Wohlfahrtsstelle für Lungenkranke“, die Beratung und Röntgenuntersuchungen durchführte und erkrankte Patienten in eine Heilstätte einwies. Die Erfolge der Tuberkulosebekämpfung erlitten im Laufe des Ersten Weltkrieges in Mönchengladbach einen herben Rückschlag, da erstens die Heilstätte und das Genesungsheim im Hardter Wald als Militärlazarett Verwendung fanden und keine Patienten mehr aufgenommen wurden, zweitens infolge der mangelhaften Lebensverhältnisse während der Kriegsjahre die Tuberkulosezahl wieder stark anstieg. Erst nach Friedensschluss konnte die normale Behandlungspraxis in der Heilstätte wieder aufgenommen werden.