Mönchengladbach: Agentur Next Levels bildet Autisten zum Fachinformatiker aus

Inklusion am Arbeitsmarkt : Der Traum vom Informatiker

Fabian Tryba (27) hat zwei Studiengänge abgebrochen, bis er die Diagnose „Autismus“ erhielt. Jetzt beginnt er eine Ausbildung zum Fachinformatiker bei der Digitalagentur Next Levels. Dafür gibt es Hilfen von der Arbeitsagentur.

„Der Prozess hat letztes Jahr im Herbst begonnen.“ Fabian Tryba spricht nicht von einem Gerichtsverfahren oder chemischen Prozess – er erzählt von sich selbst und dem Beginn seiner Arbeit bei der Agentur Next Levels. Tryba sagt es korrekt, rational und mit einem unverkennbar elaborierten Ausdruck. Der 27-Jährige ist Autist. Allerdings weiß er das erst seit einem Jahr.

„Wenn man die Diagnose nach dem 18. Lebensjahr bekommt, gibt es deutlich weniger Möglichkeiten“, sagt er. Autismus werde an den meisten Kliniken nur bei Kindern behandelt. „Ich hatte Glück, an die richtigen Menschen zu gelangen, die die richtigen Schlüsse gezogen haben“, sagt Tryba.

Dazu gehörte unter anderem Rainer Wassong vom Autismus-Therapie-Zentrum. Er war es auch, der mit dem Unternehmen Next Levels in direkter Nachbarschaft während einer Raucherpause ins Gespräch kam. Die Entscheidung, dass man es miteinander versuchen möchte, haben beide Seiten schnell getroffen. Doch es hat noch über einen Monat gedauert, bis Reha-Team, die Agenturen für Arbeit aus Mönchengladbach und Erkelenz, Trybas Wohnort, und der Arbeitgeber-Service alles regelt hatten. Um zu schauen, ob das Arbeiten im Team von beiden Seiten aus gut funktioniert, macht Tryba derzeit eine Einstiegsqualifizierung.

In dieser Zeit wird das Unternehmen von der Agentur für Arbeit unterstützt. Nach Angaben der Agentur bekommen Arbeitgeber für eine Einstiegsqualifizierung einen Zuschuss von 115 Euro und zahlen an den Praktikanten ein Gehalt von 231 Euro. Sobald er im Herbst seine Ausbildung zum Fachinformatiker in Anwendungsentwicklung beginnt, werde die Agentur einen Anteil von 50 bis 60 Prozent der Gehaltszahlung übernehmen, sagt Paul Kalisch, Chef der Agentur. Schafft er die Ausbildung, so würde die Agentur auch im ersten Gesellenjahr noch 70 Prozent des Gehalts übernehmen.

Ihre Digitalagentur haben Slawa Ditzel und Paul Kalisch 2013 gegründet und bieten seither für Unternehmen wie Cisco aus der Telekommunikationsbranche oder einen bekannten Bundesliga-Verein Online-Marketing und Web-Entwicklung an. Begonnen haben die beiden mit nicht mehr als 40 Euro Startkapital. Inzwischen hat sich das Büro etabliert und zeichnet sich vor allem durch die Philosophie der beiden Unternehmer aus: flexible Arbeitszeiten, flache Hierarchien, freundschaftliche Arbeitsatmosphäre und Talentförderung. „Wir geben jedem eine Chance“, sagt Paul Kalisch. Das bedeutet: Sie haben auch schon Azubis aufgenommen, die bei anderen Betrieben gegangen sind. Die Noten seien nebensächlich, der angehende Azubi müsse vor allem für die Thematik brennen. Und gerade das trifft bei Tryba zu.

„Bereits in der neunten Klasse spürte ich im Informatikunterricht eine gewisse Affinität zu diesem Thema“, erzählt Tryba. Damals spielte er oft am PC, erstellte sich seine eigene Datenbank. Und dann erzählt Tryba von Tabellen, Algorithmen und allerlei Abkürzungen. Er versteht das System dahinter. „Es ist eine Regel. Wenn ich alles korrekt befolge, dann funktioniert es auch“, sagte er. Genau diese Fähigkeit kann er bei Next Levels im Entwicklerteam einbringen. Hier arbeitet er derzeit an einem multilingualen Onlineshop. Bis die Ausbildung im Herbst richtig beginnt, wollen Tryba, Ditzel und Kalisch sich noch oft in Feedbackrunden zusammensetzen. Für die beiden Unternehmer ist es die erste Erfahrung mit einem autistischen Mitarbeiter im Team.

Eine gewisse Unsicherheit in „sozialen Situation“ – wie Tryba sie nennt – habe er schon immer verspürt. Beispiel: Begrüßungen. „Ich verstehe das oft nicht und habe die Sorge, in ein Fettnäpfchen zu treten“, sagt er. Gerade deshalb sind persönliche Gespräche mit wenigen Anwesenden für Tryba wichtig. Neben dieser Unsicherheit sei ihm der Autismus erst im Studium bewusst geworden. Zuerst studierte er Informatik, brach ab, studierte anschließend Mechatronik – und brach wieder ab. „Ich kam mit dem anonymen System an der Universität nicht zurecht“, sagt er. Es habe niemanden interessiert, ob er da war oder nicht. Bei Next Levels ist das anders. Hier bekommt der angehende Fachinformatiker eine Struktur, die ihm Halt gibt. Die bisherige Zusammenarbeit bewerten seine Chefs positiv: „Es ist gar nicht so wild, wie es erzählt wird.“

Mehr von RP ONLINE