Mönchengladbach: Ärzte gegen den Atomkrieg fordern Verteilung von Jodtabletten

Redaktionsgespräch Susanne Grabenhorst und Stephan Fegers : Ärzte fordern Verteilung von Jodtabletten

Susanne Grabenhorst und Stephan Fegers erklären, warum sie sich als Ärzte gegen Atomkriege engagieren und die Verteilung von Jodtabletten an die Bevölkerung für sinnvoll halten.

Sie vertreten in Mönchengladbach die IPPNW, eine internationale Organisation von Ärzten und Ärztinnen gegen den Atomkrieg. Fürchten Sie, dass es morgen einen Atomkrieg geben könnte? Ist dieses Thema nach dem Ende des Kalten Krieges überhaupt noch aktuell?

Grabenhorst Morgen wird wohl kein geplanter großer Atomkrieg ausbrechen, aber ein begrenzter atomarer Konflikt wird gerade wieder wahrscheinlicher. Viele Staaten modernisieren derzeit ihr Atomwaffenarsenal. Moderne Atomraketen sind flexibler und besser lenkbar. Man versucht momentan, Atomkriege führbar zu machen. Regionale Konflikte  entwickeln  eine unberechenbare Dynamik. Im Nahen Osten wollen Saudi-Arabien und der Iran Atomwaffen; Israel hat sie schon. Pakistan und Indien, aber auch Nordkorea verfügen ebenfalls über Atomwaffen. Das Thema Atomkrieg ist leider sehr aktuell.

Was hat die Organisation IPPNW dazu beigetragen, dass es bisher keinen Atomkrieg gab?

Grabenhorst Als Friedensorganisation haben wir zur Entspannung beigetragen und immer für den Dialog geworben. Wir haben Bewusstsein für die Gefahren geschaffen, und wenn heute ein Großteil der Bevölkerung atomwaffenkritisch ist, dann hängt das auch mit der Aufklärung über die Folgen eines Atomkriegs zusammen. Außerdem leisten wir auch Lobbyarbeit. Im Bundestag hat sich gerade eine interfraktionelle parlamentarische Gruppe zusammengefunden, die sich für die Ratifizierung des von den Vereinten Nationen verabschiedeten Vertrags zum Verbot von Atomwaffen einsetzt. Dieser Vertrag ist ein immens wichtiger Schritt zu mehr Sicherheit.

Was kann man auf lokaler Ebene tun?

Fegers Mönchengladbach ist dem Städteappell noch nicht beigetreten, der Druck auf die Regierungen aufbauen soll, die wie Deutschland den Vertrag zum Verbot von Atomwaffen  bisher nicht unterschrieben haben. Hier wollen wir in Zukunft aktiv werden und weiter Unterschriften sammeln. Mönchengladbach ist aber seit 2006 Flaggenstadt der Bürgermeister für den Frieden. In den Flaggenstädten wird am 8. Juli, dem Tag, an dem der Internationale Gerichtshof Atomwaffen als völkerrechtswidrig verurteilt hat, die Friedensfahne aufgezogen. Allerdings hat Mönchengladbach in diesem Jahr keine Flagge gehisst. Im Gegenteil, der Oberbürgermeister teilte uns mit, es werde geprüft, welche Möglichkeiten bestehen, nicht mehr als Flaggenstadt gelistet zu werden. Es bleibt also auf lokaler Ebene noch viel zu tun. Besonders, was die Schaffung von Bewusstsein angeht.

Wieso engagieren sich gerade Ärzte in dieser Form?

Grabenhorst Wir kommen vom Gesundheitsaspekt her. Wir weisen auf die gesundheitlichen Folgen von Test und Einsatz von Atomwaffen hin. Dabei bringen wir unsere spezielle Kompetenz ein und deswegen werden wir auch eher gehört.

Wenn nun ein begrenzter atomarer Konflikt zum Beispiel zwischen Pakistan und Indien stattfinden würde, hätte das auch Folgen für Mönchengladbach?

Grabenhorst Es gibt Berechnungen, wonach der Einsatz von jeweils 50 Atomraketen auf jeder Seite wegen der Auswirkungen auf das Klima zwei Milliarden Menschen weltweit mit Hungersnot bedrohen würde.   Der plötzliche globale Temperaturabfall durch Rauch und Staub, die verminderten Ernten und die daraus resultierende Nahrungsmittelknappheit wären auch für uns zu spüren. Außerdem haben wir Büchel vor der Haustür. Wenn Konflikte sich ausweiten, wäre das  US-Atomwaffenlager ein mögliches Ziel.

Ist die Gefahr, die von Tihange ausgeht, nicht größer als die eines Atomkriegs? Der störanfällige belgische Atommeiler liegt gerade mal 110 Kilometer von Mönchengladbach entfernt.

Grabenhorst Das sollte man nicht gegeneinander ausspielen. Tihange macht uns auch große Sorgen. Ja, Mönchengladbach ist nah dran. Deshalb setzen wir uns für die Schließung des Reaktors ein und fordern als Erstmaßnahme die Verteilung von Jodtabletten.

Sind Jodtabletten denn überhaupt sinnvoll? Was hilft es, etwas gegen Schilddrüsenkrebs zu tun, wenn gleichzeitig alle anderen Organe ungeschützt bleiben?

Grabenhorst Dass gerade bei Kindern Schilddrüsenkrebs eine Riesengefahr ist, zeigt Fukushima. Die Schilddrüsenkrebsrate bei Kindern ist auf das 15-fache angestiegen, obwohl die japanische Regierung das nicht gern zugibt.  Andererseits hat man bei der Schilddrüse eine Chance, man kann etwas tun, nämlich rechtzeitig ausreichend Jodtabletten einnehmen. Es lohnt sich, obwohl es nur ein Organ ist, das man schützen kann.

Ist die Diskussion um Jodtabletten nicht nur ein Feigenblatt?

Fegers Es ist besser, über Jodtabletten zu reden als gar nichts zu tun. Die Diskussion darüber ist auch ein Anlass, sich überhaupt mit den nuklearen Risiken zu beschäftigen.

Was können Ärzte im Fall eines Atomkriegs oder eines Atomunfalls überhaupt tun?

Grabenhorst Nicht viel, deshalb ist unser Ansatz ja auch präventiv. Wir setzen uns für die Abschaffung von Atomwaffen ein und für die Abschaltung von Tihange und allen Atomkraftwerken. Die Stadt Aachen hat eine Broschüre mit Verhaltensmaßnahmen herausgeben, die der Stadt Mönchengladbach ist sehr ähnlich. Bei einem Alarm muss man dort bleiben, wo man ist und das Radio anmachen. Also möglichst nicht das Kind von der Kita abholen. Deshalb fordern wir die Verteilung und dezentrale Lagerung von Jodtabletten, damit sich die Menschen nicht dem radioaktiven Fallout aussetzen müssen.
Fegers Allerdings sind Fluchtreaktionen sehr menschlich, würden aber gegebenenfalls im Chaos enden. Das Problem ist, dass man sich emotional nicht auf eine solche Katastrophe vorbereiten kann. Es gibt einfach keine Erfahrungswerte.

Sollten wieder Bunker gebaut werden?

Fegers Nein, das würde höchstens zu einem falschen Sicherheitsgefühl führen. Auch die Prepper, die sich auf Katastrophen vorbereiten, gaukeln sich nur etwas vor. Die Ausmaße einer Atomkatastrophe sind für uns unvorstellbar.

Welche Rolle spielt Ihr Engagement in Ihrer täglichen Arbeit als Arzt?

Grabenhorst In der täglichen Arbeit spielt eher der Teil der IPPNV-Aktivitäten eine Rolle, der sich mit sozialer Verantwortung beschäftigt. Das IPPNW-Programm ist sehr breit gefächert, und die nationalen Sektionen können noch eigene Schwerpunkte setzen. In Deutschland haben wir auch einen Schwerpunkt im Bereich „soziale Verantwortung“. Deshalb beteiligen wir uns an Aktionen wie „Gesundheit ist ein Menschenrecht“  und kümmern uns um die Gesundheitsversorgung von geflüchteten Menschen.
Fegers Klimaschutz ist auch eines unserer Themen. Wir diskutieren noch, ob wir ihn als gesondertes Thema aufnehmen oder ob Klimaschutz ein Querschnittsthema ist, das in allen Zusammenhängen bedacht wird. In Mönchengladbach planen wir gemeinsam mit der Volkshochschule zwei Veranstaltungen zum Klimawandel am 7. und 21. November.

Als Regionalgruppe haben Sie vor kurzem einen Bürgerantrag zur Umbenennung der Lettow-Vorbeck-Straße eingebracht. Wie passt das zu den Ärzten zur Verhinderung des Atomkriegs?

Fegers Die Regionalgruppen wählen sich immer noch eigene Themen, für die sie sich engagieren. Im Fall der Lettow-Vorbeck-Straße machen wir uns für eine Umbenennung stark, weil Paul Emil von Lettow-Vorbeck  ein Kriegsverbrecher, Rassist und Nationalist war, von dem man sich unmissverständlich abgrenzen sollte.

Sprechen Ihre Themen auch junge Leute an? Wie entwickeln sich die Mitgliederzahlen?

Fegers Globale Gesundheit oder Klimaschutz sind die Themen, die die jungen Leute ansprechen. Die Mitgliedszahlen in unserer Regionalgruppe steigen langsam. Es wird als positiv empfunden, dass man bei uns Gleichgesinnte mit ähnlichen Idealen und Werten findet. Allerdings verliert der Verein manchmal jüngere Mitglieder wieder, wenn sie ins Berufsleben starten oder eine Familie gründen und wenig Zeit haben. Aber auch für sie hat der Verein viele Angebote.

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