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Mönchengladbach. 100. Todestag des jüdischen Fabrikanten Hermann Aschaffenburg

Gastbeitrag : Jüdischer Textilfabrikant und Kulturmäzen

Anlässlich des 100. Todestags von Hermann Aschaffenburg am 23. März erinnert unser Gastautor an den Unternehmer.

Die Brüder Hermann und Otto Aschaffenburg kamen im Jahr 1897 von Köln nach Mönchengladbach, um ihr Glück als Textilunternehmer zu machen. Sie stammten aus einer jüdischen Familie und folgten ihrem Onkel Jsidor Aschaffenburg, der seit 1892 Teilhaber der Weberei J. Frank & Sohn in Mönchengladbach war, damaliger Standort: Gelände der Santander-Bank an der Aachener Straße. Die Brüder gründeten zusammen eine Tuchfabrik, die Firma hieß Gebrüder Aschaffenburg.

Die ersten Produktionsstätten waren an der Künkelstraße 37 (1903) und Eickener Straße 314 (1907). Erst ab 1912 bzw. 1913 wurde der Textilbetrieb der Brüder Otto und Hermann Aschaffenburg an der Sachsenstraße 30 im Mönchengladbacher Stadtteil Eicken ansässig. Dort entwickelte sich der Betrieb zu einer vollwertigen Tuchfabrik. Sie war der erste Betrieb in Mönchengladbach, der die mechanischen Webstühle mit riemenlosem Einzelantrieb (nur mittels Zahnrädern) ausstattete.

Im Jahr 1916 stieg Ernst Aschaffenburg, Sohn von Jsidor Aschaffenburg, als Teilhaber in die Firma ein. Er hatte im Weltkrieg gedient und dabei einen Fuß verloren. In den 1920-er Jahren war die Spezialität der Firma die Herstellung von Kammgarnneuheiten. Am 23. März 1920 verstarb nach längerem Leiden Hermann Aschaffenburg. Während der Onkel Jsidor und der Bruder Otto auf dem jüdischen Friedhof an der Hügelstraße bestattet wurden, findet sich das heute unter Denkmalschutz (Nr.: P 018) stehende Grabmal von Hermann Aschaffenburg auf dem städtischen Friedhof an der Viersener Straße. Über die Gründe kann nur spekuliert werden. Es wurde von einem der bekanntesten protestantischen Kirchenbauer Deutschland, Otto Bartning (1883-1959), entworfen. Bartning hatte sich auch bezüglich der Programmatik des 1919 in Weimar gegründeten Bauhauses einen Namen gemacht. Nach dem Tod von Hermann Aschaffenburg entwarf Bartning auch die Umbaupläne für die Fabrik an der Sachsenstraße im modernen Baustil, die 1923 realisiert wurden.

Das Grab des vor 100 Jahren gestorbenen Hermann Aschaffenburg. Foto: Hans Schürings

Die offizielle Beschreibung des Denkmals aus Muschelkalk lautet: „Die Brüstung selbst besteht aus kubischen Pfeilern, die alle in ihrem Querschnitt geringfügig vom rechten Winkel abweichen, und eine Brüstungsabdeckung mit leicht trapezförmigem Querschnitt tragen. Dazwischen sind Füllungselemente eingestellt, die aus genieteten Flachstählen bestehen. Sie gehen von vier Grundtypen aus und sind jeweils spiegelverkehrt eingesetzt. Auch bei den Füllungselementen ist jeder rechte Winkel vermieden.“

Warum sich Hermann Aschaffenburg auf dem städtischen Friedhof bestatten ließ, ist nicht geklärt. Vermutlich gehörte er, wie auch der Vater des Mönchengladbacher Philosophen Hans Jonas dem „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ an, der sich sehr stark für die Assimilierung der jüdischen Mitbürger engagierte. Hermann Aschaffenburg verstand sich wohl als deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens.

Eine andere Ansicht der Fabrik der Gebrüder Aschaffenburg an der Sachsenstraße, die dort 1912/13 ansässig wurde. Foto: Hans Schürings

Mit dem Namen Aschaffenburg war in Mönchengladbach bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten und der Judenverfolgung ein hohes Ansehen verbunden. Die gesamte Familie engagierte sich für das Gemeinwesen und förderte das kulturelle Leben in Mönchengladbach.

Laut Günter Erckens, der die Geschichte der Juden erforscht hat, traten die Gebrüder Aschaffenburg durch ihr jahrelanges musikliebendes Mäzenatentum im Kulturleben Mönchengladbachs in besonderer Weise in Erscheinung.

Noch während des Ersten Weltkrieges, im Jahr 1917, wurde zum Beispiel der Verein Volkswohl e.V. in Mönchengladbach gegründet. Hauptsächliches Ziel war der Erwerb der sich noch in Privatbesitz befindlichen Hälfte von Schloss Rheydt.

Der andere Teil wurde von der Stadt Rheydt angekauft. Mitglied in diesem Verein war auch Hermann Aschaffenburg, ebenso wie sein Bruder Otto. Beide spendeten auch erbliche Summen (Hermann: 7.500 Reichsmark und Otto 12.500 Reichsmark), um den gesamten Kaufpreis aufbringen zu können. Auf dem Gelände von Schloss Rheydt sollten Wohnungen für Kriegsteilnehmer und Hinterbliebene gebaut werden.

 Für sich und seine Familie ließ Hermann Aschaffenburg in den Jahren 1911/12 ein Haus an der Mozartstraße 20 errichten. Für die schlichte neoklassizistische Architektur war das bekannte Mönchengladbacher Architekturbüro Robert Neuhaus und A. Stief (zum Beispiel Rathaus Rheydt, Villa Hecht/ P. Busch, Bismarckstraße 97) verantwortlich. Das noch heute existierende Gebäude wurde am 14. Dezember 1984 unter Denkmalschutz (Nr.: M 007) gestellt.

Hermann Aschaffenburg war verheiratet mit Anna Lilienthal (1882- 1981). Der Ehe entsprangen zwei Kinder, Karl (1906- 1982) und Meta (1908- 2005). Sowohl Meta, als auch die Tochter des Bruders, Otto Aschaffenburgs, Käte (Künstlername Katja Andy), erhielten eine Ausbildung zur Pianistin.

 Hermann Aschaffenburg starb vor 100 Jahren, am 23. März 1920, wohl nach einer schweren Krankheit. Wie beliebt er auch bei seinen Mitarbeitern gewesen sein muss, kann man der Traueranzeige der Angestellten- und Arbeiterschaft aus der Westdeutschen Landeszeitung entnehmen: „Tieferschüttert stehen wir an der Bahre eines Mannes, der sich durch seine außergewöhnlichen Geistesgaben, seinen großen Gerechtigkeitssinn und sein soziales Verständnis die Liebe und das Vertrauen aller erworben hat.“

Wünschenswert wäre, dass sich die Stadt Mönchengladbach der denkmalgeschützten Grabstelle Hermann Aschaffenburgs dauerhaft annimmt und in Ehren hält.

Dieser Gastbeitrag von Hans Schürings ist entstanden in der Geschichtswerkstatt Mönchengladbach.