Mönchengladbach: Mit Scheulen blühte Rheydt auf

Mönchengladbach: Mit Scheulen blühte Rheydt auf

Johannes Scheulen war der wohl beliebteste Oberbürgermeister in Rheydt und wurde nach sechs Jahren im Amt Opfer eines neuen Verständnisses von Ratsmehrheiten: Die stärkste Fraktion muss nicht immer regieren. Ampeln gab es auch schon früher.

Es kommt nicht oft vor, dass eine Auszeichnung, eine Ehrung, eigens für eine bestimmte Persönlichkeit geschaffen wird. Nur wusste der Rheydter Stadtrat 1964 nicht, wie er Johannes Scheulen angemessen würdigen sollte. In seiner Sitzung vom 8. Juli 1964 beschloss er also, den Ehrenring zu schaffen. Für Scheulen. Der Christdemokrat war der erste, der mit der seltenen Auszeichnung bedacht wurde. Wahrscheinlich auch, weil die Bürgerschaft ihm den Namen "Vater der Stadt Rheydt" verliehen hatte. Scheulen, so viel ist klar, war von 1950 bis 1956 Oberbürgermeister der damals noch selbstständigen Stadt Rheydt, und ein äußerst beliebter dazu.

Scheulen, der für die CDU antrat, und Wilhelm Schiffer von der SPD lieferten sich über Jahre hinweg politischen Wettstreit um das Amt des OB. Nachdem Heinrich Pesch sich im November 1950 aus dem Amt zurückgezogen hatte, kandidierten die beiden das erste Mal gegeneinander. Der Rat entschied sich für Scheulen mit 17 zu elf Stimmen, Schiffer wurde Bürgermeister. "Zusammen", sagte der spätere OB Schiffer, "haben wir ein gut zusammenarbeitendes Gespann gebildet." Vielleicht lag das auch daran, dass sie sich schon eine halbe Ewigkeit kannten. Denn Schiffer war einst Stift in der Firma Scheulens und "durfte Telegramme zur Post tragen".

Zweimal wurden beide wiedergewählt, bis der Wahlkampf 1956 den Umsturz brachte. Bislang hatte stets die CDU seit ihrer Gründung in Rheydt – an der Scheulen maßgeblich beteiligt gewesen war – das Stadtoberhaupt gestellt. Doch nun erhielt Schiffer 25 Stimmen, und Scheulen nur 16. Die CDU nahm entrüstet nicht am traditionellen Umtrunk teil, denn mit der Wahl des Sozialdemokraten Schiffers sei die Spielregel verletzt worden, wonach die stärkste Fraktion den OB stelle. Scheulens Zeit als Oberbürgermeister war die Zeit der 50er Jahre, als Rheydt wieder aufblühte. Die im Krieg zu 90 Prozent zerstörte Rheydter Innenstadt wurde nach und nach wieder aufgebaut. Scheulen setzte die Arbeit seiner Vorgänger fort. Das Busnetz wurde nicht nur wieder aufgenommen, sondern binnen weniger Jahre um das Doppelte vergrößert. Die Straßenbahnen wurden auf das neue O-Bus und Omnibussystem umgestellt. Alte Gleise wurden verschrottet. Auch kulturell befand sich die Stadt auf einem Höhepunkt, die Menschen strömten ins Theater. Weil die Unesco die Stadtbücherei in ihr Aufbau- und Hilfsprogramm aufgenommen hatte, wuchs der Bestand rasant an.

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Die Bevölkerung wuchs innerhalb von sechs Jahren um mehr als 10 000 Bürger auf 88 000 Einwohner im Jahr 1956 an. Neue Schulen wie die Mittelschule für Jungen und Mädchen, die katholische Volksschule Waisenhausstraße und die Volksschule Zingsheimer Straße. Und tausende Vertriebene und Flüchtlinge – vor allem aus der DDR – wurden in Behelfsheimen wie auf der Kamphausener Höhe aufgenommen.

Es war sicher keine einfache Zeit, um Oberbürgermeister zu sein. Scheulen begegnete dem mit einer "ausgeglichenen und ausgleichenden Wesensart, wie die Rheinische Post am 6. Januar 1961 schrieb. Eine Grundtugend für jemanden, den die Menschen "Vater der Stadt" nennen. In so einem Fall kann man schon mal einen Ehrenring schaffen.

(RP)
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