Mönchengladbach: Mit Säge und Bohrer zur Schützenkönigswürde

Mönchengladbach : Mit Säge und Bohrer zur Schützenkönigswürde

Der Adler aus Fichtenholz, der morgen Nachmittag auf dem Kapuzinerplatz auf der Stange sitzt, ist ein robustes Tier. Schließlich muss er die Schüsse aller Bruderschaftskönige aushalten, solange er kann.

So mancher Zuschauer fragt sich bestimmt, ob denn beim Vogelschuss um das Amt des Bezirkskönigs nicht gepfuscht wird. Die Schützen betonen: "Hier geht alles mit rechten Dingen zu." Anders als vielleicht gedacht, steht nicht schon vorher fest, wer König der Könige wird. Und dennoch: so ganz ohne Tricks läuft der Vogelschuss nicht ab. Um das Programm nicht zu verzögern, wissen die Schießmeister genau, was sie tun müssen. Bohrer und Säge sind unverzichtbare Hilfsmittel.

Bevor das hölzerne Gefieder auf die Stange darf, wird es präpariert. Länger als 80 Minuten darf der Vogelschuss nämlich nicht dauern. Andernfalls kämen die Schützen in Verzug. Also werden dem Holzvogel aus der Werkstatt des Volksvereins hier da schon einmal kleine, für den Zuschauer nicht zu erkennende Wunden zugefügt. Die Experten aus der Vogelschuss-Werkstatt haben den formschönen Adler - er trägt eine Krone, ein Zepter und einen Reichsapfel - so hergestellt, dass er 60 bis 120 Schüsse verkraftet.

Die werden aus einem Kleinkalibergewehr abgegeben. Und dabei haben die Schützen nur eine Grundregel: "Auf den Balg halten." Gemeint ist natürlich die Mitte des Vogels. Dass alles mit rechten Dingen zugeht, dafür sorgen nicht nur die Schießmeister. Die Bruderschaftskönige beobachten sich auch gegenseitig. "Unser Bezirkskönigsschießen lebt vom spannenden Wettkampf. Hätten wir nur einen ausgesuchten Kandidaten, wo bliebe da der Reiz? Wir sind froh, dass meist über ein Dutzend Könige antritt", sagt Bezirksbundesmeister Horst Thoren. Den besten Durchblick hat morgen Nachmittag Stefan Feiks. Der Schießmeister beobachtet den Vogel mit einem Fernglas und gibt manchmal auch Tipps. Darauf berufen, kann sich aber niemand. Der Vogelschuss bleibt reine Glückssache.

Ist der Adler dann endlich erlegt, ist der Jubel natürlich riesengroß. Die neue Majestät wird geherzt, beglückwünscht und gibt seinen Mitstreitern das ein oder andere Bier aus. Doch dann greift er zum Handy und ruft zuhause an. "Dreh´ die Lockenwickler rein, lass´ mir Badewasser ein", soll schon so mancher den Befehl an seine Königin gegeben haben.

Denn die Dame muss Bescheid wissen. Schon Abends, beim Ball der Majestäten in der Kaiser Friedrich-Halle, ist sie nämlich unverzichtbar. Im Amt bleibt der Bezirkskönig genau ein Jahr. Erst beim nächsten Stadtschützenfest gibt er die Königswürde wieder ab. Bis dahin repräsentiert er den Schützenbezirk und besucht fast jedes Schützenfest.

(RP)
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