1. NRW
  2. Städte
  3. Mönchengladbach

Serie Denkanstoss: Mit der Kraft der Liebe geht noch viel mehr

Serie Denkanstoss : Mit der Kraft der Liebe geht noch viel mehr

Das war echt Curry - echt scharf! Der Primas der Episkopalkirche der USA, Michael Curry, hielt am vergangenen Samstag die Predigt zur "Hochzeit des Jahres": Harry und Meghan gaben sich in der St. George's Chapel auf Schloss Windsor in England das Ja-Wort. Wer eine Traumhochzeit erwartet hatte, sah seine Erwartungen erfüllt. Wer getragenen englischen Pomp erwartet hatte, wurde - nennen wir es so: überrascht. Gospel-Chor und Elton John in einem wundervollen Gotteshaus aus dem 16. Jahrhundert sowie ein afroamerikanischer Bischof, der so gar nicht die wundervoll getragene Sprache der Erzbischöfe von Canterbury, Oberhäupter der anglikanischen High-Church, spricht. Der aber begeisterte. Restlos alle.

Ich weiß ja nicht, mit welcher Erwartung die gut 600 eingeladenen Gäste in die Schlosskapelle von Windsor gekommen waren. Die Fernsehbilder belegten allerdings deutlich: überraschte Gesichter, leichtes Kopfschütteln oder ratlose Blicke zu Beginn, dann aber immer mehr gelöstes Lächeln, immer öfter auch befreites Lachen im Verlauf der Ansprache von Michael Curry, der seinem Namen alle Ehre machte und richtig "Pep" in die St. George's Chapel brachte.

Sein Thema - wie könnte es bei einer Hochzeit auch anders sein: die Liebe. Ihre Kraft nannte Curry schwer unterschätzt. Ihre Kraft könnte alles ändern - und knüpfte damit an die Worte eines berühmten Predigers der 1960er Jahre an: Martin Luther King. "Die Liebe ist der einzige Weg!", rief er seinen Zuhörern zu. Und erinnerte an das "Feuer der Liebe", das man nicht fesseln und schon gar nicht einsperren dürfe. Wenn nichts mehr helfe - dann helfe nur noch die Liebe. In diesem Augenblick zogen an mir Bilder aus Syrien und Nordkorea vorbei, Bilder vom Schul-Massaker in Santa-Fe und vom Gaza-Streifen, Bilder von Übergriffen auf gläubige Menschen vieler Religionen, Bilder von Hass, Wut und Zerstörung überall - ja auch in unserer unmittelbaren Umgebung. Der Name "Münster" soll nur als ein Beispiel dafür stehen.

Ich habe mich gefragt: Glaubt Bischof Curry das eigentlich selbst, was er da sagt? Er lebt doch ganz und gar in der Welt von heute - hat seine Predigtnotizen auf einem iPad vor sich auf dem Lesepult liegen, ist natürlich nach Großbritannien geflogen und nicht, wie er unter befreiendem Lachen mitteilt, über das Wasser gelaufen. Einer mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen, einer der als Vater von zwei Kindern das Leben kennt. Und im nächsten Augenblick wurde mir klar: Ja, er glaubt das - und er ist so begeistert von dieser Kraft der Liebe, dass er ihr alles zutraut. Er nennt sie "unterschätzt", warnt aber auch davor, sie sentimental zu überhöhen. Den Beweis dafür liefert er auf dem Fuße: Da lieben sich zwei junge Menschen - und deshalb kommen alle in der Kirche zusammen, Millionen sitzen vor dem Fernseher, weil sie von dieser Liebe fasziniert sind. Wenn das keine Kraft ist.

Michael Curry reißt seine Zuhörer mit, weil er ihnen den Beweis seiner These nicht schuldig bleibt: Seht her, an diesem kleinen Beispiel merkt ihr es deutlich: Die Kraft der Liebe bewirkt, dass wir alle hier friedlich beisammen sind. Und wenn das funktioniert, dann funktioniert mit dieser Kraft der Liebe noch viel mehr! Was würde es eigentlich kosten, das einfach einmal auszuprobieren, der Liebe, wo sie erfahrbar wird, diese Kraft auch zuzutrauen. Jenseits aller Berechnung, jenseits aller Voraussagen. Ich glaube auch, dass da viel mehr ginge. Michael Curry hat jedenfalls mit seiner Predigt Mut gemacht, diesen Weg zu beschreiten. Und er hat damit nicht nur Harry und Meghan gemeint . . .

ULRICH CLANCETT IST REGIONALDEKAN DER STADT MÖNCHENGLADBACH.

(RP)