Mönchengladbach: Mit dem Kopf im Vogelbauer

Mönchengladbach: Mit dem Kopf im Vogelbauer

Weil Bertold nicht lächelte, steckte Gil Shachar sein Konterfei kurzerhand in einen Käfig. Warum der israelische Künstler solche Dinge tut, erklärte er bei der Eröffnung seiner Ausstellung „Kopf oder Zahl“ in der Galerie Löhrl. Eine Reise in die Phantasie.

Ausgestreckte Arme, würdevoll blickende Büsten, Köpfe, in die der Besucher hineinschauen und allerlei Erstaunliches entdecken kann, findet der Besucher derzeit in der Galerie Löhrl. Auch „Tücher“ mit elegantem Faltenwurf – die Welt des 1965 geborenen israelischen Bildhauers Gil Shachar ist vielfältig und überraschend. Unter dem Ausstellungsmotto „Kopf oder Zahl“ zeigt Shachar Skulpturen aus Kunstharz und Wachs, die teilweise bemalt sind. Es sind immer Körperfragmente, daneben aber auch nachgebildete und bemalte Tücher. Die Arbeiten entstehen über einen aufwendigen Prozess, der mit dem Gipsabdruck des Modells beginnt.

Den Porträts gemeinsam sind die immer geschlossenen Augen, was zum einen Distanz zu den Dargestellten schafft, die oftmals mit ihrem Vornamen betitelt sind, andererseits den Büsten Würde und Ruhe verleiht. Zwar sind die Skulpturen absolut realitätsgetreu, da sie unverändert von den Modellen abgenommen sind, dennoch verleugnen sie an keiner Stelle ihre Qualität als artifizielle Wirklichkeit. Anders ist die bei den Tüchern, die auf den ersten Blick tatsächlich die Illusion als Originalstoff vermitteln.

In der Galerie Löhrl, wo aktuelle Arbeiten des Künstlers zu sehen sind, ist Shachar kein Unbekannter mehr. Und so konnte er während der Eröffnung seiner Ausstellung am Samstag Nachmittag zahlreiche Bekannte begrüßen und immer wieder Rede und Antwort zu seinen Arbeiten stehen: Warum zum Beispiel in den neuen Arbeiten immer wieder Pinsel, ein Blumenkohl in einem Kopf liegt oder ein Porträt in einem Vogelkäfig steckt – das sind Fragen, die sich während des Rundgangs durch die Ausstellung stellen.

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Bereitwillig erzählt Gil Shachar seine eigenen Geschichten, die oftmals Anlass zu den Skulpturen sind, die aber, wie er betont, die Arbeiten nicht unbedingt erklären. Der Betrachter könne auch ohne sie einen eigenen Zugang finden. Denn seine Skulpturen, so Shachar, könnten und sollten auf vielfältige Weise interpretiert werden. „Bertholds Strafe“ beispielsweise ist der Kopf, der in einem Käfig eingesperrt ist: das Modell sollte während des Eingipsens lächeln. Als Shachar entdeckte, dass es stattdessen den Mund merkwürdig verzogen hatte, steckte er es zur Strafe in einen Käfig und präsentiert die Arbeit von der Decke hängend.

Die Pinsel, die oftmals zahlreich in den Köpfe stecken, sind Zeichen dafür, dass Shachar sich „als Maler sieht“, schließlich gibt er jeder Skulptur den letzten Schliff, indem er sie bemalt. Und der Blumenkohl aus Wachs: Er liegt im Inneren eines Kopfes wie ein Gehirn. Für Shachar ist er Symbol für das Zwischenreich zwischen Tod und Leben, einmal geerntet, ist das Gemüse noch auf bestimmte Weise lebendig.

(RP)
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