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Mönchengladbach: Missbrauch: Keine Entwarnung

Mönchengladbach : Missbrauch: Keine Entwarnung

Nach einer neuen Studie soll die Zahl der Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs stark rückläufig sein. Fachorganisationen wie Zornröschen machen da ganz andere Erfahrungen. In der Gladbacher Beratungsstelle meldeten sich 2010 mehr Betroffene. Kritik gibt es auch an der Form der Umfrage.

Die Studie des Kriminologischen Instituts Niedersachsen zu sexuellem Kindesmissbrauch stößt bei Fachverbänden auf Kritik. Auch bei Zornröschen, dem Verein gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen, ist man erstaunt über die vorgelegten Zwischenergebnisse. Angeblich belegt die Studie, die vom Bundesforschungsministerium in Auftrag gegeben wurde, rückläufige Zahlen bei Kindesmissbrauch. Reinhild Beermann und Brigitte Bialojahn von Zornröschen haben da ganz andere Erfahrungen gemacht. "Im vergangenen Jahr hatten wir in der Beratungsstelle 25 Prozent mehr Erstanfragen", sagt Brigitte Bialojahn. Und: "In der Hauptsache ging es um ganz konkrete Fälle oder Verdachtsmomente."

Für Reinhild Beermann ist die Studie, bei der insgesamt 11 500 Personen im Alter von 16 bis 40 Jahre befragt wurden, ganz und gar nicht repräsentativ. "Wieso nur bis 40? Aus der Traumaforschung ist bekannt, dass Betroffene sich oftmals erst sehr viel später melden", sagt die Diplom-Sozialarbeiterin. "Und auch die aktuellen Fälle von Missbrauch an Kindern unter 16 Jahren fallen in der Studie aus der Statistik."

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Bei Zornröschen weiß man: Es gibt Pädophile, die sich auch schon an Säuglingen vergreifen. "Die meisten Opfer sind im Grundschulalter", sagt Brigitte Bialojahn. Aber es gibt noch mehr Kritikpunkte an der Studie: So sei zum Beispiel nur nach Tätern gefragt worden, die mindestens fünf Jahre älter als das Opfer sind. Dadurch seien viele Möglichkeiten des sexuellen Missbrauchs von vorneherein ausgeklammert worden. "Geschwisterinzest zum Beispiel", sagt Reinhild Beermann. "Wir haben sogar Fälle, wo das Opfer älter ist als der Täter", fügt Brigitte Bialojahn an. Sexuelle Gewalt würden auch schon 14-Jährige anwenden. Und wenn auch nach wie vor die allermeisten Täter männlich sind, so gebe es doch auch Frauen, die Kinder missbrauchten.

Die kämen in der Studie überhaupt nicht vor. Außerdem würden in der Untersuchung viele Arten der sexuellen Gewalt ausgeklammert. Wer einem Kind ein Pornoheft oder einen Pornofilm zeigt, mache sich strafbar. Dies werde in der Studie aber gar nicht berücksichtigt, ebenso komme das Internet mit den verschiedenen Formen von sexueller Gewalt nicht vor.

In der Studie kommt das Kriminologische Institut zum Ergebnis, dass die Fallzahlen zurückgegangen seien, weil Opfer mutiger geworden seien und Präventionsmaßnahmen gegriffen hätten. Auch hier können die Zornröschen-Mitarbeiterinnen nicht zustimmen. Zwar müssten Jugendeinrichtungen Konzepte haben, welche Schritte bei einem möglichen Kindesmissbrauch eingeleitet werden, "aber es ist immer noch so, dass viele erst aktiv werden, wenn tatsächlich ein Fall vorliegt. Da gibt es noch ein riesiges Brachland", sagt Brigitte Bialojahn. Auch heute falle es noch vielen schwer zu glauben, dass Kindesmissbrauch in den eigenen Reihen stattfindet.

Etwa 12 000 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch werden pro Jahr bundesweit angezeigt, erklären die beiden Zornröschen-Mitarbeiterinnen. Die Zahl schwanke zwar etwas, wesentliche Abweichungen gebe es aber seit vielen Jahren nicht. In der Beratungsstelle von Zornröschen gelangen nur etwa 30 Prozent aller Kindesmissbrauchsfälle zur Anzeige. "Am wichtigsten ist das Kindeswohl", sagt Brigitte Bialojahn. Wird befürchtet, dass das Opfer zusammenbricht, wenn es vor Gericht über die schmerzlichen Erinnerungen sprechen muss, dann geht es erst einmal nur um die seelische Aufarbeitung und nicht um die Strafverfolgung des Täters.

(RP)