Andrang bei Meldestellen in Mönchengladbach „Wir stehen hier seit 3 Uhr morgens“

Mönchengladbach · Der Bürgerservice der Stadt ist seit Monaten überlastet. Dienstags bilden sich lange Schlangen vor dem Vitus-Center, während viele Mönchengladbacher noch schlafen. Ein Gespräch mit Menschen, die den malerischen Sonnenaufgang lieber verpasst hätten.

Bereits früh morgens warten die Menschen auf den Beginn der offenen Sprechstunde des Bürgerservices im Vitus-Center.

Bereits früh morgens warten die Menschen auf den Beginn der offenen Sprechstunde des Bürgerservices im Vitus-Center.

Foto: Christoph Wegener

Erste Sonnenstrahlen fallen auf die Häuser rund um den menschenleeren Gladbacher Hauptbahnhof, der Himmel über den Dächern leuchtet hellblau. Es ist ein wunderschöner Frühlingsmorgen. Genießen kann Yanisbel Gonzalez ihn nicht. Der Frust trieb sie in tiefster Nacht aus dem Bett – genauso wie ein Dutzend andere Mönchengladbacher, die vor dem Eingang des Vitus-Centers warten. „Wir stehen hier seit 3 Uhr“, sagt Gonzalez. Jetzt ist es 5.30 Uhr, und sie hat sich noch keinen Zentimeter bewegt. Die Türen der Meldestelle werden erst in anderthalb Stunden geöffnet. Gonzalez will unbedingt unter den Ersten sein, die eine Wartenummer bekommen. Anders gehe es nicht.

Bereits vergangene Woche hat sie stundenlang warten müssen, sagt die Mönchengladbacherin. „Und das, obwohl ich schon um 4.20 Uhr vor Ort war.“ Das wollte sie dieses Mal verhindern, machte sich deshalb diesmal schon in der Dunkelheit auf den Weg in die Innenstadt. Gonzalez, in deren freundlichem Gesicht sich dunkle Augenringe abzeichnen, braucht dringend neue Reisepässe für ihre Kinder. Eigentlich ein ganz normales Anliegen. Normal ist die Situation in Mönchengladbachs Meldestellen aber seit Monaten nicht.

Kostenpflichtiger Inhalt Wie viele Bürger versuchte auch Yassin Lanouar über Wochen, online einen Termin zu bekommen – ohne Erfolg. „Dabei habe ich mich frühmorgens und auch nachts um 0 Uhr an den Rechner gesetzt, wenn neue Termine freigeschaltet werden“, sagt der IT-Techniker. Sein Reisepass ist inzwischen abgelaufen. Er schrieb eine Mail an den Bürgerservice und bekam keine Antwort. Er rief beim Bürgertelefon der Stadtverwaltung an, und man verwies ihn auf die freie Sprechzeit, die dienstags beziehungsweise ab 1. Juni donnerstags im Vitus-Center angeboten wird. Also ging Lanouar vergangene Woche um halb 8 zur Meldestelle. „Da standen Hunderte Menschen, ich hatte keine Chance“, sagt er. Dieses Mal stellte sich der Mönchengladbacher den Wecker deutlich früher – und steht nun direkt neben Yanisbel Gonzalez.

 Zwei Frauen haben sich Campingstühle mitgebracht und sind seit Stunden vor Ort. Jetzt ist es 5.30 Uhr, offiziell öffnet die Meldestelle um 8 Uhr.

Zwei Frauen haben sich Campingstühle mitgebracht und sind seit Stunden vor Ort. Jetzt ist es 5.30 Uhr, offiziell öffnet die Meldestelle um 8 Uhr.

Foto: Christoph Wegener

Mit jeder Minute wächst die Schlange hinter ihnen. Sie reicht um kurz nach 6 Uhr um die Ecke bis zum Parkhaus Goebenstraße. Jeder hier versucht auf seine Weise, die Wartezeit zu überbrücken. Alle sehen aus, als lägen sie gerade lieber im Bett. Zwei Frauen haben sich Camping-Stühle mitgebracht und starren ins Leere, eine Mutter streichelt ihrer quengelnden Tochter sanft über den Kopf.

Ruslana Rakhalska ist in ihr Smartphone vertieft. Sie will sich ihre Heiratsurkunde anerkennen lassen. Vor zwei Jahren flüchtete die junge Frau aus der Ukraine, lebt nun in Mönchengladbach. In ihrem Heimatland habe sie sich nie mit so viel Bürokratie beschäftigen müssen, sagt sie. Ihre ukrainischen Dokumente sind alle in einer App gespeichert. Sie wird über Gesichtserkennung freigeschaltet, dann erscheinen Führerschein, Ausweis, Magisterzeugnis und auch die Geburtsurkunden ihrer Kinder. Sie wohne gerne in Mönchengladbach, sei sehr dankbar, aufgenommen worden zu sein, sagt die Ukrainerin. „Dass man so lange vor der Meldestelle warten muss, nervt zwar, aber gehört halt dazu.“

Ezatalal Fayzi, der weiter hinten in der Schlange steht, widerspricht. Er lebt seit 2015 in der Stadt, musste in den vergangenen Jahren häufig zur Meldestelle kommen. Bis zur Corona-Pandemie habe das problemlos funktioniert. „Doch seitdem stelle ich mich immer auf Wartezeiten zwischen vier und fünf Stunden ein“, sagt er. „Ich habe mir deswegen heute Urlaub genommen, um meinen Ausweis abzuholen.“

Um 7 Uhr wird im Vitus-Center alles vorbereitet. Sicherheitskräfte stellen sich auf, eine Mitarbeiterin verteilt Wartezettel. Draußen weist Yassin Lanouar einen Mann freundlich, aber bestimmt darauf hin, dass er sich hinten anstellen muss. Lanouar steht nicht seit vier Stunden vor der Meldestelle, damit sich jetzt jemand vordrängelt. Der Mann läuft am Eingang auf und ab. „Ich will mich doch nur ummelden, das kann nicht wahr sein“, sagt er, betrachtet die Schlange und macht sich kopfschüttelnd auf den Weg nach Hause. Neben Yanisbel Gonzalez, die Reisepässe für ihre Kinder braucht, wartet inzwischen eine junge Frau. Ihre Mutter hat sich um 3 Uhr morgens vor das Vitus-Center gestellt, um ihr einen Platz freizuhalten. Jetzt ist bei den beiden Schichtwechsel.

Um kurz nach 7 öffnen sich die Türen des Bürgerservice, eine Stunde vor Betriebsbeginn. Langsam gehen die Menschen hinein, niemand drängelt, aber manche sehen besorgt aus. Werden sie noch eine Nummer bekommen? Dieses Mal schon: Innerhalb von 25 Minuten sind alle , die gerade noch draußen in der Schlange standen, im Gebäude verschwunden. Dort geht das Warten weiter.

Einem Stadtsprecher zufolge wurden an diesem Tag rund 220 Tickets für die Beantragung und Abholung von Dokumenten ausgegeben. Die Schlange der Wartenden sei „deutlich kürzer“ gewesen als an den vergangenen Öffnungstagen, betont er. „Da wir mehr verfügbare Tickets als Kunden hatten, haben wir die verfügbaren Kapazitäten über das Terminportal freigeschaltet.“ Björn De Waal hilft das gerade nicht. Er kommt um 7.30 Uhr beim Vitus-Center an, hat die Wartenummer 151. Erst um 13 Uhr wird er seine Meldebestätigung in der Hand halten.

Yassin Lanouar hat es dagegen um 8.15 Uhr geschafft. „Mitten in der Nacht aufzustehen, hat sich also gelohnt“, sagt er, die Verbitterung in seiner Stimme ist unüberhörbar. „Die Stadt muss dringend mehr Mitarbeiter in den Meldestellen einsetzen. Und es braucht andere Lösungen. Zum Beispiel könnte ein Offline-Schalter eingerichtet werden, um die freien Sprechstunden zu entzerren. So darf es nicht weitergehen.“

Um dem seit Monaten bestehenden Termindruck bei den Meldestellen entgegenzuwirken, hat die Stadtverwaltung nun angekündigt, den Bürgerservice ab dem 10. Juni anders zu organisieren: Unter anderem bleiben die Meldestellen in Hardt, Rheindahlen und Odenkirchen für sechs Monate geschlossen. Im Vitus-Center, im Rathaus Rheydt, in Wickrath und Neuwerk soll dafür zusätzliches Personal eingesetzt werden. Ob die Maßnahmen am Ende Wirkung zeigen, bleibt abzuwarten. Aber mit Warten kennen sich viele Mönchengladbacher ja inzwischen aus.

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