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Interview mit Janie Boms-Homann: Mein Vater war nicht zu entmutigen

Interview mit Janie Boms-Homann : Mein Vater war nicht zu entmutigen

Karnevalsprinzessin Janie Boms-Homann spricht über Antisemitismus, ihren Vater David Boms, den ehemaligen Vorsteher der Jüdischen Gemeinde Mönchengladbach, und den Grund für einen Doppelnamen.

Frau Boms-Homann, Ihr Vater David Boms war Vorsteher der Jüdischen Gemeinde in Mönchengladbach von 1993 bis zu seinem Tod 2003. Er hat sich sehr engagiert und auf Öffnung und Information gesetzt. Jetzt kommt es wieder zu antisemitischen Vorfällen in Deutschland. In Mönchengladbach gab es einen Drohbrief. Trifft Sie das?

Janie Boms-Homann Ich frage mich schon, was das für Menschen sind, die andere so missachten, seien es Ausländer, Muslime oder Juden. Ich bin sehr aufmerksam geworden, als ich von dem Drohbrief hier in Mönchengladbach gehört habe. Dass das hier wieder geschieht, finde ich ungeheuerlich. Hört das denn nie auf? Meinem Vater war es immer sehr wichtig, zu erklären und zu informieren. Er hat viele Schulklassen durch die Synagoge geführt. Bei einem Fall von Vandalismus auf dem Jüdischen Friedhof an der Hügelstraße hat er auf eine Anzeige verzichtet. Stattdessen hat er die beteiligten Jugendlichen sechs Stunden lang durch die Synagoge geführt und ihnen alles erklärt. Sie haben danach so etwas bestimmt nicht wieder gemacht.

Wie hätte er die gegenwärtige Situation erlebt? Wäre er entmutigt gewesen?

Boms-Homann Ich glaube nicht. Mein Vater war nicht zu entmutigen. Er war sehr überzeugt, von dem, was er tat und hätte genauso weitergemacht.

Als Ihr Vater Vorsteher der Jüdischen Gemeinde war, haben Sie da Bedrohungssituationen wahrgenommen oder erlebt?

Boms-Homann Ja, er hatte privat Polizeischutz und auch vor der Synagoge in der Albertusstraße stand immer ein Polizeiwagen. Was ich nie vergessen werde, war sein 50. Geburtstag. Der offizielle Teil wurde im Dorint Hotel gefeiert, wo zeitgleich eine Fußballmannschaft untergebracht war. Das ergab eine etwas unübersichtliche Situation. Deshalb war der Personenschutz sehr nervös und eskortierte mich mit zwei Beamten rechts und links ins Hotel. Ich habe es schon als traurig empfunden, dass so etwas nötig ist, wenn eine Tochter zum 50. Geburtstag ihres Vaters kommt.

Hatten Sie oft Angst um Ihren Vater?

Boms-Homann Er war viel unterwegs und flog oft mit Paul Spiegel, dem damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, nach Berlin. Dann durften sie nie im gleichen Flugzeug fliegen. Das hat mir immer noch einmal die Bedrohung deutlich gemacht.

Ihr Vater stammte aus einer katholischen Familie und ist zum Judentum konvertiert. Gab das Diskussionen in Ihrer Familie? Haben Sie daran gedacht zu konvertieren?

Boms-Homann Nein, das stand nicht zur Diskussion. Mein Vater war auf der Suche, er hat sich mit mehreren Religionen beschäftigt und ist schließlich zum Judentum übergetreten. Er hat Hebräisch gelernt und die Thora studiert. Es war zu Beginn für die Familie sicher auch schwierig, aber das war vorbei, als wir gesehen haben, was er machte und wie wichtig das für ihn war. Er hat sich sehr um die Integration der Juden, die aus Russland zuwanderten, gekümmert, hat Deutschkurse gegeben. Als er begann, umfasste die jüdische Gemeinde in Mönchengladbach 20 Menschen. Als er starb, waren es 700.

Er ist 2003 sehr schnell an Krebs gestorben. Seine Beerdigung war ein großes Ereignis.

Boms-Homann Ja, er wurde auf dem jüdischen Friedhof an der Hügelstraße beerdigt. Es kamen fünfhundert Leute und die ganze Straße war gesperrt. Für mich als Tochter war das eigentlich der Horror. Ich konnte so gar nicht wirklich Abschied nehmen, aber es wurde ihm gerecht. Ein leiser Abgang wäre nichts für ihn gewesen. Er war eine "Rampensau", auch wenn das jetzt despektierlich klingt.

Haben Sie das von ihm geerbt?

Boms-Homann (lacht) Wie kommen Sie denn jetzt darauf?

Sie sind als Niersia Janie die diesjährige Gladbacher Karnevalsprinzessin. Hätte ihm das gefallen?

Boms-Homann Oh ja, er hätte viel Spaß daran gehabt. Er strahlte immer eine große Lebensfreude aus und hatte ein gewisses Savoir vivre. Auch einem guten Glas Rotwein war er nicht abgeneigt.

Denken Sie oft an ihn?

Boms-Homann Er ist sehr präsent, auch weil er in der Stadt nicht vergessen ist und ich bei Begegnungen oft auf ihn angesprochen werde. Auf den Friedhof gehe ich allerdings selten, nicht unbedingt an Jahrestagen, nur nach persönlichem Empfinden. Wir haben uns immer gesehen, wenn wir uns gebraucht haben. Das halte ich auch weiter so. Am Steinsetzungstag aber, der in der jüdischen Tradition wichtiger ist als der Geburtstag oder der Todestag, bringe ich einen Stein an sein Grab.

Sie haben den Namen Boms beibehalten. Zur Erinnerung an ihn?

Boms-Homann Ja, ich bestehe zwar nicht so auf dem Doppelnamen. Bei der Anrede reicht mir Homann, aber ich habe den Boms behalten, weil er sonst völlig verschwunden wäre. Das wollte ich nicht.

RALF JÜNGERMANN UND ANGELA RIETDORF FÜHRTEN DAS GESPRÄCH.

(arie)