Mönchengladbach: Martin Hensel bringt Kunst ins Kamillus

Mönchengladbach: Martin Hensel bringt Kunst ins Kamillus

Wuchtige Figuren und zarte Arbeiten von Martin Hensel sind ab morgen im Kolumbarium an der Kamillianerstraße zu sehen. Der Neusser Künstler hat sie feinfühlig im Raum und auf den Emporen platziert. Morgen ist die Eröffnung.

Der Mann steht da wie erstarrt. Vor ihm auf dem Boden liegt eine weitere Gestalt. Gestürzt? Tot? Die Situation irritiert. Der Gefallene muss (noch) leben. Er stützt seinen Oberkörper mit einer Hand und mit seinem Kopf. Da ist Spannung, da wird etwas passieren. Wird er wieder aufstehen? "Ich habe diese Arbeit bewusst in die obere Etage der Emporen platziert", sagt Martin Hensel. Er befürchtet, dass nicht jeder mit der Dramatik der Szene zurechtkommt. Dabei sind alle Deutungen möglich. Der Aufrechte steht womöglich für die Kraft des Menschen, sich immer wieder aufzurappeln. Oder ist er vielleicht böse und hat den anderen zu Fall gebracht? Der Künstler hat offensichtlich Freude an derlei konträren Überlegungen. Und der Betrachter sollte einen Weg finden, mit den beiden Figuren umzugehen. Er hat die Freiheit, etwas Schreckliches zu erkennen, er darf aber auch den Spieß umdrehen, und eine zuversichtliche Perspektive einnehmen.

Die "Großen Seelenboote" liegen fein und zart auf dem Boden. Foto: Bauch Jana

"Wenn die Zeit stehenbleibt" hat Martin Hensel die zweiteilige Arbeit genannt, die er im vergangenen Jahr geschaffen hat, und die zum ersten Mal öffentlich zu sehen ist. Die lebensgroßen Figuren bestehen aus Gips, Epoxidharz und Eisenpigmenten. Bearbeitet hat der Künstler sie mit Säure, so dass die Oberfläche oxidiert. Bambus und wächserne weiße Schmetterlinge sollen die Dramatik der Szene mildern und den Betrachter womöglich trösten, sagt der Künstler. Er hat etliche große und kleinere Arbeiten aus seiner Werkstatt in Neuss nach Dahl transportiert. Im St. Kamillus Kolumbarium sind sie zu finden - auf allen Ebenen.

"Wenn die Zeit stehenbleibt" heißt diese zweiteilige beeindruckende Arbeit. Der Künstler lässt diverse Deutungen zu. Foto: Bauch Jana

Augenfällig ist die Dreiergruppe im Chorraum des Kolumbariums. Das ist Leiden pur. Eine stehende Figur schaut auf zwei weitere. Eine hockt, die andere kauert sich auf dem Boden zusammen. "Durch den Schmerz" hat Martin Hensel diese Gruppe genannt, die er mit Kettensäge und dem Beitel, einer Art Stemmeisen, aus dem Holz herausgearbeitet hat. Wuchtig sind die Figuren, machtvoll in ihrer Wirkung. Sie bestehen in diesem großen, lichtdurchfluteten Raum, der von dem bedeutenden Architekten Dominikus Böhm gestaltet worden ist und seit einigen Jahren als Grabesstätte dient.

Der Künstler Martin Hensel im Kamillus Kolumbarium Foto: Bauch Jana
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Aber auch die kleineren Arbeiten, die teilweise fast versteckt auf den Emporen platziert sind, haben eine ungeheure Kraft. Hölzerne Figuren, mit einem Strick gefesselt oder in Dornen gehüllt, deutet Hensel selbst weniger religiös als philosophisch. "Wenn wir fixiert werden, leiden wir, wenn wir uns nicht bemühen, uns zu verändern, verharren wir im Elend." Sehr poetisch und ganz leise sind die drei zartgelben Boote, die Hensel "Große Seelenboote" nennt. Sie liegen auf dem Boden. Sind gekentert? Oder am Strand abgelegt? Geschaffen hat der Künstler sie aus Pappe, Sackleinen, Epoxid und Wachs. Die Boote wirken zerbrechlich, gefährdet. Ob sie überhaupt jemals schwimmen könnten?

Martin Hensel empfindet den Raum, in dem er seine Ausstellung heute noch komplettieren wird, als besonders angenehm. "Ich fühle hier keine Schwere, es handelt sich ja auch nicht um eine Gruft, sondern um einen lichtdurchfluteten Raum." In den die Urnenschränke wunderbar feinfühlig eingepasst wurden.

Morgen, 18. Februar, wird die Ausstellung von Martin Hensel unter dem Titel "Transformation" um 11 Uhr im St. Kamillus Kolumbarium an der Kamillianerstraße 40 eröffnet. Sie ist bis zum 16. März täglich von 9 bis 19 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei.

(RP)
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