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Serie was macht eigentlich?: Marc Auguste: Seit 50 Jahren pendelt er zwischen zwei Welten

Serie was macht eigentlich? : Marc Auguste: Seit 50 Jahren pendelt er zwischen zwei Welten

Marc Auguste hat dabei geholfen, die Mönchengladbacher Drogenberatung aufzubauen. Der heute 75-Jährige studierte in seinem Heimatland Haiti Ethnologie, während der Studentenbewegung in Münster Soziologie – und stand als Fußballtrainer an der Seitenlinie.

Marc Auguste hat dabei geholfen, die Mönchengladbacher Drogenberatung aufzubauen. Der heute 75-Jährige studierte in seinem Heimatland Haiti Ethnologie, während der Studentenbewegung in Münster Soziologie — und stand als Fußballtrainer an der Seitenlinie.

Jedes Mal, wenn Marc Auguste den Flughafen betritt, sind sie wieder da: Trauer und Freude. Die beiden Gefühle begleiten den 75-Jährigen ständig auf seinen Reisen. Er hat sie im Gepäck, wenn er in sein Heimatland Haiti fliegt, und nimmt sie wieder mit, wenn er in seine zweite Heimat, nach Gladbach, zurückkehrt. Regelmäßig wandelt Marc Auguste zwischen den Welten, zwischen Karibik und Niederrhein.

"Wenn ich in Deutschland bin, vermisse ich die Sonne, die morgens auf mein Bett scheint. Dann fehlt mir die laute Musik auf den Straßen und die vielen Kontakte zu anderen Menschen", sagt er: "Und wenn ich in Haiti bin, dann vermisse ich die Pünktlichkeit, die Rücksicht, die Menschen hier nehmen, und die Achtung von Gesetzen." Auguste schätzt diese Vielfalt. Sie sei ein großes Glück.

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Mit 75 Jahren hat Auguste mehr erlebt, als andere in drei Leben. Er promovierte in Haiti in Ethnologie und wurde vor seinem Abschluss gezwungen, das Land zu verlassen. Er wurde in die Fußball-Nationalmannschaft berufen, musste nach einem Kreuzbandriss in einem Testspiel aber den Traum einer großen Karriere aufgeben. Statt dessen kam er nach Deutschland, baute in Mönchengladbach die Drogenberatung mit auf und wurde deren Leiter. 2010 überlebte er das Erdbeben in Haiti und organisiert seitdem Hilfe.
Doch angefangen hat alles mit einer zufälligen Begegnung. Auf der Kaffeeplantage seiner Eltern sei eines Tages ein Deutscher erschienen, erzählt Marc Auguste, der nach dem Krieg nach Südamerika geflüchtet war. Er erzählte ihnen von Deutschland und brachte ihnen die Sprache bei. "Wir haben damals als Kinder beim Roten Kreuz noch Päckchen mit Lebensmitteln und Seife für Deutschland gepackt."

1963 folgte er den Paketen und ging in das Land, von dem er bis dahin so viel Grausames gehört hatte. Es war kalt am 28. Dezember und Marc Auguste sah zum ersten Mal in seinem Leben Schnee. "Von meinem ersten Scheck habe ich mir damals Stiefel gekauft", sagt er. Das Land war anders, als er es sich vorgestellt hatte: "Hier war alles offen, alles im Aufbau."

Auguste wurde Fußballtrainer beim SuS Herzogenrath. "Das ist zweifellos ein Novum auf dem deutschen Trainermarkt", schrieb damals die Lokalzeitung über den dunkelhäutigen Trainer, dem sie gleichzeitig ein hartes Training attestierte. Den Traum einer großen Karriere als Fußballer hatte Auguste da bereits aufgegeben. "Ich habe als junger Spieler in der Reserve der Nationalmannschaft von Haiti gestanden", sagt er. Eine Verletzung stoppte den jungen Spieler und zwang ihn umzudenken. "Vom Fußball konnte man damals noch nicht leben", sagt er und fügt lachend hinzu: "Wir haben in Haiti für Ruhm gespielt — und natürlich für die Mädchen."

Also wechselte er an die Seitenlinie, finanzierte sich damit sein Studium der Soziologie — und wurde damit zwangsläufig Teil der Studentenbewegung. "Mach kaputt, was dich kaputt macht", zitiert er noch heute die bekannten Sprüche. In dieser Zeit habe man nicht einfach herumsitzen können: "Es war fantastisch, die Jahre sind einfach an einem vorbeigeflogen."
Doch für ein Praktikum verließ er Westfalen und zog mit seinem Bruder an den Niederrhein. "Damals explodierte die Drogenszene in Deutschland", sagt er. Mohn-Kapseln und Opium, Haschisch und Anti-Depressiva trieben die Zahl der Suchtkranken in die Höhe. Auguste half mit, in Gladbach eine Drogenberatung aufzubauen, wurde später sogar ihr Leiter. Mit seinem Team drehte er Präventionsfilme und suchte den Kontakt zu den Süchtigen. 30 Jahre arbeitete er mit den Menschen zusammen, bis er 2002 in den Ruhestand ging.
"Wir sind nicht als Arzt oder Therapeut aufgetreten, sondern als normale Menschen", sagt er. Man gründete eine Fußballmannschaft, half bei Problemen vor Gericht und arbeitete eng mit den Familien zusammen. Nicht alle schafften den Absprung aus der Sucht und starben. "Das waren Schocks", sagt Marc Auguste noch heute: "Wir kannten die Leute fast besser als unsere Kinder."